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Der Fluch der Tantaliden – Eine Rap-Oper

Es fällt zunächst schwer zu sagen, was einen in „Der Fluch der Tantaliden“ erwartet: Ein Theaterstück? Ein Rap-Konzert? Eine Rap-Oper? Ein Abend über die griechische Mythologie? Komödie? Tragödie? Wir haben mit dem Schauspieler Eddie Irle gesprochen und uns die Premiere für euch angesehen.

Doch worum geht es in „Der Fluch der Tantaliden“ überhaupt? Tantalos lädt die Götter zu sich ein und serviert ihnen seinen eigenen Sohn. Dafür wird er in den Tartaros (den schlimmsten Teil der griechischen Hölle) gesteckt. Dort ist er bis in alle Ewigkeit dazu verdammt, in einem Fluss unter früchtetragenden Bäumen zu stehen und zu darben, denn immer, wenn er sich nach den köstlichen Früchten streckt, bewegen sich die Äste von ihm weg und wenn er sich bückt, um seinen Durst zu stillen, weicht das Wasser zurück. Doch als sei das noch nicht genug, werden seine Nachkommen mit dem Pauschalfluch belegt, dass sie sich alle untereinander hassen und bekämpfen sollen.

Kurzgefasst: Drei Schauspieler und eine Schauspielerin erzählen, rappend, die Geschichte von Tantalos und seinen Nachkommen, währenddessen stellen sie in häufig überzeichneter Weise die Geschehnisse dar. Dabei tragen die SchauspielerInnen eine Mischung aus Hip-Hop-Klamotten und antik anmutender Kleidung mit viel Bling-Bling und spielen zu viert die gerade erzählte Szene. Dafür wechseln sie in die gerade benötigten Rollen, falls nötig auch in die eines Tieres, oder bauen das Bühnenbild um. Der Rap erinnert zwischendurch an Snoop Dogg, Cypress Hill oder Seeed. Dabei werden die eingespielten Beats durch live-Saxophoneinwürfe unterstützt. Am Ende mündet das Ganze in ein literarisches Quartett, das sich selbst noch nicht sicher zu sein scheint, ob es Persiflage oder ernstgemeint ist und das die alles entscheidende Frage nach der Schuld und dem Umgang damit dem Publikum überlässt.

Ich habe mich immer „Rap-Opa“ genannt – Interview mit Eddie Irle

Es ist 18 Uhr an irgendeinem Werktag, das Sofa im Casino neben dem Studio Werkhaus ist gemütlich. Eddie Irle, seit dieser Spielzeit Schauspieler am Nationaltheater Mannheim, kommt energiegeladen, direkt von der Probe.

uni[ma]gazin: Es geht um eine Rap-Oper – das ist ja erstmal ungewöhnlich. Hast du Bezug zu Deutschrap? Hörst du Deutschrap?

Eddie Irle: Ja, das war glaube ich auch ein Grund für meine Besetzung: In den frühen 90ern habe ich mit Kumpels gerappt. Das war eher so Quatschrap, eine Mischung aus Punk und Rap, Rape-Rap haben wir das damals genannt. Als ich dann so zwanzig wurde, wurde mir das zu albern. Außerdem gab es dann einen Bruch in der Rap-Szene, Da kippte alles von einer ursprünglich linken, idealistischen Bewegung zu Bling-Bling. Homophobie kam auf, das wurde dann unangenehm, da habe ich mich davon verabschiedet. Als ich dann bei meinem ersten Theater angefangen habe, habe ich einen Kollegen kennengelernt, der auch als Jugendlicher gerappt hat. Da haben wir ab und zu kleine Rap-Abende gemacht, aber da war das auch schon vorbei. Ich habe mich immer „Rap-Opa“ genannt. Und als Florian Hertweck, der bei Dlé dabei ist, die das Album „Fluch der Tantaliden“ rausgebracht haben, auf dem das Theaterstück basiert, wusste, er kommt nach Mannheim und inszeniert das Stück, hat er mich sofort angerufen, weil er wusste, dass Rap mir nahe ist. Meine Kollegen hatten zuerst nicht so viel mit Rap am Hut aber die haben das auch in kürzester Zeit gelernt und können das jetzt alle. Echt cool… Und Oper… Es hat etwas musical-artiges, dadurch, dass wir eine Geschichte mit musikalischen Mitteln erzählen und es ist lustig, zu sagen: „Das ist ne Oper“. Rap-Oper hört sich einfach geil an. Aber Tim Knapper, auch Mitglied von Dlé, hat mal gesagt: “Was ist ne Rap-Oper? Es ist ne Roper, halb Rap halb Oper, oder ne Roap, halb Rap halb Soap.“ Es ist einfach ein entertainender Abend an dem wir die Geschichte vom Fluch des Tantalos mit dem Mittel Rap erzählen.

