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“Das Festival war immer ein Wunschtraum”

In weniger als zwei Wochen geht es los. Das Maifeld Derby geht in die fünfte Runde. Vorab haben wir uns mit dem „Mastermind“ hinter dem Festival, Timo Kumpf getroffen. Er hat uns verraten, wie man sich in der großen Festivallandschaft behauptet, Liebes-SMS von The National bekommt und was es mit dem Termin kurz vor den Prüfungen auf sich hat.

Wie sieht deine Bilanz nach fünf Jahren aus? Welche Ziele, die du dir ganz am Anfang vorgenommen hattest, kannst du jetzt abhaken?
Timo Kumpf: Im Grunde stimmt die Entwicklung mit der Zielsetzung überein. Wir wollten unsere Kapazität von knapp 5000 pro Tag ausfüllen. Ob wir das auch schaffen, wird sich in den nächsten vier Wochen zeigen. Es gab mal so ein Jahr, zwischen dem ersten und zweiten Festival, in dem es auf Grund diverser Komplikationen etwas langsamer lief, als ich mir das vorgestellt hatte, aber ansonsten sind wir da ziemlich im Soll.

Das heißt, dass das Maifeld Derby immer noch für seine ursprüngliche Idee steht, ein „großes Familientreffen“ zu sein?
TK: Ja ich denke das Festival entspricht dem immer noch. Also letztes Jahr waren wir schon fast ausgelastet und es war trotzdem noch sehr gemütlich. Insofern glaube ich, dass wir alle Versprechungen gehalten und uns nicht zum gesichtslosen Massenevent entwickelt haben.

Damit ein Festival nicht zum gesichtslosen Massenevent wird, ist der Bezug zur Region sehr wichtig. Was ist am Maifeld Derby typisch mannheimerisch?
TK: Was könnte mehr Mannheim sein als das Maimarkt Gelände? Das war ein Aushängeschild der Stadt, das etwas ins Hintertreffen geraten ist. Früher war es mal eines der renommiertesten Open-Air-Gelände Deutschlands. Auf dem Maimarktgelände hat jeder schon gespielt, von Guns’n’Roses, über Metallica, bis Robbie Williams und Bon Jovi.

Ihr habt im Dezember bei Facebook gepostet, dass euch mittlerweile schon “weit entfernte Major Festivals exkludieren“? Was hat es damit auf sich? Haben die Bands dann in ihren Verträgen Klauseln, in denen festgehalten ist, dass sie speziell auf dem Maifeld Derby nicht auftreten dürfen?
TK: Nein, da steht dann im Umkreis von so und so vielen Kilometern dürfen Sie nicht auftreten. „Die Großen“ haben uns auf dem Schirm und während das früher etwas lockerer gehandhabt wurde, ist das mittlerweile sehr streng geworden. Das heißt es ist kein Zufall, dass keine Band, die auf dem Southside Festival spielt auch bei uns spielt. Dieser Konkurrenzdruck, der natürlich auch mit diesem ganzen „Rock am Ring“ versus „Grüne Hölle“ – Ding zu tun hat, betrifft uns auch. Das funktioniert von oben nach unten.

Wie konntet ihr unter diesen Umständen letztes Jahr so eine Band wie „The National“ verpflichten? Seid ihr da sozusagen noch „unter dem Radar durchgeflogen“?
TK: „The National“ konnten wir verpflichten, weil wir so ein familiäres Festival sind. Das hatte sich in den drei Jahren zuvor schon rumgesprochen. Die haben genau geprüft, worauf sie sich da einlassen und waren im Endeffekt auch sehr begeistert. Von denen gab es dann auch so „Liebes- SMS“ hinterher, was wirklich sehr nett war. Ansonsten war diese „Gebietsschutzsache“ auch die letzten Jahre schon ein Thema. Nur dieses Jahr eben extrem, durch diesen „Krieg“ ganz oben.

Gibt’s bei so viel Liebe noch Rock’n’Roll im Backstage-Bereich?
TK: Die Bands sind alle brav. Das ist das positive daran, dass wir uns in diesem Indie-Kontext bewegen, der sowohl auf der Seite der Künstler als auch des Publikums ein reflektiertes Klientel mit sich bringt. Die Bands sind nicht stressig und haben kaum Allüren. Zum Beispiel „St Vincent“ hat sich letztes Jahr im Kapuzenpulli ganz bodenständig vor ihrem Auftritt im Backstage Catering noch zwei Bratwürste geholt. Die hält man ja eigentlich sonst für so eine unnahbare Kunstfigur.

Timo Kumpf und Kollegen planen das Festival

Timo Kumpf und Kollegen planen das Festival

Du gestaltest das Line-Up des Festivals komplett selbst. Wie findest du nach dem Festival wieder neue Sachen? Wie wichtig sind dir da solche Showcase Festivals wie das Eurosonic Festival in Groningen?
TK: Solche Festivals sind schon immer wichtig. Ich bin regelmäßig auf dem Eurosonic im Januar. Dort ist es dann aber meistens so, dass man die Sachen, die man vorher schon auf dem Schirm hat, mal live anschaut. Man hat natürlich oft diese Vorstellung, dass ich nur in Blogs abhänge und dort den neusten „heißen Scheiß“ finde. Das macht man ein Jahr lang, stellt sich ein gutes Programm zusammen und dann entwickelt sich halt so ein Netzwerk, dem man auch vertrauen kann. Sprich, Agenturen kommen bewusst auf mich zu und meine Aufgabe besteht darin, den „heißen Scheiß“ zu erkennen.

