Kaleidoskop

„Es geht wirklich nicht darum, dass wir uns eine billige Wohnung suchen.“

Ein Gespräch mit dem Bündnis WGDS?, den Hausbesetzern der Hafenstraße 66

Anfang August- mitten im Dornröschenschlaf des Unilebens – wurde im Jungbusch ein Haus besetzt. Genauer gesagt die Hafenstraße 66, ein seit Jahren leer stehendes Gebäude gegenüber von zeitraumexit. Kein Wunder, dass viele Mannheimer Studis recht wenig davon mitbekommen haben: nach einem Tag war der Spuk nämlich auch schon vorüber, die Hausbesetzung aufgelöst. Doch das Ereignis ist nicht spurlos am Viertel vorübergegangen: seit dem 05. August befindet sich das Bündnis der Hausbesetzer „Wem gehört die Stadt?“ (WGDS?) in einem regen Austausch mit Vertretern der Stadt. Und der Plan der Stadtverwaltung aus der Hafenstraße 66  in naher Zukunft ein Bürogebäude der „Gründerszene“ zu schaffen ist seitdem vorerst vom Tisch.

Wir haben uns mit den Pressesprechern des Vereins getroffen und über die Gründe der Besetzung, ihre Visionen für die Hafenstraße 66 und das Modell der Miethäuser Syndikate gesprochen.

Geschult von einer immensen medialen Aufmerksamkeit des SWR, des Mannheimer Morgens, der Rhein Neckar Zeitung und diverser anderer Regionalmedien sitzen die beiden Pressesprecher vor mir. Eva Schmitt und Christoph Lobin sind beide Mitte zwanzig und haben beide einen offensichtlichen Immatrikulationshintergrund. Man trägt blondierte Haare, Tattoos und Second Hand. Wir befinden uns im ersten Stock des Arbeiter Sport Vereins im Jungbusch. Hier trifft sich das Bündnis WGDS? immer am ersten Samstag im Monat zum offenen Stadtteiltreffen. Halb Boxschuppen, halb Arbeiterkneipe vermittelt das Gebäude im Innenhof der Beilstraße 12 eine gewisse kumpelhafte fast proletarische Umbruchsstimmung. „Im ganzen Jungbusch gibt es nur eine Arztpraxis, in den Lofts in der Hafenstraße wohnen aber seit letztem Jahr ganze 13 Ärzte.“ Augenzwinkerndes Sticheln gegen Loftbesitzer, Lifestyle-Kneipen und die SPD gehören offensichtlich an diesem Nachmittag zum guten Ton.

Die Hand voll Aktivisten und Zuhörer wirkt trotz des regnerischen Wetters recht zufrieden: immerhin ist es ihnen im letzten Monat gelungen die Pläne der Stadt zu durchkreuzen, ohne sich in einen Rechtsstreit zu verwickeln. Dass niemand von ihnen momentan in der Hafenstraße 66 wohnen kann: Egal.

Es geht nämlich nicht um die Suche nach einer billigen Wohnung in irgendeinem verlassenen Haus. Das stellt Christoph Lobin bald gut gelaunt klar. Wahrscheinlich sind die anwesenden Aktivisten dazu auch viel zu reflektiert und sich der Probleme des Viertels bewusst. Sie haben sich Projekte für die Allgemeinheit des Jungbusches auf die Fahnen geschrieben. Beim Brainstormen im Rahmen des offenen Stadtteiltreffens fallen unterschiedlichste Vorschläge: Ein Gesundheitszentrum für Menschen ohne Krankenversicherung zum Beispiel. Oder ein temporärer Wohnraum für von Räumungen betroffene Mannheimer. Aber auch ganz praktische Ideen wie eine Arztpraxis, ein Jugendzentrum oder ein  barrierefreies Seniorenwohnheim machen die Runde. Was klar ist: das Bündnis will sich für die Bewohner des Jungbuschs einsetzen. Und dabei vor allem für die Benachteiligten.

Angesichts der massiven Preissteigerung der letzten Jahre und des Aufkaufs eines Großteils des Jungbuschs durch die Immobilienfirma Hildebrandt & Hees, setzt WGDS? mit ihrer Besetzung umso mehr ein wichtiges Zeichen. Sie prangern Mietwucher und planlose Gentrifizierung an. Kein Wunder, dass ihre präferierte Lösung für die Hafenstraße 66 ein Durchbrechen der Preisspirale bedeuten würde. Nämlich ein Miethäuser Syndikat.

