Comedy Kultur

+++++ Die Schau gestohlen: unimagazin spitzelte beim Postillon +++++

„Buuh!“ Anne Rothäußer wirft Thiess Neubert einen kurzen Blick zu und beide schmunzeln. Die Moderatoren scheinen durch die Rufe des Publikums nicht im Geringsten verunsichert. „Das klingt ein bisschen wie Paderborn“, sagt sie, und der Lärm wird zu Gelächter.
Der Beginn der Live-Show ist genauso ironisch wie die Meldungen des Postillons, die täglich auf der satirischen Website erscheinen und nun erstmals auch auf der Bühne vorgetragen werden. Durch einen „Buh-Check“ wollten die Moderatoren nur testen, ob das Publikum sein Missfallen auch laut genug ausdrücken kann.

Der Postillon ist eine satirische Online-Zeitung, die ihre Meldungen frei erfindet. Durch ironische Falschinformationen werden aktuelle gesellschaftliche und politische Themen karikiert. Die Realität wird überspitzt und teilweise boshaft sarkastisch dargestellt. So sind die Meldungen mehr als nur reine Unterhaltung, sondern auch humorvolle Kritik – an Allem und Jedem.

Gegründet wurde der Postillon von Stefan Sichermann. Jedoch nicht wie auf der Website angegeben um 1845, sondern erst vor 10 Jahren. Schnell wurde die Seite immer berühmter, nicht nur weil die Arbeit von Sichermann mit Preisen wie dem „Grimme Online Award“ ausgezeichnet wurde, sondern weil Medien und Politiker, darunter auch das russische Staatsfernsehen und syrische Nachrichtenwebsites, die Meldungen oft für wahr hielten. Erst kürzlich ermittelte die Polizei gegen einen Münchner Studenten, da er einen Artikel vom Postillon auf Facebook geliked hatte. Der Artikel informierte, dass Björn Höcke aus Enttäuschung das Hitler-Foto auf seinem Nachttisch umgedreht habe. Der Text mit Bild wurde von der Polizei als verfassungsfeindlich aufgefasst.

Heute besteht das Team des Postillons aus mehreren Mitgliedern. Dazu gehören die beiden Moderatoren der Show. Zusätzlich zu den Artikeln und einem Newsticker werden Videos und Reportagen gedreht. Auch im Fernsehen ist der Postillon schon angekommen. Der NDR strahlt wöchentlich die Kurznachrichtensendung „Postillon24“ aus. Das neueste Projekt ist die Live-Tour.

Man muss schon sagen, dass der Postillon beherrscht den Auftritt in der Online-Welt. Wie präsentiert er sich aber nun auf der Bühne? Der Absprung stellt einen krassen Formatwechsel dar und die Erwartungen an die Show sind ob der intelligent-durchdachten Beiträge und Nachrichtensatire im Netz, extrem hoch.

Überraschend altersmäßig durchmischt ist das Publikum. Statt den vermuteten, medienaffinen jungen Erwachsenen überwiegend „ältere Semester“ – vielleicht weil die Tickets mit 30 € nicht gerade in jedermanns Studibudget passen.

Leider hält sich der Autor auch hier im Hintergrund und schickt die, aus den Online-Videos bereits bekannten, Moderatoren Anne Rothäußer und Thiess Neubert ins Rennen. Diese tragen hintereinanderweg im trocken-seriösen Tagesschau-Stil wie gewohnt „schnelle“ und absurde Nachrichten, Newstickereinschübe und Reportagen vor. Die Themenauswahl ist bunt und aktuell – wenn auch nicht ganz unbekannt. Die meisten Beiträge wurden online bereits veröffentlicht.

Nach der Pause berichtet Thiess Neubert „live“ aus dem Publikum. Er geht mit dem Mikro an den Zuschauern vorbei und berichtet sachlich von deren „bloß nicht auffallen-Taktiken“. Dabei eingestreute Sachinformationen wie „man hat herausgefunden, dass Personen es besonders unangenehm finden, wenn sie gerade gar nicht wissen worum es geht“. An dieser Stelle glückte der Absprung ins Showformat.

Die Moderatoren gingen zwar immer wieder auf das Lachen und Reaktionen im Publikum ein, aber trotzdem wirkte die Show ein wenig zu galant und generisch. Die paar Male, in denen „Mannheim“ austauschbar in die Berichte eingestreut wurde und ein Witz à la „Mannheim ist genauso hässlich wie Ludwigshafen“ konnten diesen Eindruck nicht wett machen. Auch ein Lachanfall seitens Thiess Neubert wirkte irgendwie platziert.

Dennoch: die Postillon-Tour ist, genau wie online, zuverlässig lustig und durchdacht- nur eben nichts wirklich Neues.

Text: Simon Gruber und Nina Burau

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