Campusleben

Erste Risse im Fundament der neoklassischen Hochburg

Einer zunehmenden Anzahl an VWL-Studierenden geht ihr Studium nicht weit genug. Deswegen setzen sich seit Jahren Studierende in Deutschland für mehr Pluralität in der Volkswirtschaftslehre ein. Jetzt ist die Bewegung auch in Mannheim angekommen. Die neugegründete Gruppe „Plurale Ökonomik Mannheim“ schaut über den Tellerrand hinaus und bildet sich in Eigenregie weiter.

Das Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. ist eine deutschlandweite Gruppierung von Studierenden, die sich für mehr Pluralität in der Lehre der Wirtschaftswissenschaften einsetzt. Der aktuelle Lehrplan lasse kaum Alternativen zur Denkweise der „neoklassischen Schule“ zu und reale Wirtschaftsprobleme würden in abstrakten Modellen nicht ausreichend berücksichtigt, kritisiert das Netzwerk. Der Bezug zur Praxis fehlt nicht nur in der Lehre. Viel zu häufig sind auch Handlungsempfehlungen von Experten zu abstrakt, um ökonomische Herausforderungen angemessen zu bewältigen. Aus diesem Grund hat das Netzwerk auf seiner Homepage das klare Ziel formuliert, „der Vielfalt ökonomischer Theorien Raum zu geben, die Lösung realer Probleme in den Vordergrund zu stellen sowie Selbstkritik, Reflexion und Offenheit in der VWL zu fördern.“
Ausgehend von Frankreich, wo im Jahr 2000 Studierende der Sorbonne in Paris einen Aufruf gegen eine ‚autistische Wissenschaft‘ starteten, verbreitete sich die Reformationsbewegung international. In Australien, China, England und den USA – überall entstanden Gruppen, die sich für eine Öffnung des neoklassischen Monotheismus einsetzen. 2003 sprangen dann auch deutsche Studierende auf den Zug auf. Mittlerweile haben sich 20 deutsche Studierendeninitiativen im Netzwerk Plurale Ökonomik zusammengeschlossen und engagieren sich für eine größere Vielfalt in der Wissenschaft.

Auch bei Mannheimer VWL-Studierenden kommt Unzufriedenheit auf

Heidelberger Studierende waren von Anfang an Teil der Bewegung. In der 25 Kilometer entfernten neoklassischen Hochburg Mannheim hingegen wurde am Fundament der Lehre lange nicht gerüttelt. Doch nun macht sich durch die Engstirnigkeit der VWL-Lehre auch bei den Mannheimer Studierenden Unzufriedenheit breit. Besonders die Eindimensionalität der Lehre wird in Frage gestellt. Einige von ihnen kritisieren, dass die Vorstellung, es gäbe eine ‚unsichtbare Hand‘, die im Markt notwendigerweise zu einer effizienten Allokation der Ressourcen führt, häufig zu unreflektiert hingenommen wird. Auch die Annahme, dass Wirtschaftsakteure vollkommen rational handeln und somit dem Modell des Homo Oeconomicus Folge leisten, scheint die Realität nicht adäquat abzubilden.
Das uniMAgazin hat drei Gründungsmitglieder der „Pluralen Ökonomik Mannheim“, wie sich die Gruppe motivierter und ambitionierter Studierender nennt, exklusiv zum Interview getroffen. Bisher sind es im Kern etwa sieben Studierende im dritten Bachelorsemester VWL. Aber auch Masterstudierende der Soziologie sind vertreten. Einmal wöchentlich trifft sich die Gruppe und reihum werden andere Wirtschaftsschulen vorgestellt und diskutiert, deren Annahmen von der neoklassischen Schule abweichen. Gelegentlich nehmen auch Dozenten an diesen Diskussionsrunden teil. Doch warum treffen sich VWLer auch noch außerhalb der Vorlesungen, um sich auf ihrem Studiengebiet weiterzubilden? Sollte die Volkswirtschaftslehre junge Nachwuchsökonomen nicht eigentlich ausreichend ausbilden und auf zukünftige Positionen vorbereiten? Offensichtlich fehlt der „Pluralen Ökonomik Mannheim“ etwas. „Unser Gefühl ist, dass wir als VWL-Studierende über das Wirtschaftssystem nicht viel mehr wissen als Studierende, die ein anderes Fach studieren und sich den Wirtschaftsteil der Zeitung durchlesen“, so Jan, 22. Im ersten Semester stehen beispielsweise nur Grundlagen der VWL als volkswirtschaftliches Fach auf dem Stundenplan. Der Rest der Zeit wird mit Recht, Betriebswirtschaftslehre und Mathematik verbracht. Über wirtschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge, über den Kern und die Intention der VWL wird jedoch kaum etwas gelehrt. Durch den vollen Stundeplan ist eine intensivere Beschäftigung mit dem eigenen Fach kaum möglich.

