Campusleben

Baby, Bib, Bachelor – Studieren mit Kind

Mit Studierenden verbindet man lange Tage in der Bibliothek, Ausschlafen, aufregende Auslandssemester und durchfeierte Nächte. Kinder tauchen in diesen Vorstellungen eher selten auf. Aber wie genau studiert es sich eigentlich mit Kind? Ist das Studium wirklich der richtige Zeitpunkt für Familienzuwachs?

Wenn das neue Semester beginnt, habe ich vor allem folgende „Probleme“: „Das Seminar um 08:30 Uhr klingt toll, aber 08:30 Uhr ist ja wirklich sehr früh. Vielleicht doch lieber das weniger interessante Seminar um 10:15 Uhr und dafür länger schlafen? Und freitags in die Uni ist auch doof, weil ja donnerstags immer der Schneckenhof ansteht. Ich muss außerdem noch dieses Referat für nächste Woche vorbereiten und die Bewerbung für mein Auslandssemester abgeben. Naja, mache ich morgen!“ Ein Kind kommt da nicht vor.

Deutschlandweit haben ungefähr fünf Prozent aller Studierenden Kinder. Mannheim liegt mit drei bis vier Prozent unterhalb des Durchschnitts. Karla Leideck gehört zu diesem kleinen Kreis Minderheit und ihre Freundin Isabel Klaverfeld in wenigen Tagen auch. Karla ist 28 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder im Alter von zwei und drei Jahren und studiert Englisch und Politikwissenschaft auf Lehramt an der Universität Mannheim. Ihre Freundin Isabel ist zum Zeitpunkt des Interviews nur wenige Tage von ihrem Geburtstermin entfernt, seit Kurzem verheiratet und studiert ebenfalls Lehramt. Dass unsere Tagesabläufe sich stark unterscheiden, wird mir ziemlich schnell bewusst. Als wir uns gemeinsam mit Isabel um 10:00 Uhr zum Interview treffen, ist Karla schon seit vier Stunden wach. Ihre beiden Kinder sind schon in der Kita und das Seminar um 08:30 Uhr hat sie auch schon besucht. Ich bin gerade mal eine Stunde wach, musste mich nur um mich selbst kümmern und komme trotzdem fünf Minuten zu spät. „Meine Kinder machen mich zwangsweise zum Frühaufsteher“, erklärt Karla lachend. „Während meine Kommilitonen über Vorlesungen und Seminare in B1 meckern, passen die perfekt in meinen Tagesablauf.“ Beide sehen den größten Unterschied zwischen Studierenden mit und ohne Kind vor allem in den unterschiedlichen Tagesabläufen und der Strukturierung des Alltags. Während ich meine Kurse so lege, dass sie nicht mit meinen Schlafzeiten kollidieren und dann schaue, ob sie mich thematisch interessieren, achten Karla und Isabel auf ganz andere Dinge: „Ich wähle meine Kurse nicht nach den interessantesten Themen aus, sondern danach, welches Seminar zeitlich am besten passt. Das Seminar um 08:30 Uhr passt für mich super, weil ich dann nach der Krippe direkt in die Uni kann. Vorlesungen um 17:15 Uhr sind für mich natürlich unpraktisch, weil ich da bei meinen Kindern sein möchte“, erklärt Karla.

„Meine Kinder machen mich zwangsweise zum Frühaufsteher“

Die beiden Frauen haben sich bewusst für Nachwuchs entschieden, sind sich aber nicht einig, ob das Studium tatsächlich der perfekte Zeitpunkt zum Kinderkriegen ist. Karla erklärt, dass sie die Vorteile vor allem in ihrer zeitlichen Flexibilität sieht und nicht komplett aus dem Studium aussteigen muss, wie zum Beispiel im Job: „Wenn eines meiner Kinder krank wird, kann ich eine Vorlesung auch mal spontan sausen lassen und mir die Unterlagen von einer Freundin besorgen. Das geht beim Arbeiten natürlich nicht so einfach. Außerdem sehe ich es auch als Vorteil, dass ich nicht komplett aussteigen muss, sondern einfach weniger Kurse belegen kann. Ich denke, es ist schwer wieder rein zu kommen, wenn man länger ausschließlich Mutter war“, erklärt Karla. Natürlich ist sie sich auch der Nachteile bewusst, denn ein Auslandsstudium ist für Studierende mit Kind natürlich nicht so einfach zu organisieren und die Vortragsreihen, die hauptsächlich abends stattfinden, kann sie auch nicht besuchen. Isabel erwartet ihr erstes Kind in wenigen Tagen und sieht auch Vorteile bei Eltern mit festen Jobs: „Ein festes Gehalt macht die Sache mit Sicherheit um einiges leichter. Außerdem werde ich wahrscheinlich ein Jahr länger studieren müssen.“

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Isabel und Karla im Gespräch mit unserer Redakteurin Samira.

