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Ein Stück ohne Publikum

Das Headquater von More&More (Copyright: Lys-Y-Seng)Studio Beisel – Die Räuber. Ein Erfahrungsbericht.

Kurz vor siebzehn Uhr warten bereits die meisten vor den Pforten des Nationaltheaters. Ein kleines Grüppchen drängt sich um den Stand “Moor&more”. Franz, ein junger, dunkelblonder Mann im schwarzen T-Shirt, verteilt Broschüren. Dann redet er wieder über sein Start-up: Moor&more, eine Social Media App, für einen Euro pro Monat, sie sortiert unwichtige Nachrichten aus. Nicht noch so eine Spionage-App, denke ich und bereue bereits jetzt meine Teilnahme. Die Sonne brennt noch ziemlich stark. Aufgeteilt in zwei Gruppen spazieren wir eine Weile durch die Stadt, um zum neuen Firmensitz des Start-ups zu kommen. Wir laufen mit Karl. Er ist groß, schwarzhaarig und sieht kein bisschen aus wie sein Bruder Franz, finde ich. Es geht am Marktplatz vorbei, durch die Innenstadt, nach G7.

Das Moor&more Headquarter, wie es in der Broschüre steht, ist ein weißes, älteres Eckhaus mit großen Fenstern. Wir warten im Schatten zusammengepfercht auf Franz, der gleich darauf nervös und hektisch die Straße hochgelaufen kommt. Er redet von Vlog und Toilette und schließt uns ungeschickt die Türe auf. Drinnen wirkt alles halb fertig. Die Fenster zur Rechten sind teilweise von bunten Klebestreifen verdeckt, davor erahnt man von Tüchern verhüllte Möbelstücke, wie wenn erst gestrichen wurde. Links stehen sechs Reihen gläserner Tische, mit Wasserflaschen, Papier und Stift für jeden.

Franz Gruppe sitzt uns gegenüber. Die beiden Brüder erzählen von ihrem neuen Netflixprojekt, welches jetzt über den Köpfen der anderen Gruppe zu sehen ist. Typisch authentisch gestellt guckt Karl mit seinem Hund in die Kamera, während Franz erzählt. Es geht um Moor&More. Immer mehr Leute drehen ihre Köpfe, bis alle festgestellt haben, dass wir den Film aus unterschiedlichen Perspektiven schauen. Hier erzählt Karl, dort berichtet Franz. “Moor&more haben die Schillertage finanziell unterstützt, deshalb können sie dort für ihr Produkt werben”, steht auf der Broschüre. Widerwillig lasse ich die Werbekampagne über mich ergehen. Eine App, die nur ein Posting pro Woche erlaubt, als würde sich das durchsetzen. Erste Zweifel kommen auf. Ist das vielleicht schon das Stück? Immerhin kam auch das Schlagwort: Freiheit. Ein eigenes Unternehmen, das bedeutet Freiheit. Karl und Franz fordern uns auf, die App herunterzuladen, wir wären schon freigeschaltet, heißt es. Aber sie ist nicht zu finden und das ist natürlich Franz Schuld. Schon im Netflixvideo entpuppte er sich als der tollpatschige, ziellose, kleine Bruder vom verantwortungsbewussten Karl. Karl, der die Firma gegründet hat, Karl, der die Reden hält, Karl, der Chef.

Copyright: Lys-Y-Seng

Wieder teilen wir uns in zwei Gruppen auf und schrittweise werden Einzelne durch eine vernebelte Tür geschleust. Die Schlange ist lang und man beginnt, sich zu unterhalten, während einer nach dem anderen durch diese ominöse Tür verschwindet. Die nächste Schlagzeile rast mir schon durch den Kopf: Massenmord bei Schillertagen- arglose Zuschauer hinter Tür erstochen. Da bin ich auch schon dran. Karl winkt mich durch die Tür und reicht mir seine Hand. “Ich bin Karl, und wer bist du?”. Verwirrt sage ich meinen Namen. Er weist mich an, weiterzugehen. Zögerlich folge ich dem Gang, der in einem schummrigen Raum endet. An den Wänden reihen sich die Stühle, teilweise schon besetzt von meinen Gruppenmitgliedern. Ein hölzernes Pult, befindet sich in der Mitte, darauf ein großer Topf und ein Schneidebrett. Erleichtert setze ich mich auf einen Stuhl: Ich weiß jetzt, wo das Stück ist, ich bin mitten drin. Immer mehr verwirrte Gesichter betreten die Kammer, bis sich endlich eine gelöste Stimmung ausbreitet. Jeder neue Ankömmling wird herzlich empfangen. Jetzt kommt auch Karl wieder herein. Selbstbewusst nimmt er hinter dem großen Schreibtisch Platz. Hier, so erklärt er es, empfinge er seine Klientel. Für Seminare werde er auch genutzt, sein save space. Wir grinsen uns an. Ein Fenster ist mit alten Plakaten zugeklebt, sodass das Sonnenlicht nur schwach hindurchscheint.

