Kultur Theater

Agnes – Eine Liebesgeschichte zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Zwei Einzelgänger suchen gemeinsam nach Glück – so sehr, dass sie jeden Sinn für die Realität verlieren. Muss das unweigerlich in einer Tragödie enden? Fragen wie diese beantwortet das Theaterstück „Agnes“ nach dem Roman von Peter Stamm. Die Geschichte erzählt von einer Liebe –vom ersten Zusammentreffen der beiden bis zur letzten Begegnung. Agnes, eine 25-jährige Physik-Studentin, und ein namenloser, wesentlich älterer Ich-Erzähler, ein Schweizer Sachbuchautor, laufen sich das erste Mal in der Chicagoer Bibliothek über den Weg. Bald werden sie ein Paar. Auf das Drängen von Agnes hin beginnt der Ich-Erzähler einen Roman über das Leben der beiden zu schreiben. Anfangs geht es dabei noch um Ereignisse, die bereits passiert sind. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt gewinnen die Geschichten Einfluss auf die Zukunft der beiden.

Vor der Vorstellung wird schon durch ein kurzes Umsehen klar: Heute bleibt wohl kein Stuhl leer, das Stück scheint bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das Publikum wirkt darüber hinaus auffallend jung. Was aber eine recht einfache Erklärung hat: Agnes, der gleichnamige Roman, ist bereits seit einigen Jahren Pflichtlektüre an Gymnasien in Baden-Württemberg. Auch ich habe das Buch schon im Vorfeld gelesen. Also stellte ich mir natürlich vor diesem Besuch direkt die Frage: Kann das Theaterstück dem Roman gerecht werden? Oder ist die Geschichte vielleicht sogar lebendiger und interessanter, wenn sie von Menschen live vorgetragen wird? Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass das Theater für mich persönlich ziemliches Neuland ist, meine Besuche kann ich an einer Hand abzählen, und sie liegen zudem auch schon etwas zurück. Für gewöhnlich wähle ich eher Kino oder Buch. Daher bin ich umso mehr gespannt, wie gut es wohl gelingt, diesen Roman auf einer Bühne dar zu stellen. Als es still wird im Saal, betreten die beiden Protagonisten die Bühne und alle Augenpaare im Publikum blicken gespannt auf sie.

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Das gesamte Stück ist aus der Sicht des Ich-Erzählers gezeigt. Die Geschichte beginnt mit dem ersten Aufeinandertreffen des Paares. Bereits nach wenigen gesprochenen Sätzen wird deutlich: Die Schauspieler schaffen es, die Geschichte dem Publikum authentisch nahe zu bringen. Sie können die verschiedenen Charakteristika der beiden Figuren, wie Unsicherheit oder Distanziertheit, sehr überzeugend darstellen.

Was mich wundert: Die Schauspielerin der Agnes wirkt sehr sympathisch, ihre Figur erscheint um einiges fröhlicher und verspielter als in Peter Stamms Buch. Sie wirkt weniger verschlossen, es wird gerade am Anfang des Stücks für jeden ersichtlich, wie viel Freude sie an der Beziehung hat. Sie zeigt offen, wie sehr sie die Aufmerksamkeit des Ich-Erzählers genießt.

So ahnt der Zuschauer auch nichts von dem kommenden Unglück: Als der Ich–Erzähler beginnt, seine Geschichte über das Leben von sich und Agnes zu schreiben. Diese Geschichte hat wie bereits erwähnt zunächst keinerlei Einfluss auf das Leben des Paares.  Erst als er anfängt, über die Zukunft der beiden zu schreiben und Agnes beginnt, sich wie nach seiner Regie zu verhalten, erkennt man, dass das Spiel mit der Wirklichkeit für beide ungut ausgehen könnte. Darüber hinaus begegnet der Ich-Erzähler während des Stücks auch immer wieder Louise, einer leichtlebigen, freizügigen Französin, die wohl der Gegenentwurf zur introvertierten Agnes sein soll und eine Verführung für den Ich-Erzähler darstellt.

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Gerade, als sich die beiden Hauptpersonen ein ruhiges, harmonisches Leben aufgebaut haben, kommt ein Schicksalsschlag, der die beiden auf eine Zerreißprobe stellt.

An dieser Stelle zeigt sich, wie ihnen die emotionale Verschlossenheit im Weg steht. Gerade der Ich-Erzähler wirkt geradezu beziehungsunfähig. Als Folge dieses Erlebnisses werden später noch stärker die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Die beiden drohen den Sinn für die Realität zu verlieren. Ist ein ungutes Ende hier vorprogrammiert?

Die Inszenierung des Stückes ist minimalistisch gehalten, meiner Meinung nach erhält sie dadurch einen besonderen Touch. So sind nur zwei Schauspieler am gesamten Stück beteiligt. Dies rückt die Beziehung der beiden noch stärker in den Fokus. Auch vermittelt das eine gewisse soziale Isolation, in der sich das Paar befindet. Ebenfalls der Einsatz von Requisiten wirkt zurückhaltend und die wenigen vorhandenen werden auf verschiedene Weisen benutzt. Die gesamte Aufmerksamkeit liegt, wie bereits erwähnt, auf den beiden Hauptpersonen. Letztendlich hilft all dies dabei, die kühle Atmosphäre zu transportieren, die von Peter Stamms Roman konstruiert wurde, da die Inszenierung ohne unnötige Ausstattung auskommt.

Was ist jetzt das Fazit meines Theaterbesuchs? Es ist gelungen, das Buch Agnes mit einem Minimum an Ausstattung passend und authentisch auf die Bühne zu bringen. Für mich zeigt sich nach diesem Besuch: Theater ist mehr als nur eine Alternative zum Buch.

Text: Jennifer Reutter Fotos: (c) Christian Kleiner

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