Kannst du dein eigenes Festival überhaupt genießen oder sind die Tage primär stressig?
TK: Das hat sich mittlerweile entspannt. Das Team ist eingespielter und letztes Jahr hatte ich schon auch die Freiheiten mir was anzuschauen. Letztendlich ist ja die Idee, dass ich die Bands hole, die ich selbst gerne sehen würde. Es ist natürlich auch frustrierend, wenn man die dann alle verpasst, weil man sich gerade mit dem Ordnungsamt über irgendeinen Quatsch unterhalten muss.

Was ist dein Geheimtipp für dieses Jahr?
TK: Es sind einige dabei, von denen man noch hören wird, da wären Soak aus UK, Aurora aus Norwegen, oder Inner Tongue aus Wien. Das sind so die „Neuen“, die noch auf einem ganz frühen Level sind und bei denen bald was passieren wird.

Und ein kulinarisches Highlight?
TK: Kulinarisches Highlight war eigentlich immer der Wurststand, den meine Eltern betrieben haben. Der wird jetzt dieses Jahr ersetzt. Die Ware bleibt identisch aber diejenigen, die zubereiten und verkaufen wurden ausgetauscht. Auch neu dabei sind „Kuchen im Glas“ mit süßen Burgern.

Als Student muss ich fragen, wie es zu dem Termin Ende Mai kommt. Der liegt genau in der Vorbereitungsphase für unsere Klausuren.
TK: Ganz am Anfang, hatten wir uns entweder Beginn oder Abschluss des Sommers überlegt, jeweils orientiert an anderen „Hauptfestivals“. Durch diese Überschneidungen können wir Acts präsentieren, die eher selten in Deutschland spielen. Ursprünglich war mal September 2010 für das erste Maifeld Derby geplant. Dann habe ich da aber Nachwuchs bekommen und wir haben das Festival auf Mai verschoben. Mai ist wiederrum ein sehr guter „Tourmonat“, weil es in Brighton ein Showcase Festival gibt, das „The Great Escape Festival“, es gibt das „Primavera Festival“ in Barcelona, was dazu führt, dass viele „Überseebands“ verfügbar sind. Ich meine man sieht das dieses Jahr im Line-Up. Zu uns kommen ja fast nur Bands aus den USA und Canada. Mir wird ja sogar schon vorgeworfen, dass es zu wenige deutsche Bands sind.

Du spielst selbst bei der Mannheimer Band „Get Well Soon“ mit. Inwiefern haben deine Erfahrungen als Künstler deine Arbeit als Festivalveranstalter beeinflusst?
TK: Das hat mich sehr beeinflusst. Wir haben seit 2008 eigentlich europaweit Festivals gespielt, vor Allem Frankreich hat geprägt. Es ist querbeet. Dort haben wir auf einem Festival gespielt mit einer Rap-Combo, einem abgefahrenen Hip-Hop-Dj und einer apokalyptischen Death-Metal Band. Der rote Faden ist dort, dass alles auf einem qualitativ hochwertigeren Level ist. Es gibt mehr Fantasie, mehr Mut und das versuche ich bei uns auch reinzubringen. Außerdem weiß ich, was bei einer Band gut ankommt. Wir haben vor fünf Jahren Festivals gespielt und ich kann mich meist daran erinnern, was es zu Essen gab und wie die Technik war.

Du hast an der Popakademie Musikwirtschaft studiert und bist Bandmitglied bei „Get Well Soon“. Ist das Maifeld Derby das Projekt, bei dem du all deine Fähigkeiten als Veranstalter, Manager, Lokalmatador und Künstler miteinander verbinden kannst?
TK: Verbinden nein. Es ist eher so, dass das Festival immer ein Wunschtraum war. Der ist schon älter als die Popakademie. Ich habe sowas auch im kleinen Rahmen 12 Jahre lang im Odenwald gemacht. Da waren dann 200-300 Leute am Abend in einem kleinen, alten Bahnhof. Was jetzt gerade noch passiert mit dem „Veranstaltertum“ hier in Mannheim und Heidelberg, ist eigentlich eine Folge von dem Festival. Das war nie geplant. Da mache ich jetzt auch meine ersten Gangster-Rap-Erfahrungen. Hier ist mir einfach wichtig. die Leute zufrieden nach Hause zu schicken. Auch jemanden der jetzt vielleicht für mich subjektiv einen „schlechteren“ Geschmack hat. (lacht) Es gibt sogar schon Gangster-Rapper, die ich auch gut finde. Aber für das Festival wäre das nichts.

Und zum Schluss noch eine Frage: Wenn euer Festival ein Superheld wäre. Welcher wäre das?
TK: Ich kenne mich wenig mit Superhelden aus. Wir wären eher so eine Mutti die im Hintergrund die Fäden zieht. Die Mutti ist ja auch der geheime Superheld von allen.

Das Interview führten Clara Schäper und Lars Sellien; Fotos: Sophie Krische, Clara Schäper

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