Wir machen jetzt Zwiebeltee.

Karl holt zwei große Zwiebeln vom Fensterbrett und beginnt, zu schneiden. Einige verziehen das Gesicht, der Zwiebelgeruch erobert innerhalb weniger Sekunden den gesamten Raum. Dann kommt der braune Zucker, ein ganzes Päckchen. Anschließend der Kräutertee aus der Kaffeekanne. Karl rührt die Mischung im Kochtopf auf dem Induktionsherd. Er meint, man müsse es testen, das Gebräu. Kaum auf Freiwillige hoffend, fragt er belustigt in die Runde. Eine junge Frau rechts neben ihm wagt sich, und einen Löffel später verkündet sie ihr Urteil: Der Zwiebelgeschmack sei zu intensiv. Noch während sie mit Karl über Rettungsmaßnahmen für unseren Fiebertrank diskutiert, beginnt eine Frau zu husten. Karl unterbricht sein Gespräch. Er meint, man hätte sie vergiftet. Franz sei an allem Schuld. Die Frau versucht, ihn zu beschwichtigen, doch vergeblich. Es läge an den Zweiflern, meint er und schaut mich an. Ich lüge und behaupte, überhaupt nicht kritisch gewesen zu sein, doch es hilft nichts. Jetzt soll ich zu Franz. Ich verlasse unsere Kammer, und durch einen blauen Vorhang getrennt, finde ich die andere Gruppe beisammen sitzend, auf Bänken im Gang.

Kaum will ich hinübergehen, da kommt Franz aus einem Raum gehuscht und blickt mich zerfahren an. Er hätte dafür keine Zeit, ich solle wieder zurück. Hinter mir steht Karl und scheucht nun auch die übrigen Gruppenmitglieder aus der provisorischen Küche. Elegant huschen wir an Franz vorbei und sitzen sogleich in dem dusteren, schmalen Gang. Die beiden streiten. Karl schließt sich im Zimmer ein, er könne so nicht mehr arbeiten. Mit Franz. Wir gucken uns gespannt an. Franz klopft an die Türe, bittet und bettelt. Am Ende steht er doch alleine vor uns und ist verzweifelt. Er könne das alles nicht, besonders jetzt nicht, da er sich am Fuß verletzt habe. Er zeigt auf eine Schiene am Knöchel. Immer verzweifelter wirkt der blonde Schussel. Eigentlich, so seine Worte, sei er auch gar nicht Franz, sondern Laurenz der Laienschauspieler. Und das in dem Zimmer, das sei nicht Karl, sondern Kai, Kajetan. Ich versuche, mein Infomaterial hervorzukramen, doch es ist zu dunkel. Inzwischen ist auch Kai, wieder erschienen und die beiden beginnen pathetisch, Reden vom Smartphone abzulesen. Wir sitzen da wie in einer drittklassigen Schultheateraufführung, doch alle sind begeistert. Wie wenn man eine Suppe kocht, ohne sie zu essen, so sei das hier. Ein Stück ohne Publikum. Wir lauschen gespannt. Nicht einmal gelesen hätten sie die Räuber. Man mag es ihnen ja beinahe glauben. Da reden sie von einem Bild, das wir jetzt machen sollen, verkleidet in den Kostümen des Nationaltheaters.

Gemeinsam betreten wir zum zweiten Mal den Eingangsbereich des „Firmensitzes“. Die beiden entfernen nun die Tücher auf den Gegenständen, und Altmodische Sessel kommen zum Vorschein sowie ein Kleiderständer mit zahlreichen Kostümen. Samtene, lederne und bestickte Stoffe gleiten über meine Hand. Jedes maßgeschneidert, jedes ein Unikat. Vielleicht, denke ich mir, hat dieses Theaterstück weniger mit den schillerschen Räubern zu tun, als der Name des Stückes es erwarten lässt. Doch eines ist uns als Räuberbande an diesem Abend doch ganz gut gelungen: Das Gefühl der Freiheit.

Autorin: Jennifer Kuprion

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