Allgemein Corona

Aufmerksamkeit auf Achtsamkeit

„Was habe ich heute Morgen als allererstes gemacht?“ – „Wie schmeckt heute eigentlich mein Kaffee?“ – „Wie bin ich zur Bahnstation gelaufen?“ 

All das sind Fragen, die ein achtsamer Mensch aus dem Stehgreif beantworten könnte. Denn genau darum geht es beim achtsam Sein: Um das Begreifen jeglicher Erfahrungen und das Verlassen des Autopiloten-Modus. Das Ganze zielt darauf ab, im Alltag zu „entschleunigen“ – ein Wort das wir vor allem von der Corona-Anfangszeit nur allzu gut kennen. (Online-) Uni, Job und/ oder Haushalt sollen bei erfolgreicher Ausführung von Achtsamkeitsübungen zum Selbstläufer werden. Sogar die anstrengenden Zoom-Calls mit den medial nicht versierten KollegInnen oder KommilitionInnen sollen so ertragbar(er) werden und ähnlich entspannend sein wie eine Stunde Yoga? Gewinnt die Achtsamkeit verdientermaßen so viel Aufmerksamkeit? 

Dem „Projekt Achtsamkeit“ kann man sich auf verschiedene Weisen nähern. So gibt es Achtsamkeitskalender, Achtsamkeitskarten und bestimmte Apps, die den Weg zur Achtsamkeit unterstützen und begleiten sollen. Alle diese Tools sollen also im Wesentlichen helfen, sich im Alltag bewusster zu bewegen, zu erinnern, zu sein. Unabhängig von der Art der Achtsamkeitstools, ist ein deutlicher (Verkaufs-) Trend zu beobachten: Achtsamkeitskalender sind das coole Weihnachtsgeschenk für die Schwester, Apps werden in Studierenden-Gruppen geteilt und vor allem während der Corona- Zeit als „Wundermittel“ gegen die schlechte Stimmung abgetan. 

Doch besonders die Apps wirken auf den ersten Blick etwas paradox. Schließlich soll hier durch Pop-up-Benachrichtigungen erreicht werden, dass sich die NutzerInnen auf Wesentliches konzentrieren und sich nicht ablenken lassen sollen.  Die Forschung ist sich was das angeht, einig: Die Nutzung von Achtsamkeits-Apps weist signifikant positive Werte in Bezug auf Achtsamkeits-Stärkung und der Verminderung von Stress und Depressionen. Dabei sollen vor allem die in den Apps lokalisierten Achtsamkeits-Übungen hilfreich sein. Die potentielle Ablenkungsgefahr durch den Griff zum Smartphone wird in Studien als überraschend gering bewertet, da mit der trainierten Achtsamkeit ein Schutzfaktor einhergeht. 

Wer also dem Konzept der Achtsamkeit eine Chance geben will, kann sich durchaus mit den Apps herantasten. Alle, die Achtsamkeit nicht – zumindest nicht gezielt – trainieren möchten, kann es helfen, alltägliche Aufgaben schlicht etwas bewusster auszuführen. Also am besten während der Online-Vorlesung mal nicht 90 Insta-Stories durchklicken, während dem Frühstücken nicht direkt dran denken, dass die Bahn ja schon in 20min kommt und beim Abwasch mal nicht die neueste Folge „Gemischtes Hack“ hören, sondern sich auf die Handlung und die dazugehörigen Gedanken einlassen. Denn wie Jiddu Krishnamurti, ein indischer Philosoph, gesagt hat: „Es gibt keine Methode. Es gibt nur Achtsamkeit.“ Mit dem Wissen über Achtsamkeit hat man also schon den ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. 

Quellen

https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/achtsamkeit-was-ist-das-a-1046882.html

Huberty, J., Green, J., Glissmann, C., Larkey, L., Puzia, M., & Lee, C. (2019). Efficacy of the mindfulness meditation mobile app “Calm” to reduce stress among college students: Randomized controlled trial. JMIR mHealth and uHealth, 7(6), 14273.

Economides, M., Martman, J., Bell, M. J., & Sanderson, B. (2018). Improvements in stress, affect, and irritability following brief use of a mindfulness-based smartphone app: a randomized controlled trial. Mindfulness9(5), 1584-1593.

Querstret, D., Cropley, M., & Fife-Schaw, C. (2018). The effects of an online mindfulness intervention on perceived stress, depression and anxiety in a non-clinical sample: a randomised Waitlist control trial. Mindfulness9(6), 1825-1836.

Findeis-Dorn, C. Achtsamkeit lernen im Offenen Dialog. Gruppendynamik 35, 7–26 (2004). https://doi.org/10.1007/s11612-004-0002-0

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