Kultur Musik

„Jeder versteht etwas Anderes, aber das ist umso besser!“

Anfang März 2017 erscheint mit „Wir waren nie hier“ (ferryhouse productions) das nun dritte Album der deutschen Pop-/Rockband EMMA6. Bereits 2011 landeten sie mit der Single „Paradiso“ in den deutschen Singlecharts. Wir haben mit Sänger Peter Trevisan über Stromausfälle auf der Bühne, ihre Mini-Tournee durch Rumänien und die Vorteile deutscher Texte gesprochen.

Die Frage müsst ihr euch vermutlich öfter anhören: Du und Henrik, ihr seid Geschwister, habt ihr keine Angst, dass ihr mal wie Oasis endet?

Ne, die Befürchtung haben wir nicht. Natürlich gerät man schneller aneinander, wenn man mit seinem Bruder in einer Band spielt, aber genauso schnell verträgt man sich auch wieder. Man hat in der Kindheit ja auch gelernt, was es heißt mit dem Anderen klarzukommen, zu diskutieren und sich natürlich auch mal zu fetzen. Aber ich muss schon sehr lange zurückdenken, wann wir uns das letzte Mal richtig gefetzt haben oder gar handgreiflich geworden sind, im Proberaum oder so. Ich glaube, das wächst sich irgendwann einfach raus. Eigentlich genießen wir eher die Vorzüge, die es hat, wenn man mit seinem Bruder auf Tour ist: Man hat schließlich immer jemanden dabei, den man sehr gut kennt und dem man alles sagen kann.

Und zur Not habt ihr ja noch euren Bassisten Dominik als Streitschlichter.

Genau, der ist auch noch da. Er nimmt seine Aufgabe auch ziemlich ernst. Aber er hat auch gar nicht so viel zu tun. Wenn man mittlerweile Ende Zwanzig, Anfang Dreißig ist, sollte man einen gesitteten Umgang mit seinen Geschwistern gelernt haben.

Ihr seid mittlerweile doch ziemlich bekannt in der deutschen Indie- und Pop-/Rock-Szene. Wann und wie kam bei euch der Durchbruch?

Das kann man gar nicht so genau sagen, weil das ja ein fortlaufender Prozess ist. Es gab für uns keinen Moment, wo wir uns dachten: „So, jetzt!“. Und man weiß ja auch gar nicht, woran man das festmachen soll: Weil die Leute uns jetzt kennen? Oder weil man ein Album herausgebracht hat? Es gab für uns schon ein paar einschneidende Erlebnisse, beispielsweise als wir uns irgendwann im Radio gehört haben, als wir unser Album im Plattenladen stehen sahen, oder als wir mit Wir sind Helden auf Tournee waren. Solche Momente haben sich dann irgendwann gehäuft, was für uns etwas Besonderes war. Aber wir würden nie von unserem Durchbruch sprechen. Wir machen einfach seit circa 10 Jahren Musik und es hat sich immer mehr gesteigert, immer mehr Leute kommen zu den Konzerten. Und das ist natürlich viel besser!

Eure Songs punkten mit nachdenklichen Texten. Wer ist bei euch verantwortlich für das Schreiben der Songs und wie läuft das ab?

Da gibt es gar keinen genauen Ablauf. Meistens bringt irgendjemand von uns eine Idee mit in den Proberaum, musikalischer Art, und wir schreiben die Musik dann gemeinsam fertig. Die Texte schreibe ich dann meistens später. Eigentlich erst Musik, dann Text.

EMMA6, das sind die Geschwister Peter (Gesang und Gitarre) und Henrik Trevisan (Schlagzeug) sowie Dominik Republik (Bass). Sie alle drei stammen aus der gleichen Kleinstadt, unweit der niederländischen Grenze in Nordrhein-Westfalen und haben schon in der Schulzeit zusammen Musik gemacht. Die Band war bereits als Vorgruppe mit Wir sind Helden auf Tournee.

Ihr Name stammt übrigens von einer schottischen Austauschschülerin namens Emma, auf die alle drei standen. Bei ihr landen konnte letztlich niemand von ihnen – aber den Namen, den haben sie behalten. Der Buchstabe 6 ist eine Anlehnung an den britischen Geheimdienst MI6; denn alle drei Bandmitglieder sind große James Bond-Fans.

Einige Musiker sagen, auf Deutsch zu singen sei schwieriger, da dann jeder die Texte versteht. Siehst du das auch so? Und warum singt ihr ausschließlich auf Deutsch?

