Allgemein Kultur

Die Buschgirls Mannheim – ein kleiner Container mit großer Wirkung

Der Container der Buschgirls, der etwas versteckt unter der Jungbuschbrücke am Hafen steht, sollte jedem bekannt sein, der schon einmal die Brücke in die Neckarstadt-West überquert hat. Trotzdem wissen die wenigsten, was hinter den Buschgirls steckt und was für eine essenzielle Rolle dieser bunte Container für viele Jugendliche in Mannheim einnimmt. Ich habe mich mit einigen Buschgirls (und -boys) und deren Gründerin Gertrud Schrenk getroffen, um über Vorurteile, Zukunftsperspektiven und ihre Heimat Mannheim zu sprechen.

Als Enver aus Bulgarien nach Deutschland kam, sprach er noch kein Wort Deutsch. Jetzt, vier Jahre später, sitzt der 19-Jährige Gymnasiast vor mir und erzählt mir in fließendem Deutsch von seinem Traum, Zahnarzt zu werden – und er ist auf dem besten Weg dahin. „Ohne die Buschgirls wäre ich nicht, wo ich jetzt bin“, erzählt Enver, der inzwischen Jugendleiter bei den Buschgirls ist und damit nicht nur mehr Verantwortung trägt, sondern für die anderen Jugendlichen eine Vorbildfunktion einnimmt. So wie zum Beispiel für Aleks und Asen, die zusammen mit Enver neben dem Container auf einer bunt gestrichenen Bierbank sitzen und von ihrem Leben erzählen. Alle drei sind im jungen Alter auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Lage in Bulgarien nach Mannheim gekommen; mussten in einem fremden Land mit einer fremden Sprache und einer fremden Kultur Halt finden und sich ein neues Leben aufbauen. Hierbei waren die Buschgirls eine große Hilfe.

Mehr als ein Computerclub

Gegründet wurden die Buschgirls 2001 von der Künstlerin und Grafikerin Gertrud Schrenk, die seit 2000 in Mannheim lebt. Im Rahmen eines Projekts der Stadt Mannheim, den Jungbusch durch Kunst und Kultur aufzuwerten, kam sie mit der Idee auf, einen Computerclub für Mädchen ins Leben zu rufen. „Ich wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben und dabei den Stadtteil besser kennenlernen“, erklärt Schrenk. Zu diesem Zeitpunkt hatten die wenigsten Jugendlichen einen Computer zu Hause und damals wie heute sei die Welt der Technik von Männern dominiert gewesen. Daher wollte sie gezielt Mädchen am Computer fördern, um ihnen spezifische Kenntnisse zu vermitteln, aber auch um selbstständiges Denken, sprachliche Fähigkeiten, kreatives Arbeiten und Offenheit zu fördern. Obwohl das Projekt etwas Anlaufzeit benötigte, bevor sich die ersten Mädchen aus Neugier in den Container trauten, sind die Buschgirls inzwischen aus dem Viertel nicht mehr wegzudenken.  So ist der Container immer noch eine offene Anlaufstelle und heißt alle Interessenten*innen willkommen. „Die Jugendlichen kommen freiwillig, sogar nach der Ganztagsschule“, erzählt Schrenk zufrieden. Seit 2006 dürfen auch Jungs bei den Buschgirls mitmachen, da das Interesse so hoch gewesen sei, dass einige Jungs sogar die Türe zum Container aufgetreten hätten. Trotz anfänglicher Sorge, dass sich die Jungs und Mädchen gegenseitig vom Arbeiten ablenken könnten, funktioniert es inzwischen sehr gut. „Es ist wichtig, dass die Mädchen dabei sind“, wirft Enver ein, und fügt schmunzelnd hinzu, dass sie oft auf viel bessere Ideen kommen würden als die Jungs.

Mit diesen Buschgirls habe ich mich getroffen: (obere Reihe links): Nico DiFrancesco, Aleksey Filipev, Gertrud Schrenk, Asen Atanasov, Margarita Isanova, Fanka Kasimova; (untere Reihe links): Sayfi Selim, Enver Krachoolu

Jeden Dienstag und Donnerstag gibt es ein festes Programm, bei dem die Jugendlichen unter der Leitung von Schrenk ein Projekt verfolgen, Hausaufgaben machen, Deutschübungen machen oder sich gegenseitig Nachhilfe geben. Beispielweise basteln Enver und Aleks gerade mit Hilfe einer Internetanleitung einen Computer, den sie mir im Anschluss stolz zeigen, und Margarita schreibt mit Hilfe der Buschgirls eine Bewerbung. Doch darüber hinaus wird den Jugendlichen, von denen die meisten einen Migrationshintergrund haben, dabei geholfen, neue Interessen zu entdecken und ihr Selbstwertgefühl zu fördern. Es wird ein Ansporn dafür geschaffen, sich mehr im Leben zuzutrauen – oder wie Enver es formuliert: „Wir trainieren den inneren Schweinehund sehr intensiv bei den Buschgirls.“

Mit größeren Projekten, wie BuschgirlsGo im Jahr 2017 und JungbuschGo im Jahr darauf, ging es jedoch um mehr als das. Im Rahmen von JungbuschGo lernten die Jugendlichen in einem Workshop, wie man Filme dreht, filmt und schneidet, woraufhin sie zusammen mit Bewohnern und Passanten im Jungbusch kleine Videos drehten. Diese wurden anschließend in einer „augmented reality“ App hochgeladen und bei einer anschließenden Veranstaltung mit einer Tour durch den Jungbusch präsentiert. Dabei ging es vor allem darum, Zusammenhalt und ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen um dem negativen Ruf des Viertels entgegenzuwirken, der laut der Buschgirls ungerechtfertigt ist.

„Der Jungbusch ist mehr als eine coole Kulisse“

„Leider gibt es immer noch viele Vorurteile dem Jungbusch und der Neckarstadt-West gegenüber“, erzählen die drei Jungs, die aus erster Hand Erfahrungen mit der Feindseligkeit gemacht haben, die manche Menschen ihnen gegenüber an den Tag legen.  So habe eine Polizistin schon zu Enver gesagt, dass er gleich zwei schwarze Stempel auf der Stirn habe, da er Bulgare sei und im Jungbusch wohne. Auch Personenkontrollen sind, zumindest für die Jungs, leider Alltag. Trotz solcher Vorfälle sind die Jugendlichen sehr positiv geblieben und fühlen sich in ihren Stadtteilen inzwischen sehr wohl – schließlich ist Mannheim ihre Heimat. „Ich habe den Großteil meiner Kindheit hier verbracht, hier fühle ich mich wohl“, erzählt Aleks. Asen stimmt dem zu, obwohl ihn der regelmäßige Tumult in der Neckarstadt-West manchmal nervt und er sein früheres zu Hause vermisst – jedoch weiß er mit seinem Heimweh umzugehen: „Ich ess einfach Sucuk zum Frühstück“, erzählt er grinsend und bringt damit alle am Tisch zum Lachen.  

Nach fast zwei Stunden bei dieser herzlichen Gruppe wird klar, dass die Buschgirls mehr als ein Computerclub sind – sie sind eine kleine Familie, die im bunten Container unter der Jungbuschbrücke zu Hause ist. „Für die meisten Studierenden ist der Jungbusch und die Neckarstadt-West nur eine coole Kulisse“, so Schrenk. Deshalb ist der Container nicht nur ein Symbol für Akzeptanz, sondern eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, hinter die Kulisse zu blicken und die Menschen mit ihren individuellen Geschichten dahinter wahrzunehmen.

Autorin: Ellen Robinson

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