Film Kultur

Die Serien von Morgen

Sie sind das Gesprächsthema Nummer eins.
Auf Partys, beim Mittagessen mit Freunden, beim gemeinsamen Kinobesuch. Serien. Sozusagen Kinofilme in Überlänge.
Genau das macht den Erfolg von „Breaking Bad“, über „Game of Thrones“ und „The Walking Dead“, bis hin zu „Fargo“, „Orange is the new Black“ und „Hannibal“ aus. Serien sind anspruchsvoll geworden, werden aufwendig produziert und mit bekannten Schauspielern besetzt, erzählen packende Geschichten, die nicht schon nach einer Folge zu Ende sind.
Eine eigene Kunstform ist auf Erfolgskurs. In Amerika haben sich Serien längst erfolgreich als feste Größe neben dem Blockbuster-Kino etabliert, in Europa scheint sich das inzwischen auch schon rumgesprochen zu haben.
Serien fesseln durch lange Spannungsbögen und durch Beziehungen, die man als Zuschauer, über viele Folgen hinweg, mit den Charakteren aufbaut.
Sie haben Suchtpotential, das so hoch ist, dass man manchmal einfach gar nicht mehr aufhören kann zu schauen – sogenanntes “Bingewatching” – bis die letzte Staffel und die allerletzte Folge vorbei ist.

Das 64. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg hat sich dieses Jahr zum ersten Mal zur Aufgabe gemacht eine Auswahl an Serien im Festivalprogramm vorzustellen und vergibt in dieser Kategorie einen Preis, den „New Creator Award“.
Das Festival hat schon seit Beginn den Ruf besonders talentierte Nachwuchsregisseure von Filmen aus der ganzen Welt zu finden und zu präsentieren. Bei der Auswahl der Serien wurde gezielt darauf geachtet, Werke von Personen vorzustellen, die zum ersten Mal als “Creator” und “Showrunner” ein Projekt entwickelt haben.
8 Serien aus der ganzen Welt haben es in die Auswahl geschafft. Sie alle sind auf dem Festival zum ersten Mal in Deutschland zu sehen, noch bevor sie in ihren Herkunftsländern im Fernsehen anlaufen.

Wir haben sie alle gesehen und stellen hier unsere 4 Favoriten vor:

Follow The Money:

Follow the Money Christian Geisnæs © Type 2 DR

Follow the Money Christian Geisnæs © Type 2 DR

In dieser Serie dreht sich alles um den dänischen Energiekonzern „Energreen“, der sein Geld mit erneuerbaren Energien macht. Zu Beginn wird eine Leiche in der Nähe der Nordseeküste aufgefunden. Polizeikommissar Mads übernimmt die Ermittlungen und findet schon bald heraus, dass der Tote für den Windpark an der Küste gearbeitet hat und vermeintlich bei einem Unfall ums Leben kam. Er ahnt einem größeren Zusammenhang auf der Spur zu sein, davon möchte sein Vorgesetzter aber nichts wissen und entzieht Mads den Fall.
Auch innerhalb des Energiekonzerns scheint es kriminelle Verschwörungen zu geben. Die junge und engagierte Juristin Claudia kommt, durch interne Ermittlungen, auf eine Spur und wird nach ihrer Entdeckung vom CEO der Firma überraschend befördert.
„Follow The Money“ verbindet die Handlungsstränge von verschiedenen Charakteren, deren Zusammenhänge nicht von Anfang an ersichtlich sind. Der einzige gemeinsame Nenner ist: Alle folgen dem Geld.
Der Reiz von „Follow The Money“ ist die unterschwellige Spannung, die sich von Beginn an beim Zuschauer aufbaut. Dazu brauch es keine aufbrausende Musik oder Actionszenen. Alleine die Handlung, die Zusammenhänge, die Verstrickungen, aber auch der eine oder andere Plot-Twist ziehen den Zuschauer in den Bann. Alles was in „Follow The Money“ passiert, ist vollkommen realistisch und könnte auch morgen so in der Zeitung stehen.
Das totale Highlight der Serie ist aber das visuell gestaltete Intro, indem die ganze Welt im Wasser versinkt.
Creator von „Follow The Money“ ist Jeppe Gjervig Gram, der bekannt wurde durch seine Arbeit als Autor für die erfolgreiche dänische Serie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“. „Follow The Money“ startet im Januar im dänischen Fernsehen, es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis die Serie auch in Deutschland zu sehen sein wird. Eine zweite Staffel wurde schon in Auftrag gegeben.
„Follow the Money“ wurde von der Jury des Filmfestival mit einer lobenden Erwähnung (Special Mention) ausgezeichnet.

