Kultur Theater

Die Schutzflehenden

Im Saal ist es dunkel. Als das Licht angeht, rollt eine Gruppe von Frauen die Bühne hinab, überschlägt sich und landet am Ende der Bühne. Aus mehr als dieser abgeschrägten Bühne besteht das Bühnenbild nicht. Umso beeindruckender ist es, wie viele verschiedene Szenerien das Nationaltheater mit einigen wenigen Schauspielern und mit Hilfe von Beleuchtung geschaffen hat. Mal hat das Licht einen leichten Braunton, eine altertümliche Stimmung wird geschaffen. Dann erstrahlt die Bühne in einem kühlen Licht, das in das heutige Deutschland führen soll. Präzise lenkt es den Zuschauer nach Heidelberg – in die hochgelobte Flüchtlingsregistrierungsstelle, einem Vorzeigeprojekt Baden-Württembergs.

Die Aufführung beginnt mit dem warmen Licht, das uns in die antike Vorzeit versetzt. Die Schauspielerinnen verkörpern eine Gruppe Ägypterinnen, die Schutz beim griechischen König Pelasgos suchen, um nicht die Söhne des Aigyptos heiraten zu müssen. Pelasgos ist verzweifelt. Auf der einen Seite zwingt ihn das Gesetz der Götter, die Schutzflehenden aufzunehmen und sie zu beschützen. Auf der anderen Seite will er keinen Krieg mit Ägypten anfangen. Nach dem Gespräch mit den Schutzflehenden und der Beratung mit dem Volk tritt er wieder an die Schutzflehenden heran, um ihnen seine Entscheidung mitzuteilen. Während dieser Handlung werden nun immer wieder Szenen dazwischengeschaltet, in denen derselbe Schauspieler des Pelasgos, Matthias Thömmes, einen Mitarbeiter der Heidelberger Flüchtlingsregistrierungsstelle spielt und die verschiedenen Verfahren dort darstellt. Es werden also im Wechsel die Entscheidungsfindungen im antiken Griechenland und im modernen Deutschland dargestellt. Zusammen mit der Mannheimer Bürgerbühne verbindet Volker Lösch in seiner Inszenierung die antike Asylproblematik und konkrete Fälle aus der Region. Während im antiken Drama von Aischylos stets von Zeus und dessen Gesetzen die Rede ist, sind in Deutschland Cluster, Paragraphen und Herkunftsländer entscheidend. Im Stück werden diese Praktiken anschaulich dargestellt, aber auch heftig kritisiert, genau wie die mangelnden Rechte der Flüchtenden. Diese haben ohne einen Anwalt kaum die Chance auf eine faire Untersuchung. „Willkommenskultur“ weicht „Verabschiedungskultur“.

9255_die_schutzflehenden_03

Die Schauspielerinnen schlüpfen während der Darstellung in verschiedene Rollen. Mal bilden sie die Gruppe der verfolgten Roma, mal eine Familie aus dem Irak, mal auch einzelne Individuen, deren Geschichte sie in der Ich-Form erzählen. Die Wortführerin in der antiken Gruppe spielt nun eine Anwältin aus Karlsruhe, die Flüchtende beim Stellen ihres Asylantrages und darüber hinaus betreut. Sie erzählt von den bürokratischen Hindernissen, von einzelnen Schicksälen und schreit ab und zu den Bürokraten an, der ihr seine Entscheidungen mithilfe von Paragraphen erklären will. Sie ist taff, kämpferisch und steht mit vollem Herzen hinter den Flüchtlingen. Alles wirkt so ehrlich, dass man sich nicht ganz sicher ist ob ihr der Text, den sie soeben vorträgt, vorgegeben wurde oder tatsächlich ihre letzte Arbeitswoche darstellt.

Zurück in die Antike: Einstimmig hat das Volk entschieden, den Frauen Asyl zu gewähren. Sie werden bedingungslos als Bürger der Polis Argos anerkannt und sollen von nun an unantastbar sein. Die Freude der Frauen ist riesig, wird jedoch zugleich wieder vernichtet als die Söhne des Aigyptos kommen, um sie zu holen. Dabei betritt ein Mann die Bühne. Mit schwarzen Stiefeln, einer weiten Camouflage-Hose und seinem Schlagstock ist er unverwechselbar als Nationalsozialist erkennbar. Sein Modeverständnis kommt durch sein Jackett und der Krawatte, ebenfalls im Camouflage-Muster, toll zur Geltung. Diese Figur ist wunderbar gelungen und wenn er über die Bühne rennt, mit seinem Schlagstock die Schutzflehenden aufscheucht und sie mit Affengeräuschen anschreit, schwingt so viel Ungesagtes im Raum. Kurze Lacher, die augenblicklich wieder verstummen, verraten, dass das Publikum sich nicht so ganz sicher ist, ob es diesen Auftritt verstörend oder lächerlich finden soll. Ganz kurios wird es, als sein Schlagstock zum Phallussymbol wird.

9257_die_schutzflehenden_05

Großes Happy End in der Antike, ewiger Kampf in Deutschland.

Die Griechen halten ihr Wort. Sie beschützen die Schutzflehenden und bekämpfen erfolgreich die Söhne des Aigyptos. Anders steht es um den Kampf für die Flüchtlinge in Deutschland: Dort gibt es noch kein Happy End. Die Schauspielgruppe lässt ihr Stück mit einem Plädoyer enden. Wir sollen uns daran gewöhnen, dass das Zeitalter der Grenzziehung hinter uns liegt. In der letzten Szene des Stücks zeigen die Schauspieler ihre Hoffnung auf ein tolerantes, gewandeltes Deutschland und auf ein „Weltbürgerrecht“.

Text: Charly Rapp, Fotos: Hans Jörg Michel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.