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„Eine Viertelstunde Fame bitte!“

Julien Ferrat hat in den letzten Monaten so sehr um Aufmerksamkeit gebettelt, dass er uns ein wenig Leid tut.  Um aber ein wenig Licht in die Gedankengänge dieses kommunalpolitischen Talents zu bringen, haben wir  – für die hartgesottenen Fremdschämer unter uns – bewegende Ereignisse seiner Karriere szenisch für euch aufbereitet. Realsatire ist ja bekanntlich die beste Satire.

Dieser Artikel sollte aus verschiedenen Gründen eigentlich nicht geschrieben werden.

Ein gewisser Stadtrat wird sich nämlich diebisch über eine weitere Viertelstunde Fame im Sinne Andy Warhols freuen. Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie. Stichwort „Populisten wurden nur durch Talkshows und ausufernde Berichterstattung groß gemacht!“ Stichwort: Julien Ferrat.

Mannheims rappender Politik Bad Boy ist für seine Sympathisanten wie Rhein Neckar Blog Chefredakteur Hardy Prothmann ein wohlmeinender Stadtrat in Bedrängnis, für den Großteil der Studis in Mannheim aber womöglich nicht mehr als eine relativ sexistische und Aufmerksamkeit heischende Witzfigur. Diese Figur Julien Ferrat in Form eines Interviews ernst zu nehmen, und dabei konstruktive Ansätze und tiefgehende Betrachtungen zu erwarten macht in unseren Augen wenig Sinn.

Wir mussten uns also fast selbst dazu überreden, dass die Ereignisse der letzten Monate und Jahre im Leben des Julien F. berichtenswert sind. Die Vergangenheit Ferrats an der Uni Mannheim und nicht zuletzt der Umgang des Rhein Neckar Blogs mit der ganzen Thematik haben uns letztendlich überzeugt: eine – wenn auch humorvoll vereinfachte und überspitzte – Zusammenfassung der Geschichten, wie sie nur das Leben schreibt, können wir euch einfach nicht vorenthalten.

Erster Akt: Die Fälschung

Die Geschichte beginnt im April 2014 an der Uni Mannheim: Julien Ferrat, ein politisch aktiver 23-jähriger Lehramtsstudent mit Fächerschwerpunkt Französisch und Philosophie, tritt für die Linke.SDS bei den StuPa Wahlen an. Als Listenführer erhält er bei den StuPa-Wahlen der Uni Mannheim die meisten Stimmen und ergattert den einzigen StuPa-Sitz seiner Hochschulgruppe. Gut für Ihn, dass dieser eine Sitz sowohl der Koalition aus gahg und Jusos, als auch RCDS LHG und IgS zur Mehrheitsbildung fehlen. Er hat freie Wahl bei der Koalitionsbildung.  Blöd für Ihn, dass ein Großteil der „Kandidierenden“ der Linke.SDS Liste ohne ihr Wissen oder gegen ihren Willen aufgestellt wurden. Ihre Unterschriften wurden gefälscht. Somit war die Wahl eigentlich ungültig.

Anstatt sich als Verantwortlicher der linken Hochschulgruppe mit der Aufklärung der Wahlfälschung zu beschäftigen, macht Julien natürlich das in diesem Moment naheliegendste: er geht eine Koalition mit RCDS, IgS und LHG ein. Was auch sonst? (Dass die drei Hochschulgruppen offensichtlich keinerlei Bedenken hatten mit jemandem zusammenzuarbeiten, dem Wahlfälschung vorgeworfen wird, ist übrigens ein ganz anderes Thema.) Leider war dieser opportunistischen „Querfront“ aber keine besonders glückliche Zukunft gewährt: Vier Monate später standen teure Neuwahlen an, Ferrat vor Gericht und die Linke.SDS – oder das, was von ihr übrig blieb – vor dem politischen Aus. Wer sich schon mal gefragt hat, warum es in Mannheim keine Hochschulgruppe links der gahg oder Juso Listen gibt, hat jetzt die Antwort darauf. Aber nicht nur das: Ferrat hat endlich ein bisschen überregionale Aufmerksamkeit ergattert und offensichtlich Blut geleckt.

