Kultur

Bin ich überhaupt ein Original?

Wenn man den Initiatoren der „Supercopy“ Glauben schenkt, dann sollte man sich diese Frage wirklich mal durch den Kopf gehen lassen. Anlässlich des „Internationalen Samplingfestivals lud das Künstlerhaus zeitraumexit am Freitagabend zum gemeinsamen Get-Together ein. 

Mitten im Herzen des Jungbusches feierte das zeitraumexit die Eröffnung des „Internationalen Samplingfestivals“. Nach stressigen Vorbereitungswochen und intensiven Verhandlungen um die Finanzierung des Projektes war die Erleichterung, aber vor allem auch die Begeisterung groß, dieses einzigartige Projekt in die zweite Runde schicken zu können. Nach der positiven Resonanz der letzten Supercopy im Jahr 2015 freute sich Initiator Jan-Philipp Possmann, das Festival dieses Jahr noch größer, länger und interkultureller gestalten zu können. In den nächsten zwei Wochen können sich die Besucher auf spannende Vorträge, Shows, Filme und viele andere interessante Kulturveranstaltungen, verteilt in ganz Mannheim freuen. Und da es sich dabei um das internationale Samplingfestival handelt, kommen Kunstschaffende aus der ganzen Welt und präsentieren ihre Kunst. Alles unter dem freiinterpretierten Motto: „Kopieren und Kopieren lassen“

Beim Wort Kopieren denkt der Durchschnitts-Studierende wahrscheinlich an die Berge von Papier, die man so während seines Studiums ausdruckt und vielleicht auch noch an die damit verbundenen Kosten. Doch Kopieren umfasst mehr als das bloße Duplizieren und Vervielfachen von Material. Kopieren ist ein menschliches Bedürfnis. Ein Bedürfnis ohne das wir in unserem Zivilisationsprozess nicht dort stehen würden, wo wir heute stehen. Das Adaptieren von Verhalten, oder „das Lernen am Modell“ ist essenzieller Bestandteil individueller Sozialisationsprozesse. Dass Verhalten größtenteils „kopiert“ ist, stellt die Grundlage zahlreicher Forschungen.

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Aber zurück zur Eröffnung, die einem Lust auf mehr machte. Nach dem Sektempfang begrüßte der Initiator Jan-Philipp Possmann die anwesenden Kunstinteressierten – wie es sich für ein internationales Festival gehört – auf Englisch. Neben den Investoren und Geldgebern bedankte er sich ebenfalls bei Allen, die mitgewirkt haben, um dieses Festival auf die Beine zu stellen. In geselliger Runde trat man dann wieder auseinander, um sich mit dem buntgemischten Publikum auszutauschen, aber auch um mit den schon anwesenden Künstlern ins Gespräch zu kommen. Mit dabei an diesem Abend waren die Künstler des Madrassa Collective, die mit ihrem diesjährigen Programm BAZAR vertreten sind. In Lesungen, Filmen, Diskussionen und Performances greift BAZAR die Themen kultureller Aneignung und Transfer unter den Vorzeichen weltweiter Migration auf. Das Kollektiv besteht vornehmlich aus Kuratoren aus Afrika und dem mittleren Osten und organisiert im Zuge des Sampling-Festivals ein einwöchiges Programm.

Nach dem unbefangenen Pläuschchen und dem letzten Schluck Sekt ging es auch schon zügig weiter im Programm. Der Berliner DJ Zhao saß an einem Tisch und vor ihm stand nichts außer seinem Laptop. Hört sich erstmal nicht wirklich spektakulär für einen DJ an, aber er war nicht dort um Musik zu spielen, sondern um eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte übersät mit Beispielen, die verdeutlichten, dass Kopieren kein modernes Phänomen ist. So kopierten die Römer einst die Lederkluften der Germanen und was entstand, kennen wir heute als stylische Lederjacke. Und auch die Gitarre ist kopiert. Damals versuchten die Spanier die maurische „Oud“ nachzubauen. Dies gelang jedoch nicht, sondern es kam zur Geburtsstunde der Gitarre. Sogar die Griechen, Urväter der Demokratie und Philosophie, bezogen sich größtenteils auf Lehren, die es in Nordafrika und im Nahem Osten schon in ähnlich ausgeprägter Form gab. Von diesem historischen Abriss der Kopie näherte er sich der modernen Pop-Kultur. „Gerade die Musikbranche sei ja nichts weiter als das Kopieren von bereits Vorhandenem“, so die These Zhaos. Von dem Song „Paint it Black“ der Rolling Stones (der erstaunliche Nähe zu orientalischen Tönen aufweist), über den Indie-Rock, der eh nur die Beatles kopiere, hin zu seinem eigenen Fachgebiet als DJ. Eine knappe Stunde zog sich dieser Monolog hin, ohne wirklich langweilig zu werden. Das aufeinander Prasseln von Informationen und Vergleichen und das ständige Hinterfragen, des einst so unverwechselbar Vertrautem, lies einen noch viel länger als der Vortrag dauerte darüber nachdenken. Gerade dies ist ja der Zweck solch rhetorischer Kunst.

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Den krönenden Abschluss des Abends stellte dann das bulgarische Künstlerduett Iva Sveshtarova und Rose Beermann dar. Mit ihrer Inszenierung „Show me How“ hinterfragten sie den ständigen Leistungsdruck des Menschen, sich stets selbst verbessern zu wollen oder müssen. Um dies zu schaffen, imitiere der Mensch zwangsläufig: ein ganz natürlicher Mechanismus also. Doch eine Imitation von Verhalten ohne eine entsprechend kritische Reflexion, birgt immer die Gefahr der Selbstzerstörung. Die Umsetzung dieser Behauptung stand dabei ganz im Zeichen des Internet-Phänomens „Harlem Shake“. Ein Auftritt, der gegen Ende auf eine nicht enden wollende Sinnüberreizung des Publikums abzielte, das sich im Nachhinein fragen musste: Was habe ich denn da gesehen?! Gezeigt wurde viel nackte Haut, ein Hase, der mit einem Roboter um Aufmerksamkeit abshaked und Pflanzen…. ganz viele Pflanzen. Leicht verstört aber dennoch gut unterhalten und erneut zum Nachdenken angeregt, schenkte das Publikum den Künstlerinnen ihren verdienten Applaus. Die Show stellte einen gelungenen Abschied für die Eröffnung eines so kreativen Festivals dar, die durchaus Lust auf mehr machte.

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Supercopy läuft noch bis zum 20.05.2017 an vielen unterschiedlichen Orten Mannheims. Neben dem engen Kontakt zu den Künstlern und der kulturellen Vielfalt, punktet das Festival mit einem breitaufgestellten Programm, das vor allem eines verspricht: Es regt zum Nachdenken an.

Text: Joe Brandes, Bilder: Peter Empl (zeitraumexit)

 

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