Kultur Musik

Eskapismus des Spießbürgertums

Marteria in Wiesbaden – Ein Erkenntnisbericht

Mal was Verrücktes tun, ein Bier trinken. An einem Dienstag. Oder lauthals grölen: „Endlich wird wieder gekifft“ und sich dabei ironisch eine Zigarette anstecken. An einem gottverdammten Dienstag. Vorsichtig die Faust in die Höhe strecken und die Revolution ausrufen. Und es ist immer noch Dienstag!! Aber der schönste Moment des Abends ist immer noch die Kaffeepause am nächsten Morgen im Büro. Die werden staunen, was ich zu erzählen habe.

Das Publikum des Marten Laciny altert mit seinem Idol – und befindet sich kollektiv in der Midlifecrisis. Ein schweifender Blick durch den Schlachthof in Wiesbaden lässt schnell erkennen, wie sich die „Tupac-Garderobe“ über die Jahre entwickelt hat: Die Baggy-Pants weichen den legeren Chinos, das XL White Tee dem Polohemd. Tatsächlich lassen sich vereinzelt Caps erspähen. Aber hey, der schwindende Haaransatz kaschiert sich schließlich nicht von selbst. Doch wie kam es dazu, dass Marterias Zuhörerschaft zum personifizierten Feindbild im Song Kids wurde? Seien wir mal ehrlich: Der Rapper ist schon lange davon entfernt, Jugendkultur zu prägen. Eine Annäherung daran stellen lediglich seine Features auf Alben von Trettmann, Haftbefehl und vielen weiteren Künstlern dar.

Marteria selbst kämpft ständig gegen die eigene Verspießung an. Eine Insta-Story wenige Tage vor dem Auftritt zeigt ihn mit seinem Lebensabschnittspartner und Starfotographen Paul fucking Ripke beim gegenseitigen Haareschneiden. Das Ergebnis: Ein Hulk Hogan-Bart bei Ripke und ein Iro bei Marten. Einfach mal was Verrücktes tun eben.

Der Künstler hat seine wildesten Tage auch schon hinter sich gebracht und fungiert inzwischen mehr als ein Bindeglied zwischen Hip-Hop-Kultur und Spießbürgertum. Nach einem lebensgefährlichen Nierenversagen krempelte er sein Leben um und fasste den Entschluss, den Alkoholkonsum und Party-Lifestyle dem Familienleben und Angeln zu opfern. Gleichzeitig propagiert er in Songs und bei Shows Kapitalismuskritik und andere Werte der linken Protestkultur. Es lässt sich natürlich darüber streiten, ob so eine Funktion als Bindeglied der gesellschaftlichen Kulturen sinnvoll oder gar notwendig ist, doch nur selten entsteht der Eindruck, dass Kredibilität und Authentizität zurückstecken müssen, um beim „Normalbürger“ nicht anzuecken. Marteria ist eben nicht mehr der Alte und versucht dies auch nicht künstlich zu verstecken. Vielmehr scheint er seine neue Rolle zu akzeptieren und sich als ausgleichender Pol im Leben seiner ebenso älter gewordenen ZuhörerInnen wohlzufühlen.

 

Marten Laciny ist und bleibt jedoch eines der besten Dinge, die Deutschrap über die Jahre hervorgebracht hat. Eine unglaubliche Qualitätsstabilität bei jedem Album, spielerische Texte mit einem scheinbar unausschöpflichen Wortspielrepertoir und Beatproduktionen, von denen sich viele eine Scheibe abschneiden könnten. Und nicht zuletzt Live-Performances, bei denen unabhängig vom Rahmen immer mindestens 150% gegeben wird. All das trifft haargenau so auch auf die zweite Karriere mit Alter Ego Marsimoto zu. Marteria avanciert zu einer Vaterfigur der deutschsprachigen Hip-Hop-Familie und wie mit der Verwandtschaft ist es auch mit dem Publikum. Man kann es sich nicht aussuchen. Letztendlich sind wir alle ein bisschen Marteria-Girl.

 

Text: Benedikt Broda

Bild: www.cityguide-rhein-neckar.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.