Die kritische Diskussion fehlt

„Man hört zu, frisst und bei der Klausur muss man es einfach können“, bemängelt die 21-jährige VWL-Studentin Johanna. Viele erwarteten, ein besseres Verständnis von der realen Wirtschaft zu erlangen. Stattdessen beschäftigen sie sich nun primär mit dem Auswendiglernen neoklassischer Modelle, von denen einige zweifelhaft sind. Es ist verständlich, dass die Studierenden sich da mehr Austausch mit den Dozenten und mehr Diskussionsmöglichkeiten wünschen. In den ersten drei Semestern wurde kaum ein Essay gelesen und es wird nicht darüber gesprochen, wie es in der Realität tatsächlich aussieht. Anstatt die Übungen nur mit rechnen zu verbringen, sollten außerdem wissenschaftliche Paper gelesen und kritisch diskutiert werden.
Es ist der Scheinpositivismus, der bemängelt wird. Auf Basis von Modellen werden Fakten angeblich völlig wertfrei analysiert. Doch tatsächlich erhält man in der Vorlesung ständig Ergebnisse, über die man insgeheim eine Wertung abgeben könnte. „Da stecken Meinungen, da sind Positionen und Gesellschaftsbilder dahinter, doch über diese Aspekte sprechen wir überhaupt nicht“, bedauert Johanna gegenüber dem uniMAgazin. Peter, 22, betont erneut den Wunsch nach Diskussionsmöglichkeiten. „Wir lernen zwar anhand eines Modells, welche Auswirkungen ein Mindestlohn haben kann, aber ob dieser letztendlich für die Gesellschaft wünschenswert ist, wird unserer Meinung nach nicht ausgiebig genug diskutiert“.
Doch um einen ausgewogenen Austausch und eine kritische Diskussion erreichen zu können, ist es unabdinglich, auch verschiedene Wirtschaftsschulen kennenzulernen und diese gegeneinander abzuwägen. Die „Plurale Ökonomik Mannheim“ sieht die Universität in der Pflicht, ihre Studierenden an unterschiedliche Ansätze heranzuführen, um verschiedene Denkansätze nicht nur zu ermöglichen, sondern auch zu fördern. Zwar kann ein Seminar belegt werden, in dem verschiedene Theorien wie Ordo-Liberalismus, die Österreichische Schule oder auch die Komplexitätstheorie angerissen werden, doch diese Option gibt es erst im 5. Bachelorsemester. Bis dahin muss die Weiterbildung auf diesem Gebiet in der Freizeit stattfinden. Es wäre also wünschenswert, dass sich die Vielfalt der Theorien von Anfang an im Lehrplan wiederfindet.

Mathematik darf nicht zum Selbstzweck werden

Alles bleibt im neoklassischen Rahmenmodell. „Letztlich lernen wir etwas und wissen nicht, wozu wir das lernen. Es ist egal, ob du weißt, wie ein Arbeitsmarkt in der Realität funktioniert, du musst wissen wie der Arbeitsmarkt in dem in der Vorlesung vorgestellten Modell funktioniert. Das ist das Problem”, bedauert Jan. Damit soll die Mathematik jedoch in keiner Weise als notwendiges Handwerkszeug des Volkswirtes angezweifelt werden. Mathe darf allerdings nicht zum Selbstzweck werden. Um dies zu verhindern und um den praktischen Bezug zur Realität nicht zu vernachlässigen, wäre es wohl sinnvoll, manche Aspekte des VWL-Studiums zu „Entmathematisieren“ und stattdessen gesellschaftliche, psychologische und philosophische Aspekte der VWL in den Fokus zu rücken. „Schließlich sind Menschen ja nicht nur Cobb-Douglas-Funktionen“, meint Johanna. Die VWL ist eine Wissenschaft, die sich anderen Disziplinen viel zu lang verschlossen hat, meint die „Plurale Ökonomik Mannheim“ und wünscht sich deswegen, ein wenig über den Tellerrand der klassischen VWL hinauszuschauen.
„Wir verlieren bereits im dritten Semester den Glauben daran, irgendwann einmal mithilfe eines in der Vorlesung vorgestellten Modells irgendeine Aussage über die reale Wirtschaft treffen zu können“, stellt Peter gegenüber dem uniMAgazin fest. Um dies zu verhindern, hat sich die Gruppe zusammengeschlossen und ist auch ständig auf der Suche nach neuen Anregungen und Denkanstößen. Dabei setzten sie auf Autodidakten, Semi-Experten und natürlich auch Professoren als Experten, denn ohne einen Beitrag von Professoren ist eine Veränderung nur schwer zu erreichen.
Die „Plurale Ökonomik Mannheim“ glaubt fest daran, dass sich etwas ändern kann, wenn nur genügend Studierende einen Wandel in der Lehre hartnäckig einfordern. Wenn also auch ihr der Meinung seid, dass die VWL offener werden muss, dann tretet der Facebook-Gruppe „Plurale Ökonomik Mannheim“ bei oder informiert euch auf der Homepage des „Netzwerks Plurale Ökonomik e.V“. Noch ist der Mannheimer Ableger in der Findungsphase, also nutzt eure Chance, eigene Ideen einzubringen und den Weg der Gruppe „Plurale Ökonomik Mannheim“ mitzugestalten. Dabei ist es völlig egal, an welcher Fakultät ihr studiert. „Schließlich ist es das Interesse, das uns vereint, nicht die Fachrichtung“, meint Johanna.

Text: Anika Lehbert und Lucas Radke

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