Bei dieser Art von Hausprojekten sind die Bewohner quasi Mieter und Eigentümer zugleich. Was zunächst recht kompliziert klingt, ist in hunderten von Hausprojekten in deutschen Städten üblich:  Häuser, die oft schon vorher besetzt waren, oder Grundstücke werden von den Bewohnern aufgekauft und selbstständig verwaltet. „Für mich ist das echt ein faszinierendes Konzept.“, meint Eva. „Wenn man sich weiter dafür interessiert, kann man gut auf syndikat.org über bestehende Projekte lesen oder sich die Doku ´Das ist unser Haus´ ansehen.“ Man entscheidet selbst, wann was renoviert wird und organisiert Veranstaltungen mit den anderen Hausbewohnern, ohne dass sich irgendein Vermieter beschweren könnte. Jeder zahlt einen kleinen Betrag  – in Deutschland schwankt dieser zwischen 4 und 9 Euro Monatsmiete pro Quadratmeter – und man sichert sich einige – aber eben nicht alle Eigentümerrechte. „Beispielsweise wird dafür gesorgt, dass es Vetorechte gibt, falls sich Bewohner ein Hausprojekt irgendwann einmal für sich oder ihre Nachkommen sichern wollen. Das geht einfach nicht. Das besondere dabei ist, dass dieses Haus nie wieder auf den freien Markt kommt.“  Es wird davon gesprochen, den Wohnraum zu „retten“, also von einem schnelllebigen, profitbasierten Immobilienmarkt zu entfernen, in dem immer mehr spekuliert, saniert und dann geräumt wird.

Auf die Idee gekommen ist WGDS? durch den Austausch mit Miethäuser Syndikaten in den ehemaligen Turley Barracks in der Neckarstadt Ost. 13 ha Freiheit, umBAU² Turley und

SWK nennen sich die Mannheimer Hausprojekte, die den Hausbesetzern als Inspiration gedient haben. Mit einigen kleinen aber feinen Unterschieden: zum einen ist der Jungbusch viel direkter von Gentrifizierung und Spekulation betroffen als die ehemals brach liegenden Kasernenviertel, andererseits wurde die Hafenstraße 66 ohne, dass die Stadt etwas davon erfahren hätte besetzt. In den Turley Barracks wurden von zwei der drei Vereine dagegen Grundstücke der Stadt aufgekauft und Häuser nach dem Belieben der Vereinsmitglieder gebaut. „Der Mietshäuser Syndikat Verbund bietet einen Austausch von Geld und Knowledge. Schon bestehende Projekte die ihre Schulden bereits abbezahlt haben, zahlen Beiträge in den Soli-Topf und das kommt dann neuen Hausprojekten zugute.“  Noch dazu kommt die bunte Mischung unterschiedlicher Kulturen im Jungbusch. „Es ist die erste von fünf Hausbesetzungen, die überhaupt in Mannheim Erfolg hatte, soweit Ich weiß.“

Auf die Idee gekommen das Haus in der Hafenstraße 66 zu besetzen, sind sie eher aus Zufall. „Anfangs hat der Verein WGDS? In der Neckarstadt Ost gegen die Politik der BGB protestiert, die dabei war sozialen Wohnraum abzureißen. Dann hat sich das im Laufe der Jahre in den Jungbusch verlegt, da haben wir versucht Leute zu mobilisieren und Anfang dieses Jahres einen Funkenschlag geschafft, als Kathi (Betreiberin des Stehcafe Kardes Anm. d.Red.) gekündigt wurde.“ Christoph erzählt darauf, wie sie durch die offenen Stadtteiltreffen immer mehr mit Betroffenen in Kontakt kamen und sich langsam ein Bild machen konnten, was im Viertel vorgeht. „Letztendlich hat zwei Wochen vor der Besetzung einer von uns, Boris Weihrauch von der SPD bei einem Bürgergespräch festgenagelt.“ Die Kritik:  es werde über Probleme geredet, aber die Stadt macht nichts, obwohl sie die Räume hat. „Weihrauch hat dann ein bisschen rumgemurkst und auf die Frage, was in die Hafenstraße 66 kommen soll, meinte er `Gründerszene´. Und das war für uns der Moment an dem wir uns gedacht haben: Da müssen wir was machen.“  Was die Stadt unter „Gründerszene“ versteht, lässt sich am besten als Bürogebäude für hippe Start-Ups beschreiben. Für die WGDS? wäre eine solche Nutzung aber gleichbedeutend mit einer Preissteigerung für den Jungbusch. Einem Viertel, in dem bezahlbarer Wohnraum sowieso schon knapp ist.

