Kaleidoskop

Auf Ritalin ins Luftschloss

Mythos oder Fakt: Das Ritalin von Studierenden zur Leistungssteigerung missbraucht wird ist immer wieder Thema in der Öffentlichkeit. Wir haben uns auf die Suche gemacht herauszufinden, was wirklich hinter dem Phänomen Ritalin steckt.

Googelt man „Ritalin“ und „Studium“ findet man Artikel, die bereits 2009 veröffentlicht worden sind. Das Ganze ist also keine komplett neue Erscheinung, Fakten zum Thema sind dennoch rar. In einer 2011 von der Uni Mainz durchgeführten Studie gaben etwas mehr als zwei Prozent der befragten Studierenden an, schon einmal Stimulanzien wie Ritalin als „cognitive enhancement“ genommen zu haben. Laut aktuelleren Zahlen aus dem diesjährigen ZEIT-ONLINE Drogenberichts haben vier Prozent das Mittel „schon mal probiert“. Ein Massenphänomen scheint es also auch nicht zu sein, was auch Katja Bär, Pressesprecherin der Universität Mannheim, bestätigt: „Ritalin ist nur am Rand ein Thema“, erklärt sie auf Nachfrage des uni[ma]gazins. Für Sie geht das Phänomen auf den zunehmenden Druck mit dem Studierende zu kämpfen haben zurück. „Gerade in der BWL“, sagt Bär, „machen sich die Studierenden großen Druck. Man kommt mit einem Einser-Schnitt hier an die Universität und auf einmal ist man nur noch von solchen Einserkandidaten umgeben und die Ausdifferenzierung finndet statt.“

Auch hier sind also nur vage Vermutungen zu finden, daher haben wir nach Studierenden gesucht, die tatsächlich Ritalin zur Leistungssteigerung konsumieren und haben Andreas* kennen gelernt. Andreas studiert nicht BWL, sondern VWL an der Universität Mannheim. Er ist einer, den man wohl als Durchstarter bezeichnen würde: Notendurchschnitt Eins-Komma, ein guter Nebenjob und mehrere ehrenamtliche Tätigkeiten zur „Lebenslauf-Optimierung“, wie er es selbst nennt. In den Semesterferien hat er stets einen Praktikumsplatz. Auf die Frage, ob ihm sein Studium denn Spaß mache, antwortet er sofort mit „Ja“. „Es ist anspruchsvoll, aber man hat immer im Hinterkopf, dass man später alle Chancen hat. Das ist eigentlich das Motivierende.“ Andreas redet bedacht, ohne dabei unsympathisch oder herablassend zu wirken, dafür scheint er viel zu geerdet. Er wägt seine Worte ab. Nur das Herumspielen mit dem Kaffeebecher lässt darauf schließen, dass er etwas nervös ist.

Andreas hat im ersten Semester von einem Bekannten Ritalin empfohlen bekommen. Seine erste Erfahrung mit dem Mittel beschreibt er als „faszinierend“. Faszinierend waren für ihn, aus seiner analytisch, rationalen Sicht, die vielen Möglichkeiten, die sich ihm nun boten: „Ich nutze Ritalin als Mittel, um mein Ziel zu erreichen und glaube, dass ich nicht in diesem Notenbereich stehen würde, ohne nachzuhelfen.“ Seinen Umgang mit dem Mittel beschreibt er als „professionell“. Er missbrauche Ritalin nicht als Party-Droge und beschränke die Nutzung auf „die heiße Zeit im Semester“. „Ich möchte die Distanz zum Mittel wahren, da ich Einige kenne, die negative Erfahrungen gemacht haben.“, begründet er seine Einstellung. Auch hier zeigt Andreas wie zielstrebig und gewinnmaximierend er denkt.