(lacht) Das würde ja bedeuten, dass es schlecht ist, die Texte zu verstehen. Ich würde es eher als großen Vorteil betrachten, wenn jeder versteht was ich mit meinen Texten meine – oder zumindest verstehen könnte, wenn er denn möchte. Eigentlich finde ich eher die Annahme total absurd, es sei komisch auf Deutsch zu singen, wenn das doch die eigene Muttersprache ist. Nur so ist man auch in der Lage, Dinge zwischen den Zeilen zu sagen, die man mit dem eigenen Schulenglisch vielleicht nicht so ausdrücken könnte. Für mich ist es eher normal auf Deutsch zu schreiben und ich finde es auch sehr gut, wenn Leute sich mit unseren Texten auseinandersetzen; wenn Leute also zumindest die Chance bekommen, zu verstehen was wir meinen. Zwar versteht dann doch jeder etwas Anderes, aber das ist ja umso besser!

Also wollt ihr in euren Texten auch Platz für Interpretationen lassen?

Ja unbedingt. Ich bin überhaupt kein Freund davon, Leuten Songs zu erklären, die sie auch selber verstehen können. Wenn ich eine Band gut finde und einen Song von ihr höre, interpretiere ich ihn auch immer etwas anders, als er eigentlich gemeint war, da bin ich mir sicher. Und das macht Kunst, das Schreiben und die daraus resultierenden Songtexte, so besonders wertvoll. Außerdem ist man ja nie in der gleichen Situation, wie der Schreiber des Songs.

Für Leute die euch nicht kennen, wie würdest du eure Musik beschreiben? Und warum sollte man euch hören?

Es ist sehr schwer, die eigene Musik zu beschreiben. „Pop/Rock“ und „Indie“ wäre das einzige, was mir so einfallen würde. Wir sind eine Gitarrenband, die deutsche Texte schreibt und in irgendeiner Form etwas zwischen Pop- und Rockmusik macht. Aber dann doch nicht so, dass wir im Tagesprogramm eines Formatradios laufen. Deswegen passt vermutlich auch der Begriff „Indie“, aber eigentlich lasse ich das lieber andere Leute bewerten. Zur zweiten Frage, warum Leute meine Musik hören sollten: Ich finde Leute sollen sie nicht hören und müssen sie auch nicht hören, aber wenn sie es machen und sie in irgendeiner Form etwas auslöst, dann bin ich sehr glücklich. Deswegen will ich auch gar keine Werbung machen. Wenn die Leute die Chance haben, uns einmal live zu hören und danach dabeibleiben, freuen wir uns natürlich sehr.

Und das können sie mit eurem dritten Album, das bald erscheint! Meinst du, ihr habt euch nach euren letzten beiden Alben musikalisch weiterentwickelt?

Das würde ich schon sagen. Aber als Beteiligter ist das schwer festzumachen, denn das sind Prozesse, die einfach automatisch ablaufen. Dass sich etwas zum letzten Album geändert hat, stellt man dann eher erst im Nachhinein fest. Zumindest aber haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Wir sind nicht mehr bei einer großen Plattenfirma, sondern haben das Album auf eigene Faust aufgenommen. Dadurch ist man natürlich ganz anders an den Prozess des Aufnehmens herangegangen, hat sich selber viel mehr Freiheiten gelassen und einfach geschaut, wo es hingeht. Es gab niemanden, der zwischendurch schon reingeredet hat. Das war für uns sehr befreiend, denn so haben wir einfach ein Album gemacht, wie wir es wollten. Am Ende haben wir uns dann gesagt:  Es wäre schön, wenn ein Label mit uns arbeiten möchte; aber wenn nicht, bringen wir die Platte einfach alleine heraus.

Welche Lieder aus dem neuen Album empfehlt ihr dringend zu hören und warum?

Ich bin ein sehr großer Freund von ganzen Alben. Es ist sehr schade, dass der Trend zu der Veröffentlichung einzelner Singles geht, einfach nur, weil es praktischer ist. Man sollte ein Album zumindest einmal am Stück hören und erst dann entscheiden, welche Songs man nochmal hören möchte und welche nicht.

Darf man fragen, welches der Lieder euch am meisten bedeutet?