Die Gedanken und Probleme der alteingesessenen Bevölkerung im Jungbusch sind der WGDS? offensichtlich wichtiger als eigener billiger, hipper Wohnraum. Immerhin haben Christoph und Eva die Facebook Einladungen zum offenen Stadtteiltreffen sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch, Spanisch, Englisch und Bulgarisch veröffentlicht. Wer aber jetzt einen regen Ansturm empörter Zuwanderer erwartet, muss enttäuscht werden: die verschleierten Hausfrauen auf dem Sackträgerplatz wünschen sich in erster Linie einen sauberen Spielplatz für ihre Kinder und günstigen Wohnraum für ihre Familien. Als Hausbesetzer oder Teilnehmer einer politischen Diskussion sehen sie sich erst mal nicht.  Lediglich bei der Kontaktaufnahme hapert es. Deswegen organisiert man sich wöchentlich um mit jedem einzelnen Bewohner der von Hildebrandt & Hees aufgekauften Gebäude zu sprechen. „Hausbesuche wie diese hier kosten Zeit“, meint Eva Schmidt, „Zeit, die oft nur Studenten haben.“ Eine weitere Erklärung warum sich oft die von Räumungen betroffenen Bürger nicht in Vereinen wie dem WGDS? engagieren.

Dazu kommt etwas, das Herrmann Rütermann, Leiter der Kulturbrücken Jungbusch in den letzten Jahren beobachtet hat: „Das Interesse an „Projekten“ dieser Art ist in der alteingesessenen Bevölkerung des Jungbuschs nicht besonders groß.“ Zu oft hätten sie miterlebt, dass nach zwei drei Jahren die groß angekündigten Veränderungen im Kampf gegen die Gentrifizierung, oder zum Überbrücken kultureller Unterschiede ausblieben. Er spricht sogar von einer „Verzweckung“ der Aufmerksamkeit der Bevölkerung, um Projekten ihre Legitimität zu verleihen.

Deswegen, ist es auch kaum verwunderlich, dass auf dem Stadtteiltreffen vor allem zugezogene junge Leute zusammenkommen, die sich auf einem hohen Niveau über Mietrecht, Gentrifizierung, Gesundheitspolitik und PR austauschen. Dass sie schwerlich für die gesamte Bevölkerung im Jungbusch sprechen können ist ihnen aber zumindest bewusst.

Christoph Lobin findet, dass der Vorwurf, die WGDS? hätte eine zu große Distanz zu den alteingesessenen Bewohnern des Jungbuschs, ungerechtfertigt ist. „Wir vertreten zum Beispiel Kathi, die Wirtin des Stehcafés Kardes, und wohnen auch selber alle hier. Ich seit 2011. Klar sind viele von uns zugezogen, aber es ist nun mal so, dass die Leute einerseits wegen der Sprachbarriere andererseits wegen der fehlenden Zeit nicht von Tür zu Tür gehen können, wie wir es tun. Denn wenn man einfach nur etwas postet, dann kommen die Leute nicht. Das sehen wir jeden Monat.“

„Letztendlich ist es das Ziel, dass die Betroffenen selbst zu Akteuren werden und für einen Wandel einstehen.“, meint Eva Schmidt. Um das zu erreichen macht das WGDS? Bündnis bereits Vieles um persönlich über Mieter- und Vermieter- Rechte und Pflichten aufzuklären. „Im Endeffekt haben Mietshäuser Syndikate aber den Nachteil, dass die Leute die da drin leben sich tatsächlich darum kümmern wollen, also Verantwortung für ihr Haus übernehmen müssen. Das ist besonders mit sozial schwächer Gestellten schwierig, da brauchst du Leute die den Willen haben sich dafür einzusetzen und sich auch ein bisschen damit auskennen.“ Deswegen seien andere Lösungen auch gar nicht so schlecht, meint Eva Schmitt.

„Klar ist das Miethaus Syndikat unsere favorisierte Lösung, aber wenn die Stadt beschließen sollte, dass im Gebäude kostenloser Wohnraum für Sinti und Roma aus Bulgarien geschaffen werden soll, dann ist das immer noch super. Hauptsache die Hafenstraße 66 wird dem regulären Wohnungsmarkt entzogen. Der große Erfolg der Hausbesetzung ist letztendlich, dass die Diskussion ob ein GründerInnenzentrum, Büros oder Initiativen-Wirtschaft reinkommt, vom Tisch ist.“ Christoph Lobin grinst. „Welcher Wohnraum reinkommt, das ist noch nicht klar. Aber, dass da Wohnraum reinkommt, da führt jetzt kein Weg mehr dran vorbei.“

Autor: Carlos Hanke Barajas

Foto: SWK Mannheim

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