In der Beschreibung stand, dass das erst vom Theater kam, dann zum Rap-Album wurde und dann wieder zum Theater zurückgekehrt ist. Waren also in dieser Band, die das entwickelt hat, auch SchauspielerInnen?

Ja, daher kenne ich die Band auch. Die haben mit mir studiert und waren in den Jahrgängen über mir. Und der, der die Texte geschrieben hat ist, genau wie ich, Fan von Mythologie. Das ist so schön archaisch, da sind alle Konflikte angelegt, die man braucht. Deshalb hat er sich als er am Theater in Aachen engagiert war gedacht, es wäre gut, seine Leidenschaft für Mythologie, Theater und Rap zusammenzubringen und so ist dieses Stück entstanden.

Von der Thematik passts ja auch irgendwie.

Total, absolut: „Du hast meinen Bruder gefickt, dann ficke ich deine ganze Familie“.

Du hast gesagt, dass deine KollegInnen nicht so viel mit Rap am Hut hatten und dass sie sich da „reingearbeitet“ haben. Wie sah das dann aus?

Wir haben musikalische Proben gemacht. Zuerst kam der Musiker mit dem Regisseur und hat uns die Beats gegeben, dann haben wir das einmal „vom Blatt“ gerappt. Anschließend war es unsere Aufgabe, das auswendig zu lernen. Als wir es auswendig konnten haben wir uns mit einem Tontechniker zusammengesetzt und geübt.

Wie läuft das mit den Stücken, werden die euch zugewiesen oder habt ihr da Mitspracherecht?

Es ist meistens so, dass die Dramaturgie das Stück aussucht. Das wird dann mit dem Regisseur besprochen und der gibt Wünsche an, welche Schauspieler aus dem Ensemble er gerne hätte. Dann wird geschaut, wie das möglich ist, wie das Haus die Schauspieler eingeplant hat. Wer welche Vorlieben hat, wer mit wem gerne arbeiten möchte, spielt bestimmt auch eine Rolle, aber in so einem Ensemble muss man gut arrangieren, dass das funktioniert. Und dann kriegt man als Schauspieler mitgeteilt, bei welchem Stück man mitmacht. Am Anfang macht sowieso alles Spaß, deswegen ist man glücklich, egal welches Stück man zugeteilt bekommt.

Das Album ist ja auch, ich würde fast sagen hörbuch- oder hörspielartig aufgebaut. Kommt dann im Stück noch Text hinzu?

Wir sind frei. Wir dürfen immer mal wieder improvisieren. Auf dem Album gibt es immer wieder Skits: Die Nachrichtensprecher sagen etwas, Tantalos erschlägt seinen Sohn, die Brüder grillen zusammen. Diese Szenen spielen wir mit der Skizze des Albums. Der Regisseur hat uns Eckpunkte genannt, die vorkommen müssen für die Geschichte, aber sonst können wir da relativ frei spielen. Außerdem rappen wir anders als im Album. Wenn man das Album zum ersten Mal hört, ist man geneigt, das zu imitieren. Doch dann kann man nur verlieren. Zum einen, weil Tim das mega gut macht, zum anderen, weil man so nur eine Kopie bleibt. Wer mehr Bock hat, zu singen, singt mehr, wer mehr Bock hat, das „snoop-doggig“ zu machen, macht es „snoop-doggiger“.

Als ich von dem Stück gehört habe, habe ich erstmal gedacht, das ist so ein pädagogischer Rap und fühlt sich dann so gezwungen an. Dann habe ich das Album gehört und war überrascht und erfreut, dass es nicht so ist. Aber die Zielgruppe sind schon eher junge Leute oder?