Zweiter Akt: Stadtrat Ferrat Origins

Klar, dass der Kreisverband der Linken sich so gut es geht von Ferrat distanziert. Er wird gebeten so schnell wie möglich von seinem Listenplatz bei der Wahl des Gemeinderats zurückzutreten. Tut er aber nicht, denn die Partei kann ihn nicht zwingen, die für jeden offene Liste zu verlassen. Nach einer Zahlung von 3600 Euro wird im Sommer 2015 außerdem das Verfahren wegen Wahlfälschung gegen ihn eingestellt: Es konnte nicht zu hundert Prozent bewiesen werden, dass er und nicht jemand anderes die Unterschriften gefälscht hatte.

Letztendlich sitzt Julien Ferrat also Ende 2014 als parteiloser Stadtrat im Mannheimer Gemeinderat und schließt sich später der Familienpartei an, deren Landesverband ihn eigentlich gerne wieder loswerden will: immerhin hatte er bis dahin keinen Cent Mitgliedsbeitrag gezahlt. Der Bundesverband hatte damit aber offensichtlich kein Problem, weswegen er als ehemaliger Linker ohne weitere Probleme in die eher wertkonservative Ecke wechseln konnte.

Dritter Akt: Das Ghettovideo

Im Herbst 2016 schließlich – es ist schon eine ganze Weile verstrichen seit dem letzten Skandal und dem letzten Aufmerksamkeitskick – ist endlich seine Zeit gekommen und Ferrat veröffentlicht ein als Rap getarntes off-beat Gestammel, garniert mit Klischee-Rap-Anfang-der-2000er-Westberlin-Posen und sexistischen Texten über die Neckarstadt, das Ghetto, seine Körperflüssigkeiten, seinen Sohn mit einer Türkin und seinen „Yarak“ – also „Penis“ auf Türkisch. So weit, so kalkuliert. Das Video nennt er – einfallsreich, wie er ist – „Stadtrat Ferrat“. In die Pressemitteilung schreibt er, er wolle nur auf die Missstände in der Neckarstadt West aufmerksam machen. Klar, dass sämtliche Zeitungen und Online Portale mit ihm Klicks sammeln wollen. Klappt ja auch ganz gut. Was Aufmerksamkeit angeht also eigentlich eine Win-Win Situation für beide Parteien: Die eher bildungsbürgerlichen Medienhäuser können ihren Lesern in der Rolle des unterhaltsamen Moralapostels, die Boulevard-Presse eher in der des „Schau mal hier: lustiges Video“-Kumpels gefallen. Ferrat ist Ende 2016 so bekannt wie nie zuvor.

Vierter Akt: Das Abtreibungsvideo

Wie zu erwarten war, hat Ferrat jetzt aber noch nicht genug: Als ausgemachtes PR Talent weiß er, dass er die Aufmerksamkeit der Leute ausnutzen muss, solange sie vorhanden ist um den großen Fame einzufahren. Seitdem bringt er auf seinem neuen YouTube Kanal eine Reihe von Videos raus, in denen er mit Hundeblick um Daumen und Abonnenten bittet. Mal Videoanalysen zu Bibis Beauty Palace, mal Aufforderungen zu mehr Sicherheitskräften am Luisenpark – wegen des „bedauerlichen Vorfalls mit dem Pinguin“ – und eben auch mal ein Musikvideo, in dem eine halbe Minute lang harte Bilder einer womöglich nicht mehr ganz legalen Abtreibung gezeigt werden.