Bei finanziellem und rechtlichem Beratungsbedarf können sich Studierende mit Kind in Mannheim an Doris Neubauer vom Studierendenwerk wenden. Die Sozialberaterin weiß, welcher Zeitaufwand werdenden Müttern und Vätern bevorsteht, um verschiedene Arten der Unterstützung zu erhalten und kennt auch die weiteren Anlaufstellen: „Die häufigsten und schwierigsten Fragen sind vor allem, welche Form der Unterstützung Studierenden zusteht und welche Unterstützungen sich gegenseitig ausschließen. Es ist nicht so einfach zu wissen, ob man Wohngeld bekommen kann oder wie es sich mit dem BAföG verhält, wenn das Kind erst mal da ist“, erklärt die Diplom-Sozialberaterin. Neben der Sozialberatung bietet das Studierendenwerk Mannheim auch diverse Betreuungsangebote. Insgesamt stehen Studierenden 93 Plätze für ihren Nachwuchs in Krippen und Kindergärten zur Verfügung. Bereits ab einem Jahr können die Kinder tagsüber betreut werden, während Mama und Papa fleißig sind. Das einzige Problem: Pendelnde Studierende können das Betreuungsangebot nicht wahrnehmen.

„Kinder sind keine Pakete und der Alltag mit Kind wird häufg ganz anders laufen als schwangere Studierende es sich im Vorhinein ausgemalt haben.“

Nachwuchs erfordert viel Verantwortung und kann mitunter an den Nerven zehren, weiß auch Karin Jörns, psychologische Beraterin an der Universität Mannheim. Oftmals brauchen Studierende auch Unterstützung von außen, denn insbesondere Geldknappheit ist ein häufiges Problem, mit dem Studierende mit Kind zu kämpfen haben. Die Diplom-Sozialarbeiterin zeigt oftmals auch auf, welche Vorteile Studierende mit Kind nutzen können, von denen sie noch nichts wussten. Dazu gehören zum Beispiel Sonderregelungen bei der Kurswahl, die Möglichkeit eines Prüfungsrücktrittes, wenn das Kind krank ist, und auch, dass die Universität darauf achtet, dass Vorlesungen zu familienfreundlichen Zeiten stattfinden, um Eltern den Alltag mit ihrem Kind zu erleichtern. „Kinder sind keine Pakete und der Alltag mit Kind wird häufig ganz anders laufen als schwangere Studierende es sich im Vorhinein ausgemalt haben.“ Es ist in Ausnahmefällen möglich, ein Kind mit in eine Vorlesung zu nehmen. Aber was tun, wenn das Kind quengelt? Es ergibt aber genauso wenig Sinn, schon ein Urlaubssemester zu beantragen, wenn man noch den Schwangerschaftstest in der Hand hält. Studienplanung ist wichtig. Die zukünftigen Eltern sollten sich dann festlegen, wenn es notwendig ist. Somit können sie sich möglichst viel Flexibilität erhalten“, erklärt die Beraterin. Generell müssen sich Studierende, die ein Kind bekommen möchten, über ihren wirtschaftlichen Status im Klaren sein. Eine wichtige Rolle spielt auch, welche Entlastungsmöglichkeiten vorhanden sind, ob Großeltern in der Nähe sind, es einen anderen flexiblen Babysitter gibt und welche Aufgaben der Partner übernehmen kann und will.

Aber was sagen eigentlich Kommilitonen und Dozenten zu schwangeren Studierenden und Kindern in Vorlesungen? „Meine Freunde und die meisten meiner Kommilitonen haben positiv reagiert und sich für mich gefreut. Allerdings kommt man sich schon wie ein Exot vor, denn die Blicke bleiben natürlich nicht aus, wenn ich hochschwanger über den Ehrenhof laufe“, erklärt Isabel. Karla berichtet auch von einigen negativen Erfahrungen: „Ich bekam schon oft Blicke und Kommentare von Mitstudierenden, nach dem Motto: ‚Konnte die nicht richtig verhüten oder was?‘ Sowas ärgert einen natürlich schon. Die Dozenten sind aber durchweg sehr nett und zeigen Verständnis, wenn man mal fehlt oder eine Deadline verschieben muss. Und solange die Kinder in der Vorlesung ruhig sind, kann ich sie auch jederzeit mitbringen.”

“Meine Prioritäten haben sich komplett verschoben.”

Isabel freut sich schon auf den Nachwuchs und hat auch schon einen groben Plan, wie der Alltag als kleine Familie aussehen soll: “Mein Mann nimmt vier Wochen Elternzeit, wenn unsere Tochter auf der Welt ist. Im Herbstsemester wird er dann nachmittags auf sie aufpassen, während ich versuche meine Kurse auf den Nachmittag zu legen. Im Frühjahrssemester 2016 hoffe ich, dass wir sie in der Krippe unterbringen können. Das ist zumindest unser Plan”, erzählt sie lachend. Auch Karlas Mann war nach der Geburt des ersten Kindes zwei Monate zu Hause. Heute gehen beide Kinder in die Krippe und verbringen Zeit mit den Großeltern. “Organisation ist die halbe Miete”, erklärt Karla. “Außerdem ist es wichtig, dass man sich auf seinen Partner verlassen kann und man als Team zusammenarbeitet. Natürlich läuft nicht immer alles wie geplant, aber meine beiden Kinder würde ich auf keinen Fall wieder hergeben, für kein Auslandssemester und keine durchgefeierten Wochenenden der Welt. Meine Prioritäten haben sich komplett verschoben. Nach einer versauten Klausur geht die Welt nicht unter. Wenn meine Kinder krank sind, macht mir das schon mehr Sorgen”, erklärt die Studierende mit einem Augenzwinkern.

Text: Samira Franzen, Bilder: Tamara Milutinović

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