Nein, für mich nie. Für mich sind Zielgruppe beim Theater immer alle. Natürlich gibt es Sachen, wenn zu viel gemetzelt wird und es zu brutal ist, ist es für Kinder vielleicht nicht geeignet, aber im

Endeffekt mache ich Theater immer für alle. Weder allein für besonders reife, spießige Menschen, noch allein für die ausgeflippte Jugend. Das was ich gut finde, will ich auf die Bühne bringen und hoffe dann, dass es auch möglichst viele Leute begeistert. Da ist mir egal ob alt oder jung. Ich hoffe zum Beispiel, dass meine Oma sich das Stück ansieht und es total geil finden wird und zur Premiere kommt eine gute Freundin, die hier in der Nähe wohnt mit ihrem 18-jährigen Sohn und auch bei dem hoffe ich, dass ich seine Leidenschaft für Theater wecke. Meine Kumpels, die nichts mit Theater am Hut haben, lade ich erstmal dahin ein, weil sie das erstmal cool finden, denke ich und danach können sie sich den Elefantengeist ansehen, der ein bisschen komplizierter und anstrengender ist für jemanden, der Theater nicht so gewohnt ist. Es ist natürlich laut zwischendurch, kann gut sein, dass das mehr junge Leute anspricht, wäre auch cool, wenn es so ist. Aber ich will keine Oma ausladen.

Und es stimmt, bei Rap-Oper, könnte man denken: “Oh, Schauspieler machen Rap, schrecklich.“ Aber da waren wir uns von Anfang an einig, dass wir das auf gar keinen Fall wollen. Das war schon immer so, wenn ich gesehen habe, dass ein Schauspieler auf der Bühne Rap verarscht, indem er solche Gesten macht (Bewegt die Arme in Pseudorappermanier), geht mir das Messer im Sack auf! Das ist schrecklich, denn Rap ist etwas Cooles, etwas Schönes und wenn man das macht, dann bitte mit Herz.

Welchen Inhalt hat das Stück für dich?

Wir erzählen eine griechische Geschichte, eine Tragödie von jemandem, der die Götter beleidigt, der in seiner Hybris so weit geht, sein Kind zu schlachten und sich den Göttern gleich zu machen und dafür bestraft wird. Was ist das für ein hierarchisches System? Götter, die bestrafen? Schon als Kind habe ich, als ich diese Abraham-Story mit dem Schwert gehört habe gedacht: “Was ist das?“. Als Fünfjähriger, glaube ich, wurde ich dadurch politisiert, dass ich gedacht habe: “Das geht nicht, dass eine hohe Macht darüber entscheidet, dass ich mein Kind schlachten soll. Wie bitte? Nee, ich bin doch mündig, ich will doch mündig sein.“ Und deshalb liebe ich auch Mythologie, da sind all diese gesellschaftsrelevanten Themen drin. Bei Tantalos geht’s vor allem um Rache. Es wird ein Fluch auf Tantalos gelegt, weil er sich den Göttern gleich macht, dass seine ganze Familie sich gegenseitig bekämpfen soll. Es soll immer Hass herrschen, niemand soll sich lieben in dieser Familie. Und dadurch töten sich alle gegenseitig und das provoziert die nächste Rache, die nächste Rache, die nächste Rache. Und schon sind wir eigentlich in einer absolut politischen Situation: Schlag und Gegenschlag, Machtgebaren, Kalter Krieg, „Was, Nordkorea baut ne Atombombe?“ – „Dann bauen wir zwei“. „Ach ja, ist das die Lösung?“ ist dann vielleicht die Frage, die man sich stellt. Das Gute ist, man muss bei guten Stücken gar nicht die Moralkeule auspacken und sagen: “Guck mal, so sind wir“, weil die einfach so gut geschrieben sind, dass das im Hinterkopf von alleine passiert. Wenn man so eine Rachestory hört, kann jeder seine Interpretation finden und sagen: “Das ist ja wie bei mir in der Familie“ und der Andere sagt: „Das ist ja wie bei uns im Bundestag“ und der Dritte sagt: “Das ist ja wie USA und Korea“ oder was weiß ich. Man muss immer vorsichtig sein: wenn man zu sehr vorgibt, was die Leute zu denken haben, dann ist es öde. Zu didaktisch. Gute Stücke lassen einen Raum zur Diskussion offen. Nach manchen Stücken kriege ich hinterher mit, wie Leute zusammenstehen und sich gegenseitig sagen, was das bedeutet hat. Und das ist das Tollste. Ich habe mir auch Gedanken gemacht, was ich denke, was es bedeutet, aber wenn mir mein Kumpel neulich erzählt, was er in einem Stück gesehen hat, was nichts damit zu tun hat eigentlich, was ich mir gedacht hatte, was aber eine totale Tragweite hat, da denke ich mir: „geil, da hat er richtig angefangen nachzudenken“. Er hat dann gefragt: „Hab ich das jetzt richtig interpretiert?“ – „Weiß nicht, ich hab‘s anders interpretiert, aber deine Interpretation ist total wertvoll.“

Gibt die Regisseurin denn gar nicht so viel Input dazu, wie man das zu interpretieren hat?