Quellen für die Aufnahme der Abschabung eines toten Embryos aus dem Mutterleib kennt Ferrat nicht. Er sagt „es kursiere schon länger auf diversen Plattformen“. Zum Inhalt: der Rap handelt von einem letztendlich glücklichen Pärchen, das sich dazu entschieden hat doch nicht abzutreiben. Untermalt wird es geschmackvoll von absichtlich billig produzierten Beats, Zetteln in Krakelschrift, vom Weinen verwischter Schminke und eben auch einer Pressemitteilung Ferrats. Wie kalkuliert, geht auch hier wieder die Aufmerksamkeits-Formel auf und sowohl Broadly vom VICE Netzwerk, als auch Brigitte und bento berichten überregional und ausführlich darüber. Wie er sicher erwartet hat, prangern sie seine harte Linie an, Abtreibungen ohne Rücksicht auf die Umstände der Mutter verhindern zu wollen. Der Tenor:  Unterdrückung von Frauenrechten sollte in der Politik keine öffentliche Bühne geboten werden.

Fünfter Akt: Hardy als Deus Ex Machina

Bis dahin recht unbeteiligt am Geschehen war der Rhein Neckar Blog. Dessen Chefredakteur Hardy Prothmann schaltet sich aber Anfang dieses Jahres – persönlicher und beleidigender als die meisten anderen Medien Mannheims – in die Diskussion ein: Er sieht Ferrat tendenziell in der Opferrolle und stellt seine Ex-Partnerin als öffentlichkeitswirksame Opportunistin dar. Dass er dazu private Facebook Posts zitiert und dabei selbst einen privaten Unterhaltskonflikt an die Öffentlichkeit bringt, kann er offensichtlich mit seinem Verständnis von Qualitätsjournalismus vereinbaren.

Wer diese Außenseiterstellung verstehen will, muss sich ein bisschen tiefer mit dem Selbstverständnis des Blogs beschäftigen: Geld wird nämlich auch beim Rhein Neckar Blog als lokalen durch Werbung und zahlende Leser finanzierten Blog vor allem mit Aufmerksamkeit verdient. Wie genau man an diese kommt, spielt scheinbar nicht die wichtigste Rolle. Der Rhein Neckar Blog positioniert sich nämlich auch mal in einem flammenden Essay gegen Xavier Naidoos „Marionetten“ Song links der regionalen Medien, die „überwiegend nur das Hohelied auf den „Meister““ singen. Revidiert wird das aber dann, indem an sich auch mal auch gut und gerne durch das Schalten von AfD-Anzeigen auf der Website ein ganzes Stück weiter rechts der Konkurrenz einordnet. Hauptsache man sticht heraus. Was immer wieder auffällt: Die Begriffe „Systemfeind unserer Berichterstattung“, „lokal-regionale Weltverschwörung“ und nicht zuletzt eine offen ausgetragene Abneigung gegenüber dem JUZ Mannheim als Treffpunkt „gewaltbereiter Linksradikaler“ erinnern erschreckend an eine gewisse Partei, die sich genauso gern in ihrer Unkonventionalität suhlt, wie es der RNB tut.

Letztendlich ist es kein Wunder, dass sich mit Ferrat und Prothmann zwei Akteure gefunden haben, die sich in ihrer Außenseiterrolle wohler fühlen als in der konventionellen Politik oder dem etablierten Journalismus. Solange Leser denken, der Rhein Neckar Blog oder eben ein Stadtrat wie Julien Ferrat wären die Einzigen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen und „sich trauen“, ist ihnen wahrscheinlich auch weiterhin die Aufmerksamkeit Mannheims sicher.

Einfach nicht darüber zu schreiben wäre sicher die einfachere und weniger anstrengende Lösung. Doch dazu sind Ferrat und Prothmann zu bekannt und die Moral der Geschichte zu wichtig: Nämlich, dass Populismus und stupides Gieren nach Aufmerksamkeit weder im Journalismus noch in der Politik etwas verloren haben. Selbst, wenn es sich dabei um einen Kommunalpolitiker im Ehrenamt oder eben einen lokal aktiven Blogger handelt.

Autor: Carlos Hanke Barajas

 

Foto: https://www.youtube.com/watch?v=yRKAaXjF4QY Stadtrat Ferrat – Weihnachtsansprache 2016

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