Kultur Theater

Eine Bühne für die Kleinkunst

Acht Künstler, acht Performances und ein kritisches Publikum. Das ist das Prinzip der Show Kunst gegen Bares. Der Show, in der einzig und allein das Publikum entscheidet, wie viel die jeweiligen Künstler*innen an diesen Abend verdienen.

Moderator durch den Abend war Jens Wienand vom Kleinkunstimperium, der das Publikum in der Halle02 in Heidelberg mit flotten Sprüchen durch den Abend führte und gleich zu Anfang das Konzept von Kunst gegen Bares erklärte. Geklatscht werden ist zwar erwünscht, aber da sich davon leider kein Künstler ernähren kann, hat das Publikum heute die Chance den Künstlern in der ehrlichsten Form zu zeigen, wie ihre Performance war: Mit Geld. Die Künstler*innen haben ca. zehn Minuten Zeit mit ihrem Konzept und selbst mitgebrachten Requisiten das Publikum zu überzeugen. Und das ist wichtig! Denn die Zuschauer zahlen den Künstlern nur so viel, wie sie meinen, was der jeweilige Auftritt wert war. Der/die Künstler*in der/die am meisten Geld verdient, wird zusätzlich zum Kapitalistenschwein gekürt. Ein spannendes Experiment, denn wann hat man schon die Möglichkeit dem Künstler eine so schonungslose Kritik nach seiner Show mitzuteilen?

Magier Jan Langreder führt seinen Zaubertrick mit Hilfe einer Freiwilligen aus dem Publikum vor.

Das künstlerische Angebot an diesen Abend zeigte sich breit gefächert. Von Musikern über Impro-Theater hin zu einem Magier war so einiges vertreten, was das Kleinkunstherz höherschlagen lässt. Den Anfang machte die junge Wahl Wormserin Emily, die ihre Stand-Up Comedy in Englisch mit einen stark amerikanischen Akzent vortrug und Witze über „Boys“, ihren „Husband“ und den amerikanischen Selbstverständnis zum Besten gab. Die jeweiligen Episoden wirkten aber leider etwas zusammenhanglos und auch wenn das Publikum auf Nachfrage behauptete English verstehen zu können, so richtig zündeten die Witze nicht. Was folgte war ein gemäßigter Applaus, der schon auf eine eher schlechte Gage hindeutete. Dann wurde es aber schlagartig unterhaltsamer. Jan Langreder, seinerseits langjähriges Mitglied des Magischen Zirkels und gerade einmal 21 Jahre jung, zauberte den Leuten das Geld aus den Taschen und bewies, mit Hilfe einer Person aus dem Publikum, dass er ein ganzes Buch auswendig rezitieren konnte. Die nötige Portion Witz und Selbstironie rundete die Vorstellung ab. Der Applaus als Stimmungsmesser schon etwas gehaltvoller, aber da ging noch etwas mehr.

Philipp Multhaupt liest das Rezept für Bupropion Neuraxpharm vor.

Mit dem Konzept Lesen für Bier versuchte die Poetry Slamerin Sylvie le Bonheur zu überzeugen, was aber nicht gelingen konnte, da Sie die Bühne auch gleich ihren Kollegen Philipp Multhaupt übergab, der eigentlich erst später seinen Auftritt hatte. Die Interpretation des Arzneizettels über Bupropion Neuraxpharm erfreute sich zwar einiger Lacher, aber das Format bewies sich doch als ziemlich untauglich für eine 10-minütige Vorstellung. Und auch als Poertry Slamer Philipp Multhaupt die Ehre seiner Zunft später am Abend verteidigen wollte, gelang dies nur mäßig. Sein Beitrag zur Show war das Vorlesen eines, wie er selbst zugab, schon älteren Textes mit dem Titel „Fickt euch“. Der Text war kreativ, witzig und füllte die 10 Minuten unterhaltsam aus. Dennoch merkte man den Peotry Slamern an, dass Sie wohl nur an dem Event teilnahmen, weil Beide am nächsten Tag für die Show Lesen für Bier eingeplant waren und dafür Werbung machen wollten.