Das macht man zusammen. Natürlich hat der Regisseur als erstes eine Vision, aber die Regisseure die ich gut finde, entwickeln diese Vision mit dem Schauspieler zusammen weiter, überlassen dem Schauspieler sogar die Interpretation seiner Figur. Es gibt auch welche, die sagen: „Du bist die Farbe auf dem Bild, ich bin der Maler und du machst einfach was ich sage“.

Hörst du dann jetzt noch aktiv Deutschrap?

Doch, aber mehr so wie ein Voyeur, der Bauer sucht Frau guckt. Es ist schon meistens ziemlich kacke. Ich höre viel amerikanischen Rap – da verstehe ich die Texte nicht und dann stört mich da nicht so viel. Aber es gibt ein paar gute, ganz ernst zu nehmende Deutschrapper: President, Hiob, Morlockk Dilemma. Aber das höre ich aus Interesse, wie ein Hörspiel.

Wie lange habt ihr insgesamt geprobt?

Das ist abgefahren, so kurz wie sonst nie für Stücke. Es gab dieses Theaterstück ja schon mal und wir machen das jetzt mit neuen Schauspielern. Vorher waren es zwei Schauspieler und der eine, Tim, hat durchgerappt. Das wurde jetzt verteilt auf László Breiding, Arash Nayebbandi, Tala Al-Deen und mich. Weil das Konzept schon ziemlich klar war haben wir nur zweieinhalb richtige Probenwochen gehabt. Aber wir haben vor über einem Monat die Musik gekriegt und hatten dann Zeit uns musikalisch darauf vorzubereiten. Das heißt, als wir jetzt vor zwei Wochen in die Proben gegangen sind, waren wir alle schon auf dem Stand, dass wir, wenn auf Play gedrückt wird, losrappen oder -singen konnten.

Bist du dann nur noch mit diesem Stück beschäftigt oder laufen schon Vorbereitungen für das nächste?

Ich spiele gerade mein erstes Stück plus Fluch der Tantaliden, das am Freitag Premiere hat. Nach der Premiere habe ich ein paar Tage zum Durchatmen, dann kommt das nächste Stück und so baut man ein Repertoire auf. In diesem Jahr wird jeder von uns vier bis fünf Stücke haben, die er spielt. Nächstes Jahr kommen fünf weitere dazu.

Krass, das ist ja echt anspruchsvoll.

Ja, aber wenn’s anders wäre, wäre es ja auch langweilig. Jeden Tag das gleiche Stück wäre ja blöd. Wir proben dieses und hüpfen auf der Bühne rum und machen wirklich viel Quatsch und viel Spaß und abends spielen wir den Elefantengeist und erzählen ein ganz politisches Stück über Helmut Kohl, also gerade diese Unterschiede finde ich total cool. Macht total Spaß.

Vielen Dank für das Interview!

Ein Rap-Konzert, bei dem auch ein bisschen geschauspielert wird

 

Befürchtet man zunächst beim Titel Rap-Oper pädagogisch wertvollen, jedoch Fremdscham auslösenden Theater-Rap, vorgetragen von Mittvierzigern die aus den Zimmern ihrer Kinder Bushido, Alligatoah oder Cro gehört hatten und das nun auf verständnislose, dilettantische Weise wiedergeben, wird man hier schnell eines Besseren belehrt: Die Beats sind fett und abwechslungsreich, der Rap ist überhaupt nicht steif und die Darsteller hüpfen zeitweise über die Bühne als wäre das nicht ein Theaterstück, das auf Elemente von Rap zurückgreift, sondern ein Rap-Konzert, bei dem auch ein bisschen geschauspielert wird. Die Stimmung dabei ist locker, im Publikum wird über witzige Stellen, von denen es viele gibt, gelacht – was vielleicht auch ein bisschen dem Ouzo zuschulden kommt, der von Tantalos‘ Diener ans Publikum verteilt wird. Dabei schafft es das Stück, die blutige, von Fehden und Verwirrungen gespickte Geschichte rund um Tantalos und seine Nachkommen auf unkomplizierte Weise darzustellen und zu veranschaulichen.

Text: Michael Ohlinger

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