Kultur

„Build your Social Body!“

Das uni[ma]gazin bei SUPERQUADRA in der Multihalle

Oscar N ist Postbote, Einzelgänger, Revoluzzer und Marionettenfigur in einem. Als einer von drei Millionen Bewohnern seines Gebäudes, ist sein Job außerdem nicht besonders einfach. Der Betonkomplex Superquadra – eine architektonische Utopie und Entwurf für eine endgültig gerechtere Gesellschaft –  ist für die Interessen Oscars schon lange keine Heimat mehr. Er sträubt sich gegen die vorgegebenen Lebensentwürfe und fängt an eigene Umbauten vorzunehmen. Als einfacher Paketzusteller ist Oscar außerdem fasziniert von immer effizienteren Wegen im dreidimensionalen Raum. Er interessiert sich so sehr dafür, dass er sich eine Ameisenkolonie im eigenen Terrarium hält. Ansonsten ist sein Leben trist: Fenster gibt es nur wenige. Und wenn es in einem Gebäudetrakt brennt, bleibt das Feuer schon mal zwei Wochen lang unbemerkt. So viel zum Inhalt.

Im Rahmen des „Wunder der Prärie“ Festivals in Mannheim hat das Künstlerkollektiv Flink Wiesel eine Performance auf die Beine gestellt, die überrascht: „Superquadra“ ist eine Mischung aus Live Science Fiction Film, Puppentheater und Hörbuch. Untermalt von 80s Synthesizer Klängen und in der Atmosphäre der gewellten architektonischen Dachkonstruktion der Multihalle Mannheim genossen letzten Samstag rund 40 Zuschauer die „Geschichte vom Ende der Architektur.“

Mithilfe von Marionettenfiguren in rollkoffergroßen Bühnenbildern erzählen sechs Künstler live die Geschichte der Stadt „Superquadra“ nach. Auf drei übergroßen Flachbildschirmen wird alles, was in  der Hand voll Boxen passiert, übertragen. Inklusive Arme der Marionettenspieler. Alles was die Marionetten am Bildschirm erleben, spielt sich im selben Moment im Kleinen vor den Zuschauern ab. Das Licht und die 50er Jahre Atmosphäre sind dabei so realistisch, dass es einige Zeit dauern kann, bis man als unerfahrener Zuschauer erkennt, was dahinter steckt.  Begleitet wird das Visuelle von einem Erzähler, der in kryptisch, futuristischer Sprache das politische Element der Geschichte betont. Über dicke – und sicher auch recht teure – Kopfhörer erzählt dieser immer dann etwas über die Geschichte des Gebäudekomplexes, wenn sich in psychedelisch animierten Flashbacks wirre Rohbauten langsam im Kreis drehen.

Brasilia, die Hauptstadt Brasiliens verkörpert wahrscheinlich das, was dem Künstlerkollektiv Flink Wiesel beim Erarbeiten von „Superquadra“ durch den Kopf gegangen sein muss: „Die Menschen wohnen hier nicht gern. Offenbar suchen sie nicht unbedingt ein Ideal. Sie suchen ein Zuhause.“, so beschreibt zumindest Journalistin Andrea Schorsch die klinische Leere der Planstadt. Ähnlich wie „Superquadra“ ist auch Brasilia eine menschengemachte Utopie der 50er Jahre, direkt vom Reißbrett renommierter Architekten. Eine Stadt, die den Wunsch nach geordneten, gerechteren Verhältnissen in der Gesellschaft darstellt, und dabei offensichtlich scheitert.

Kein Wunder also, dass die Gebäude Brasilias ähnlich wie die der Superquadra durchnummeriert werden. Dass die Straßen Brasilias nur für Autos und  die Wohnungen nur für Wohlhabende ausgerichtet sind: geschenkt.

 

Die Performance Superquadra fügt sich erst auf den zweiten Blick in das Gesamtkonzept des „Wunder der Prärie“ Festivals ein. Hat man aber erst mal erkannt, dass es in erster Linie nicht um Architektur sondern um gesellschaftliche Emanzipation geht, passt es überraschend gut. Das diesjährige Motto „Social Body Building“ hätte sicherlich auch dem emsigen Paketboten Oscar N. gefallen. Er emanzipiert sich von vorgegebenen Strukturen und verändert die Welt – beziehungsweise den Raum den er zur Verfügung hat – nach seinen Vorstellungen. Und das wiederum ist etwas, das sich auch die Künstler bei zeitraumexit für die nächsten sechs Monate auf die Fahnen geschrieben haben: Mit ihrem Projekt „Artfremde Einrichtung“ öffnen sie ihre Hallen, und vergeben die „Produktionsmittel“ und Ressourcen des Künstlerhauses für jeweils einen Monat an eine ausgewähltes Idee. Bewerben kann man sich seit letzter Woche.

Es bleibt abzuwarten, ob das Projekt – ähnlich wie Marionettenfigur Oscar – die gesellschaftlichen Strukturen explosionsartig zu durchbrechen vermag. Wir können also weiterhin gespannt sein.

 

Autor: Carlos Hanke Barajas

Fotos: mit freundlicher Genehmigung von zeitraumexit

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