„Man kriegt diesen Tunnelblick, bei dem alles Störende ausgeschaltet wird.“

Die Wirkung des Mittels beschreibt er genauso, wie man es auch aus dem Internet erfährt: Man werde fokussierter, zielgerichteter, detailorientierter und selbstbewusster. „Man kriegt diesen Tunnelblick, bei dem alles Störende ausgeschaltet wird.“, sagt er. Die Nebenwirkungen seien erträglich. „Man hat einen trockenen Mund, muss häufiger auf die Toilette gehen, die Hände zittern und der Puls steigt“, beschreibt Andreas. Über die Risiken hatte er sich im Voraus informiert. Er spricht sehr wissend über das Mittel, mit dem er seine Lernleistung steigert: „Zum professionellen Umgang gehört für mich auch, dass man weiß, was man sich da eigentlich reinstopft. Alles andere ist ja auch Kinderkram.“ Wägt man diese Risiken gegen die Erfolge, die durch das Mittel erzielt werden, ab, spricht, aus Andreas‘ Sicht eigentlich nichts mehr gegen den Konsum zur Leistungssteigerung. Durch Ritalin, sagt Andreas, kenne er keine schlechten Lerntage mehr: „Wenn man um 10 Uhr morgens merkt, heute bin ich nicht so fit, dann nimmt man das und es wird ein hochproduktiver Tag.“ So nutzt Andreas das Mittel sowohl in der Lernphase als auch während den Klausuren selbst. Und wie kommt man an das Mittel ran? Ritalin ist immerhin ein verschreibungspflichtiges Medikament. „Man kennt immer irgendjemanden der einen kleinen Bruder mit ADHS hat oder eben über andere Kanäle aus dem Ausland. Mit einer gewissen Risikobereitschaft ist es kein Problem an Ritalin ranzukommen,“ erläutert Andreas das scheinbar nicht vorhandene Problem.

“Wäre das Gemeinschaftsgefühl unter den Studierenden stärker ausgeprägt, hätte ich vielleicht mehr Skrupel Ritalin zu nehmen.”

Auf die Frage ob er sich nicht als eine Art Marionette der Leistungsgesellschaft fühle und mit Ritalin die „Droge der Pflichterfüller-Generation“ nähme, ant- wortet er abgeklärt: „Die einen sind Idealisten und ich bin eben schon immer eher dem Pragmatismus zugehörig gewesen. Es hat meiner Meinung nach keinen Sinn gegen das System anzurennen.“ Er sieht sich gerne als „Pflichterfüller“, wenn am Ende der Pflicht auch eine ordentliche Belohnung steht. Auf die Frage ob er es nicht unfair seinen KommilitonInnen gegenüber fände, dass er mit Ritalin nachhilft, antwortet Andreas zunächst sehr hart: „Es ist auch möglich ohne Ritalin oder Ähnliches da oben dabei zu sein. Aber hier in Mannheim ist die Konkurrenz schon groß. Vielleicht habe ich eben die Fähigkeit, nicht am Idealismus zu zerbrechen und mit Ritalin nachzuhelfen. So werden vielleicht die Talente ausgeglichen.“ Nach mehrmaligem Nachfragen rudert er etwas zurück und schiebt das Problem auf das Gesamtsystem Universität: „Die Hemmschwelle wird reduziert durch die Art und Weise wie die Studenten miteinander umgehen. Jeder konzentriert sich nur auf sich. Wäre das Gemeinschaftsgefühl unter den Studierenden stärker ausgeprägt, hätte ich vielleicht mehr Skrupel Ritalin zu nehmen. Wir sind hier alle nur Nummern in einem riesigen System und was uns am Ende unterscheidet, ist nur die Leistung.“ Das Gespräch mit Andreas hinterlässt Fragen. Einerseits erscheint sein Handeln hochgradig unfair, aber andererseits beeindruckt seine Zielstrebigkeit zum Erfolg.

