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1984 – Willkommen in der Gegenwart

Wem kann ich trauen und woher weiß ich, dass das was ich denke meine eigenen Gedanken sind?

Mit dem Schauspiel 1984, das am 25. November 2017 seine Premiere feierte, ist ein zum Nachdenken anregendes Stück in den Spielplan des Nationaltheaters Mannheim aufgenommen worden. Erschreckend ist, wie real der als Vorlage dienende dystopische Roman George Orwells 1984 heute ist. Nicht nur das beklemmende Thema des Überwachungsstaates, auch das undurchsichtige Handeln von Regierung und Konzernen sind aktuell wie nie.

„Krieg ist Frieden – Freiheit ist Sklaverei – Unwissenheit ist Stärke.“

Die ersten Worte hallen eindringlich aus den Lautsprechern und leiten ein Gefühl von  Unbehagen ein. Rasch wird das Publikum in das Leben des Winston Smith eingeführt, das von Angst, Folter und dem Versuch die Würde des Menschseins nicht zu verlieren, geprägt ist. Der Zuschauer beginnt binnen kurzer Zeit mit dem Hauptdarsteller mitzuleiden. Er wird von den zunächst absurd erscheinenden Themen mitgerissen, die sich schnell als gar nicht so weit entfernt von unserer heutigen Gesellschaft entpuppen. Nur nicht als Gedankenverbrecher enttarnt werden, ist die Devise des Winston Smith, der mit aller Kraft versucht sich nicht dem System, der Partei, zu beugen. Diese hat sich zur Aufgabe gemacht, jedem ihre Gesinnung zu indoktrinieren und die gesamte Vergangenheit zu vernichten. Die Geschichte, die Wörter, einfach alles. Neusprech soll die neue Zusammensetzung der erlaubten Wörter sein, die existierenden Wörter zerstört, das Altsprech vernichtet werden. Wer als Gedankenverbrecher denunziert wird, muss mit mentaler Folter rechnen. Das letzte Stückchen Freiheit von Winston und seiner Geliebten Julia ist die nicht so einfach kontrollierbare, jedoch von der Partei verbotene Liebe. Sie gilt als das zentrale Motiv aller Hoffnung, ohne die Partei denken und fühlen zu können. Dargestellt mit einer langwierigen Sexszene wird versucht, diese Hoffnung als Akt einer Befreiungsaktion darzustellen. Hierbei rückt weniger die Liebe als eher die Triebhaftigkeit in den Vordergrund. Wäre nicht nur das sexuelle Verlangen im Vordergrund gestanden, hätten wichtige Stellen noch dramatischer ausfallen können. Als Smith sich auf die Suche nach der Bruderschaft macht, hofft er in O´Brien einen Verbündeten getroffen zu haben. Doch wer ist noch nicht Teil des Systems? Die in Panik ausartende Verwirrung des Hauptdarstellers bekommt das Publikum detailreich serviert, so dass sich der Zuschauer seiner Verzweiflung gar nicht entziehen kann.

In der Inszenierung von Georg Schmiedleitner beeindrucken vor allem Benjamin Pauquet in der Rolle des Winston Smith und Michael Fuchs als O´Brien aufgrund ihres glaubwürdigen Auftretens. Während das Publikum die Verzweiflung Smiths förmlich spüren kann und am Ende des Stückes Paquet völlig verausgabt aufgrund der leidenschaftlichen Darbietung ist, brilliert Fuchs mit seiner gnadenlosen Ausdrucksstärke, die einem das Gefühl verleiht, er sei eins mit seiner Figur geworden.

Trotz des recht einfachen Bühnenbildes in Form eines riesigen Drehkreuzes, ist es gelungen, den Versuch Smiths, nicht unter die Räder der Partei zu geraten, visuell zu verstärken. Auch die Licht und Soundeffekte tragen an diesem Abend dazu bei, dass das Publikum in den Bann des Stückes gezogen wird, die jedoch teils auch ein unangenehmes Gefühl zurücklassen. So scheint der psychisch völlig zerstörte Smith dem Zuschauer noch näher zu kommen.

Das Schauspiel ist allein aufgrund der Thematik kein Zuckerschlecken, aber für jeden, der sich gerne mit der Entwicklung der Gesellschaft auseinandersetzt, ein Muss und definitiv sehenswert.

Text: Camie Klein

Fotos: www.nationaltheater-mannheim.de

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