Die Lieder, die bestimmte Situationen in Erinnerung rufen. Entweder Situationen, über die man schreibt, oder Situationen, in denen man geschrieben hat. Es gab zum Beispiel Songs, die ich unterwegs auf einer Rucksackreise geschrieben habe und mir viel bedeuten, weil das Gefühl, das ich beim Schreiben hatte, noch präsent ist. Ansonsten ist das Album aber eher eine Einheit, wirkliche Favoriten habe ich nicht.

Euch gibt es als Band mittlerweile seit 12 Jahren. Gibt es ein Highlight in eurer Bandgeschichte?

Es sind viele Kleinigkeiten, die das ausmachen. Es gibt nicht das eine Ding, das man irgendwann einmal seinen Enkeln erzählen möchte. Was uns als Band ausmacht, ist, dass man schon über so einen langen Zeitraum zusammen Musik macht und weiß, wie der andere tickt. Das hat auch viel mit Freundschaft zu tun. Das ist eigentlich das wirklich Wichtige: Es ist schön, ein Geflecht von Leuten um sich zu haben, die einen begleiten –  ob das nun die Bandmitglieder sind oder ob das der Produzent oder der Booker ist oder unsere Familien und engen Freunde, die alle auch immer eng mit der Band verbunden waren und sind.

Und gab es einen etwas skurrilen oder lustigen Moment?

Es gibt sicherlich viele verrückte Sachen, ob ein Stromausfall auf der Bühne oder andere Sachen, aber auch hier macht es einfach die Masse an kleinen Dingen aus.

Ihr hattet schon einmal Stromausfall auf der Bühne?

Ja, hatten wir. Das war aber noch sehr früh in unserer Zeit als Band, als wir noch auf Bühnen spielten, die ganz und gar nicht gut ausgestattet waren. Witzig war, dass mein Mikrofon an einem anderen Stromkreis angeschlossen war und daher als einziges weiter funktionierte. Da es ein Funkmikro war, lief es alleine weiter und ich habe den Song dann einfach A capella gesungen. Wir mussten dann aber leider trotzdem abbrechen, weil wir die Anlage nicht mehr ans Laufen bekommen haben. Die ganze Veranstaltung fiel dann leider komplett aus. Das war in einem Kleinstadt-Jugendzentrum, da war technisch nichts mehr zu retten.

Das aktuelle Album der Band EMMA6: "Wir Waren Nie Hier"

Das aktuelle Album der Band EMMA6: „Wir Waren Nie Hier“

Manche Musiker beschreiben, dass sie ihre eigenen Songs irgendwann nicht mehr hören können. Habt ihr das auch manchmal?

Ein sehr gutes Rezept dagegen ist, seine eigenen Songs einfach nicht zu hören. Wir wollen das ja auch gar nicht. Man hat sich so lange im Studio und am Schreibtisch mit den Songs beschäftigt, warum sollte man sie dann auch noch danach hören?! Deswegen versuchen wir eigentlich, es so früh wie möglich zu lassen. Beim Spielen selber ist man dann ja sowieso in einem ganz anderen Modus – dann wird’s auch nicht langweilig.

Ich habe gelesen, dass ihr 2015 auf einer kleinen Tour in Rumänien unterwegs wart. Wie kam es dazu?

Wir wurden vom Goethe-Institut und Partnerinstituten eingeladen, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Rumänien fördern. Als wir die Anfrage bekamen, haben wir nicht lange überlegt. Das klang einfach super spannend. Wir sind eine ganze Woche durch Rumänien gefahren, haben vier oder fünf Konzerte gespielt. Wir hätten nie gedacht, dass so viele Leute auch vor Ort unsere Musik schon kannten. Außerdem ist das Land einfach super vielseitig. Nur die Straßen sind ziemlich schlecht, um auf Tour zu sein (lacht).

Wo seht ihr euch in 10 Jahren? Oder vielleicht etwas einfacher: Was sind eure nächsten Pläne?

Ich kann da nur von mir sprechen: Ich würde mir wünschen, dass wir in 10 Jahren immer noch als Band zusammenspielen, wie und wo auch immer. Und die nächsten Ziele sind eigentlich immer eine neue Platte machen und live spielen. Und dann wieder von vorne.

Das heißt, eine neue Platte ist in Planung?

Ja natürlich, es steht eigentlich nie still. Wie lang das dann am Ende dauert, hängt ja noch mit anderen Sachen zusammen, aber wir machen auf jeden Fall neue Musik.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wünsche euch viel Erfolg für die Albumveröffentlichung!

Interview und Text: Verena Böckle, Bilder: (c) Felix Wittich, EMMA6

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