Erst der routinierte und mit 41 Jahren bei weitem erfahrenste Künstler an diesem Abend, der Hamburger Stand-Up Comedian Glenn Langhorst wusste das Publikum zu begeistern. Seine Witze, die auf sein Alter, seine Erfahrungen auf der Bühne und natürlich seine Frau, die ihn zur Einnahme von Almased nötige, abzielten, zündeten. Hier merkte man, dass der Künstler sich auf der Bühne wohlfühlt und auch richtig Bock hat. Eine Kombination, die auch die Impro-Theater Gruppe Impro Against Humanity zeigte. Mit dem Moderator Jens Wienand als Sidekick spielten sie die Anweisungen des Kartenspiels Cards Against Humanity mit viel Witz und Einfallsreichtum nach.

Fernando spielt auf dem Schweizer Instrument Hang.

Highlight des Abends waren jedoch die beiden Musiker. Gitarrist Lion Bardot kämpfte zwar Anfangs mit technischen Problemen, umspielte diesen Umstand aber mit so viel Selbstironie und Gelassenheit, dass es fast schon zur Show gehören musste. Auch seine Lieder, die zwischen Liebeslust, -frust und -problemen spielten, machten Spaß, vor allem, weil er das Publikum stets zum Mitsingen ermunterte.    Und dann war da noch der Musiker Fernando aus Portugal. Schüchtern betrat er die Bühne und entschuldigte sich gleich dafür, dass er so schwitzige Hände hätte. Er sei nun Mal leider etwas nervös. Sein Instrument der Wahl: Das Hang (siehe Bild). Was aussieht wie ein demolierter Weber-Grill oder ein UFO ist tatsächlich ein Schweizer Musikinstrument. Und kaum tippt Fernando mit seinen Fingern auf die Klangbecken der Hang, fällt er in eine Art Trance und das Publikum lauscht seinen hypnotischen Rhythmus. Eine Performance, die so eigen und etwas so Magisches hatte, dass sie – ganz im Gegensatz zu der mystischen Musik – den wohl stürmischsten Applaus an diesen Abend erntet.

Und am Ende der Show stand die schonungslos ehrliche Kritik des Publikums an. Nachdem die Künstler*innen des Abends noch einmal vom Moderator einzeln vorgestellt wurden, verschwanden sie hinter die Bühne und ließen das Publikum ihr Geld in die jeweiligen Sparschweine (in diesen Fall Spareimer) der Künstler*innen werfen. Wobei jeder einzelne Gast nach seinem Ermessen die jeweiligen Auftritte vergüten durfte.

Nach dem Auszählen der Einnahmen erfolgte jedoch nicht sofort die Preisverkündung, sondern der Moderator wandte sich mit sehr klaren und kritischen Worten dem Publikum zu: „Es kann nicht sein, dass ihr den Künstlern so wenig Geld geben wollt. Die reisen hier teilweise aus Hamburg an und legen sich für ihre Show ins Zeug und einige von euch meinen, dass ein paar Cent als Vergütung reichen. Das geht so nicht!“. Eine Meinung die durchaus seine Berechtigung hat. Aber vielleicht sollten sich die Organisatoren auch fragen, ob die Halle02 für eine Show wie Kunst gegen Bares der geeignete Ort ist. Auch wenn Das Konzept in Köln und in anderen Orten Deutschlands schon seit Jahren ein großes Publikum anzieht und sehr erfolgreich läuft, so scheint die Halle02 nicht der richtige Ort für diese Veranstaltung zu sein. Die Anonymität und der Abstand zum Publikum in der Halle02 waren vielleicht zu groß, oder auch die Tatsache, dass hauptsächlich Studierende im Publikum saßen (Für Erstis war die Veranstaltung kostenlos), führten wohl dazu, dass das Geld nicht so locker saß.

Das Einspielergebnis spiegelte dennoch sicherlich nicht die Unterhaltsamkeit des Abends wider. Auch wenn einige Acts weniger überzeugten als andere, war Kunst gegen Bares in der Halle02 ein unterhaltsames Event. Wohl nicht zuletzt wegen dem charmanten Moderator Jens Wienand und dem Kapitalistenschwein Fernando aus Portugal mit seinem Hang.

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