Club Der Roten Bänder:

Club der roten Bänder VOX/Martin Rottenkolber

Club der roten Bänder
VOX/Martin Rottenkolber

Krankenhäuser sind ein ganz eigener Kosmos. Ein Ort für Katastrophen, Schicksale, aber auch Glück und Hoffnung.
Um sich in diesem ganzen Durcheinander zurecht zu finden, besonders, wenn man eine lange Zeit darin zu verbringen hat, braucht man gute Freunde.
Leo, Jonas, Emma, Alex, Toni und Hugo sind alle Teil dieses Kosmos. Sie sind zwischen 12 und 17 Jahre alt und aus den unterschiedlichsten Gründen in Behandlung.
Im Zentrum steht Jonas, ein krebskranker Junge, dessen Unterschenkel amputiert werden muss. Leo, sein Zimmergenosse, hat die gleiche Prozedur schon hinter sich.
Über dem ganzen Geschehen schwebt Hugo, der Erzähler der Geschichte. Er liegt seit zwei Jahren im Koma, nimmt aber alles um sich herum war und bringt die Jugendlichen untereinander in Kontakt.
Trotz anfänglicher Differenzen beginnen sie sich zu verstehen und gründen eine Bande: Den Club der roten Bänder.
Viele Elemente dieser Krankenhausserie sind sehr typisch für das Genre: sanfte, teils emotionale Musik, eine Off-Stimme, schwere Schicksalsschläge, Familiendramen. Trotzdem wird die Geschichte der sechs Jugendlichen weitestgehend sehr packend erzählt.
Einige Szenen tendieren zu einem stark auf Tränen ausgelegten Setting, das man so zum Beispiel aus so manchem Til Schweiger Film kennt, dennoch kriegt die Handlung immer wieder die Kurve und verliert nicht an Ernsthaftigkeit.
Die Darsteller sind noch relativ unbekannt. Leider überzeugen sie nicht alle in Ihren Rollen, was vielleicht auch daran liegt, dass die Autoren bei manchen Dialogen zwischen den Jugendlichen vielleicht doch etwas zu oft ins neue Jugendsprachelexikon geschaut haben. Der große Pluspunkt der Serie ist ihr Look. Tolle Kameraaufnahmen zeigen den Krankenhausalltag aus einer frischen, ästhetischen Perspektive, die man so noch nicht in vergleichbaren Filmen oder Serien gesehen hat.
Die Serie basiert auf einem teils autobiografischen Buch von Albert Espinosa und ist ein Remake der katalanischen Serie „Pulseres vermelles“, bei der Espinosa ebenfalls für die Drehbücher verantwortlich ist. „Club Der Roten Bänder“ ist die erste eigene Serienproduktion von VOX und ist dort ab dem 9.11.15 zu sehen.
Alles in allem ist der “Club Der Roten Bänder“ eine sehr ergreifende Dramaserie mit einigen Feel-Good Momenten.

Familie Braun:

"Familie Braun" "obs/ZDF/ZDF/Christiane Pausch"

“Familie Braun” “obs/ZDF/ZDF/Christiane Pausch”

