Campusleben

Extraordinary Exchange

Der goldene Weg muss nicht immer schurgerade sein. Warum berufliche Umorientierung in Neuseeland üblich ist und wie man mit Kind und Kegel ein Auslandssemester bestreitet, erzählt uns Angelika Freeman.

Nachdem Angelika Freeman ihr Abitur absolvierte, verbrachte sie ein Jahr als Au-Pair in Australien und in Auckland, Neuseeland. Dort arbeitete sie unter anderem bei Annabel Langbein, einer neuseeländischen Fernsehköchin, die in Deutschland vor allem durch ihr Buch „The Free Range Cook“ bekannt wurde. Nach einem international angehauchten Wirtschaftsstudium in Freiburg war Angelika in Auckland für ein mittelständisches Tourismusunternehmen tätig. Sie betreute dort Kreuzfahrten und Gruppenreisen aus dem europäischen und deutschsprachigen Raum, aber auch aus Brasilien und Argentinien. Mittlerweile ist sie verheiratet und hat zwei Kinder im Schulalter. Nach langjähriger Berufserfahrung entschied sich Angelika noch einmal zu studieren und schrieb sich an der „Auckland University of Technology“ für das Fach „International Business“ ein. Seit August letzten Jahres ist sie Austauschstudentin an der Uni Mannheim.
Angelika wählte dieses Studienfach, weil aus ihrer Sicht „International Business“ in einem Land wie Neuseeland immer relevanter werde. Mit seinen vier Millionen Einwohnern und mitten im Südpazifik gelegen, müsse es sich nach außen richten. Der Studiengang verbessere ihre Chancen für den Berufseinstieg. An ihrem Studiengang gefallen ihr vor allem die „verschiedenen Komponenten in internationalen Geschäften und die einzelnen Länder auf wirtschaftliche Merkmale hin kategorisieren zu können. Kultur ist beispielsweise ein wichtiger Faktor bei Verhandlungsgesprächen, aber nicht ausschließlich. Ein Ziel einer solchen Verhandlung ist ein nachhaltiges Ergebnis für beide Parteien zu verhandeln und strategische Entscheidungen effizient und effektiv miteinander gestalten zu können. „Das habe ich auch durch die Maori Kultur und im Tourismus lernen dürfen und kann meine praktische Erfahrung jetzt im Studiengang vertiefen“, erklärt sie mir.

„Das Austauschsemester ist für alle eine Umstellung“

Angelikas Familie ist für das halbe Jahr mit ihr nach Deutschland gezogen. Das Austauschsemester ist also für alle eine Umstellung: Neue Uni, neue Schule, neuer Kindergarten – eine andere Kultur und Sprache. Ihre beiden Kinder sind mit dem „one language approach“, das heißt jeder Elternteil spricht in einer anderen Sprache mit dem Nachwuchs, aufgewachsen und daher an einen aktiven deutschen Sprachgebrauch gewöhnt. In ihrer Freizeit engagiert sie sich ehrenamtlich für den Aufbau einer bilingualen Schule in Auckland. Ihr Mann, der bereits vor Längerem ein Jahr in Deutschland gelebt hat, machte noch einmal einen Deutschkurs, um seine Sprachkenntnisse aufzufrischen. Studium und Familie zu vereinbaren sei eine Umstellung, aber mit der Unterstützung von Freunden und Familie machbar, erzählt sie mir. Für sie gab es verschiedene Beweggründe erneut ein Studium zu beginnen: „Ich hatte schon während meiner Arbeit immer wieder Kurse in Neuseeland belegt und im letzten Jahr habe ich das Studium dann intensiver aufgenommen.“
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es in Neuseeland eher als in Deutschland üblich ist, sich im Leben umzuorientieren oder nochmals zu studieren. Neuseeland wurde erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Europäern besiedelt und ist damit, was festgeschriebene Gesetze und Richtlinien betrifft, ein noch sehr junges Land. Folglich gibt es dort – verglichen mit deutschen Verhältnissen –einen sehr hohen Grad an Individualismus und mehr Anerkennung für einen Neustart.
Zwischen neuseeländischen und deutschen Universitäten sieht Angelika deutliche Unterschiede: In Neuseeland gebe es mehr Austauschstudenten, ca. 40-50%. Das habe unter anderem ökonomische Gründe, da die Studiengebühren für ausländische Studenten höher seien als für inländische. Ein Kurs setzt sich zwar ähnlich wie hier aus Vorlesung und Workshops zusammen, die Prüfungsnote aber besteht neben der dreistündigen Klausur auch aus einem Essay oder Report und einer Präsentation mit Gruppenarbeitskomponente. Dadurch ist der Druck in der Klausur nicht so groß wie hier.
Anfang Januar geht es für Angelika wieder zurück nach Hause. Ihre Bachelorarbeit möchte sie im Rahmen eines Praktikums in einem neuseeländischen, international orientierten Industriebetrieb schreiben. Anschließend möchte sie sich wieder ins Berufsleben stürzen.

Text: Julia Keith

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