Kultur Musik

Fela Kutis Enkel machen Jazz wieder frisch

Eine Konzertreview zu „KOKOROKO“ in der Alten Feuerwache

Eine kubistisch gemalte, nächtliche Gasse. Hinter einer Häuserzeile ein paar Hochhäuser, auf dem Bürgersteig ein kleiner Fuchs. Blau, rot und orange. In der Mitte eine Leuchtreklame mit dem EP-Namen „We out here“. Bis auf ab und zu in unterschiedlichen Farbtönen flackernde Straßenlaternen tut sich nicht viel. Und das ist auch gut so. Der Grund, dass das Musikvideo zu „Abusey Junction“ mittlerweile 33 Millionen Menschen gesehen haben, ist die Musik. Für eine junge Band in einem alternden Genre wie Jazz ist das eine ganze Menge. Und es gibt noch einen Grund: „Abusey Junction“ ist das friedlichste Lied, das der Youtube-Algorithmus die letzten Jahre hervorgekramt und in die Feeds von Millionen Usern gespült hat. Selbst derjenigen, die nie etwas mit Jazz am Hut hatten. Eine westafrikanisch anmutende Gitarre, Trompete, Posaune und Saxophon und ein Gesang, der einen an alles Schöne im Leben denken lässt. Das ist KOKOROKO aus London. 

Der Name der EP „We Out Here“ ist dabei wörtlich zu nehmen: Dutzende junge Jazzmusiker der Stadt vereinten sich auf der Platte, um zu zeigen, dass man mit Jazz durchaus noch experimentieren kann. Ohne dabei zu sehr ins Technische gehen zu müssen. Vielmehr berufen sich die sieben Musikerinnen und Musiker auf die afrokaribischen Wurzeln des Jazz. Und das sieht man ihnen auch an: Neben dem klassischen Schlagzeug werden gleichzeitig Congas gespielt. Abwechselnd zu Trompeten und Posaunen singen und summen die drei Frauen aus der Bläsersektion und ihr Saxophonist in westafrikanischen Sprachen harmonisch zu Gitarre, Schlagzeug und Bass. 

Wenn es um die Soli geht, wird deutlich, wie perfekt alle Bandmitglieder ihr jeweiliges Instrument beherrschen: Begleitet von individuellen Lichtkegeln startet die Band in den Abend, tobt sich aus. Nur der Bassist bekommt kein eigenes Solo. Aber man kann ja auch nicht an allem etwas auszusetzen haben. Stattdessen ruft der als Gast der Band auftretende Saxophonist das etwas hölzerne deutsche Publikum zum Tanzen auf. „Sidestep ist auch okay“, ruft er grinsend auf Deutsch. 

Es scheinen sich auch einige ertappt zu fühlen, denn von Sidestep ist im Laufe des Abends immer weniger zu sehen. Einige Zuschauerinnen und sogar der ein oder andere Zuschauer gehen zum Beispiel langsam zur Musik in die Hocke, machen sich ein bisschen mit dem Boden vertraut und schnellen dann wieder hoch. Ganz nach dem Vorbild der Sängerinnen auf der Bühne. Wer nicht viel Stimmung auf Konzerten erwartet, deren Veranstaltungstext betont, dass der Saal nicht bestuhlt sein wird, freut sich drüber. 

Dass so viel in der Alten Feuerwache getanzt wurde, ist klar. Und wie energetisch und schnell sie dabei werden, hätte man beim Hören ihrer bekanntesten Songs kaum gedacht. „Do you want a fast or a slow song?“, fragt die wortführende Trompetenspielerin zum Abschluss. Mannheim will den schnellen Song. Und verpasst es somit als Zugabe von der viel beschriebenen „Abusey Junction“ zu hören. Vielleicht wäre das auch zu viel des Guten gewesen. Der Schlagzeuger zumindest grinst in diesem Moment breit, kommt hinter einem Vorhang hervor und setzt sich überglücklich auf seinen Hocker. 

Text: Carlos Hanke Barajas
Foto: Brownswood Recordings

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