Die medizinischen Sicht

Steht man mit seiner Ablehnung gegenüber Ritalin sich eher selbst im Weg? Als nächstes haben wir uns mit Prof. (apl.) Dr. Dr. Esther Sobanski, Leitende Oberärztin an der AHG- Klinik für Psychosomatik in Bad Dürkheim und Leiterin der Arbeitsgruppe „ADHS im Erwachsenenalter“ am Zentralinstitut für seeli- sche Gesundheit in Mannheim in Verbindung gesetzt. Sie erklärt, dass das Medikament vor Allem bei „schon vorhandenen Problemen wie Herzleiden, Bluthochdruck oder Epilepsie zu Komplikationen führen könnte“. Für sie ist der viel entscheidendere Aspekt, aber die Einstellung die man seinem Körper gegenüber pflegt: „Man lebt an seinem Körper vorbei, da man ständig über die eigenen Leistungsgrenzen geht. Am Ende wird kein reales Ergebnis mehr produziert. Dieses ständige Missachten der physiologischen Grenzen, kann man als selbstgefährdendes Verhalten beurteilen.“ Ist es also übertrieben ehrgeizig und leistungsorientiert, mit Ritalin nachzuhelfen und sich selbst zu einem Lern-Zombie zu machen?

Andreas erzählt, dass er das Medikament auch schon während Prüfungen genommen hat. Verstößt der Konsum von Ritalin nicht gegen die Prüfungsordnung? Filomena Saia-Merkel, Leiterin des Prüfungsausschuss BWL, erklärt, dass ein Ausschluss von einer Prüfung nur aufgrund von massivem Stören erfolgen kann. Da es keine Grundlage zur Einschränkung von Ritalin-Konsum gemäß der Prüfungsordnung vor und während der Prüfung gibt, seien der Prüfungskommission die Hände gebunden. „Wir müssten immer davon ausgehen, dass das Mittel demjenigen verschrieben wurde. Wird jemanden des Täuschungsversuchs beschuldigt, so wäre der Prüfungsausschuss in der Bringschuld und müsste beweisen, dass das Mittel dem Beschuldigten nicht verschrieben wurde“, erklärt Saia-Merkel das Dilemma.

Was bleibt also am Ende? Das Resultat ist ernüchternd. Studierende wie Andreas fahren sehr gut mit ihrer „cognitive enhancement“- Strategie, die Prüfungskommission kann solches „Doping“, wie Dr. Sobanski das Mittel nennt, nicht verhindern, die körperlichen Nebenwirkungen sind noch nicht klar absehbar. Das heißt letztendlich ist es den Studierenden selbst überlassen zu entscheiden ob das „dopen“ in Ordnung ist oder nicht, wobei der Körper langfristig unabsehbare Schäden tragen kann. Prof. Dr. Bernward Gesang vom Lehrstuhl für Philosophie III an der Uni Mannheim hat sich intensiv mit jeglicher Form von „enhancement“ aus der Perspektive des humanen Utilitarismus auseinander gesetzt. In seinem Buch „Perfektionierung des Menschen“ fast er seine Ergebnisse wie folgt zusammen: „Ob es wirklich „genug“ mit dem Fortschritt ist, das zu entscheiden ist in einer liberalen modernen Gesellschaft Sache des Einzelnen, wenn dieser Fortschritt die Gesellschaft nicht massiv gefährdet. Jeder, der des Wettlaufs um Perfektion überdrüssig ist, muss aus diesem „Hamsterrad“ aussteigen können. Niemand darf durch Gesetze oder soziale Umstände gezwungen werden, sich ver- bessern zu lassen. […] Darüber hinaus muss es in einer freien Gesellschaft aber dem Einzelnen auch erlaubt sein, sich zu verbessern, wenn das höchstens ihm selbst schadet.“

„Enhancement“ oder speziell Ritalin-Konsum zur Steigerung der Lernleistung ist für ihn also solange vertretbar, wie es niemand anderen beeinflusst oder schadet. Ist an unser Uni dieser Fall noch gegeben oder werden Spitzenergebnisse in den Prüfungen schon längst mit Hilfe von Medikamenten in Sphären verschoben, die für Studierende ohne einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetzes nicht mehr erreichbar sind? Die Frage lässt sich kaum beantworten dafür fehlen die Zahlen, mit jedem weiteren Konsumenten steigt aber die Gefahr.

*Name von der Redaktion geändert

Text: Lars Sellien, Foto: Leonie Ader

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