Thomas und Kai sind Neo-Nazis und leben gemeinsam in einer WG, zusammen mit Führer-Plakaten und „Vaterland“ Parolen an den Wänden. Beide geben sich mit Leidenschaft ihrer politischen Einstellung hin und betreiben einen YouTube Kanal („How to: Aus Essstäbchen SS-Stäbchen machen“).
Ihre Harmonie wird zerstört als ein One-Night-Stand von Thomas vor der Tür steht und ihm seine leibliche Tochter Lara vorstellt.
Lara ist sechs Jahre alt und ist, wie es Kai knallhart auf den Punkt bringt, eine „Negerin“. Die leibliche Mutter wird abgeschoben und so muss sich jetzt Thomas um die Erziehung von Lara kümmern.
Nachdem der Versuch der beiden, das Mädchen, samt Kuscheltier, auf Ebay zu verkaufen, scheitert müssen sie Lara wohl oder übel bei sich behalten.
Diese Aufgabe stellt die Freundschaft zwischen Thomas und Kai auf eine harte Probe und stellt Thomas gleichzeitig vor die Entscheidung, wie es nun in seinem Leben weitergehen soll.
Der Zusammenprall zwischen zwei Welten wird in „Familie Braun“ geschickt inszeniert. Das selbstbewusste und kecke Mädchen Lara trifft auf die „bösen Jungs“ und stellt ehrliche und entlarvende Kinderfragen die das rechte Gedankengut sehr schnell zum Bröckeln bringen. Die Dialoge sind klug, realistisch, oftmals witzig, politisch nicht korrekt und kommen auf den Punkt: „Seid ihr schwul? Ihr hängt ständig zusammen rum und bei allem was ihr macht sind immer nur Männer dabei?“.
Oder: „Du hast ne Negerin geknallt? – Die war früher heller.“.
Humor ist aber nicht die einzige Ebene in der sich „Familie Braun“ aufhält.
Schließlich veralbert die Serie nicht nur Neo-Nazis, sondern sie setzt sich auch kritisch und ernsthaft mit ihnen auseinander. Oft bleibt einem das Lachen sehr schnell im Hals stecken und – besonders gegen Ende – will man gar nicht mehr lachen.
In der ganzen Serie lassen sich viele kleine Details erkennen, von der Set-Gestaltung, bis hin zur Musik und der Besetzung. Einige YouTuber, unter anderem LeFloid und die Spacefrogs, spielen kleine Rollen.
Das Ganze macht so viel Spaß und Lust auf mehr, dass man sich gleich noch ein paar Folgen dazu wünschen würde.
„Familie Braun“ ist als Web-Serie angelegt und wurde im Auftrag des ZDF produziert. Die 8 Folgen à 5 Minuten werden in den nächsten Monaten sowohl im Fernsehen, als auch im Internet zu sehen sein.
Auch „Familie Braun“ wurde von der Jury des Filmfestivals mit einer lobenden Erwähnung (Special Mention) ausgezeichnet.

“Occupied” (Die Besatzung)

Occupied Yellow Bird, TV2

Occupied Yellow Bird, TV2

Schon die ersten, schnellgeschnittenen Szenen von “Occupied” werfen den Zuschauer direkt hinein in eine rasante und atemlose Handlung.
Die Serie spielt in einer gar nicht allzu weit entfernten Zukunft. Norwegen, zusammen mit Russland einer der Wichtigsten Förderer von Erdöl und Erdgas, hat sich entschieden die Produktion der beiden Rohstoffe einzustellen und die Energieversorgung des Landes auf eine zukünftige, umweltschonende Energiequelle umzustellen. Ministerpräsident Jesper Berg stellt auf einer Pressekonferenz sein neues Energiekonzept vor.
Beim Verlassen des Gebäudes wird er in einem Helikopter gekidnappt. Zeitgleich besetzt eine Gruppe Bewaffneter eine Bohrstation für Erdöl, vor der Küste des Landes.
Im Helikopter wird dem Ministerpräsident eine Videobotschaft vorgespielt: die Regierungschefs der EU fordern eine sofortige Wiederaufnahme der Öl- und Gasproduktion, andernfalls wird die russische Regierung in das Land einmarschieren.

Die Handlung von “Occupied” sorgte international schon vor der Veröffentlichung für Schlagzeilen. Der russische Botschafter äußerte sich kritisch zu der Darstellung von Russland als “Aggressoren”.
Besonders interessant ist die Figurenkonstellation von “Occupied”: Zum einen sind da die politischen Akteure in der Regierung und der Personenschützer des Ministerpräsidenten, die alle direkt in die Krise verwickelt sind, aber auch der Reporter einer kleinen Zeitung, der zufällig Zeuge der Entführung wird und dessen Frau, eine Restaurantbesitzerin, die kurz vor der Pleite steht.
Die Autoren halten geschickt die Balance zwischen einem komplexen Thriller Plot und persönlichen Schicksalen am Rande des Geschehens.
Für eine Serie aus Europa spielt sie in einer ganz anderen Liga, als so manche deutsche Produktion der letzten Jahren.
“Occupied” verspricht Kinoqualität in Serienlänge: schnelle Kamerafahrten, tolle Optik, eine gute Story, dazwischen dunkle Synthesizer Klänge.
Und das Beste kommt zum Schluss: “Occupied” läuft unter dem deutschen Titel „Die Besatzung“ ab dem 19.11.15 auf Arte.
„Occupied“ wurde mit dem „New Creator Award“ des Filmfestivals ausgezeichnet. Die Jury zeigte sich besonders überzeugt von dem „zeitgerechten Storytelling“ und dem gut besetzten Cast der Serie.

Wer gute Krimis und Thriller mag, für den dürfte „Occupied“ sehr vielversprechend sein.

Die Preisträger des "New Creator Awards"

Die Preisträger des “New Creator Awards”

Text: Matthias Mohler

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