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Findet uns das Glück?

Die Ahnung, dass dieses Stück irgendwie anders ist als ein „klassisches“ Theaterstück, kommt bereits vor Beginn der Vorstellung im Foyer auf, als sich einige der kostümierten Darsteller unter die Besucher des Nationaltheater Mannheims mischen, und Unterhaltungen beginnen. Spätestens beim Betreten des Zuschauerraums, nach persönlicher Begrüßung durch den Rest des achtköpfigen Ensembles, verfestigt sich diese Idee.

Im Zuschauerraum befinden sich vier Plattformen zwischen den Zuschauerrängen und eine zu allen Seiten offene Bühne in der Mitte, auf der vorerst kein Bühnenbild vorhanden ist. Das ist auch nicht nötig, denn das Stück „Findet uns das Glück?“ des Regisseurs Stefan Otteni, lebt vor allem von der Nähe zwischen Publikum und Ensemble, sowie dessen intensiver Performance. Bei dieser stellt er verschiedene ideelle Aspekte des Lebens und der menschlichen Gefühlswelt dar: So verteilt zum Einstieg das Pech sprichwörtlich die Päckchen, die man so im Leben zu tragen hat, an die Zuschauer. Der Kapitalismus hält den Anwesenden den Spiegel vor, und auch die Lüge konfrontiert das Publikum mit den eigenen, kleinen alltäglichen Verlogenheiten. Ebenso kommt die Täuschung zu Wort, aber auch die Scham, welche Momente, in denen dieses Gefühl verspürt wurde, von den Anwesenden schriftlich einsammelt, um diese dann kollektiv zu überwinden.

Die Kostüme der Darsteller sind nicht klar definierbar, sondern bieten viel Interpretationsspielraum und bringen ein Gefühl dessen zum Ausdruck, was sie verkörpern. So trägt beispielsweise die Scham einen grünen Einteiler aus Fell, der Todeinen dunklen Mantel und die Demokratie kommt etwas lädiert in eher „zerfetzt“ wirkender Kleidung daher. Es gibt keine klar benennbare, stringente Handlung die einem passiven Zuschauer dargeboten wird, im Gegenteil, dieser wird vielmehr ebenfalls zum Akteur: Das Stück wirft Fragen auf und bezieht durch direkte Ansprachen und Abstimmungen den Zuschauer mit ein und zwingt ihn so dazu, nach Antworten zu suchen und Stellung zu beziehen. Das Ensemble interagiert mit dem Publikum und regt zum Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Wertvorstellungen an: Woher kommen gewisse Tabus, warum sind sie so fest in unseren Köpfen verankert und als solche bewertet? Warum ist der Tod etwas, das mittels moderner Wissenschaften immer weiter hinausgezögert werden sollte – gewinnt nicht erst das Leben seinen Wert durch die Endlichkeit? Wird die Welt immer schlimmer, oder glauben wir das nur?

Nach der Pause findet durch die letzte Frage ein Schwenk von der individuellen Ebene weg zur Kollektiven hin. Nach der eindrücklichen Konfrontation mit Fakten zur gegenwärtigen Lage der Welt durch das Ensemble, laut der es der Menschheit besser geht als je zuvor, müsste der Status Quo ein anderer sein – warum also sind wir als Gesellschaft so gespalten? Woher kommen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus? Und am wichtigsten von allen: wie kann wieder Zusammenhalt entstehen?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, ruft die Demokratie zum Austausch untereinander auf. Überraschenderweise bilden sich tatsächlich Paare und Gruppen von zuvor einander unbekannten Personen, die anhand von der Demokratie gestellten Fragen ins Gespräch kommen.

Das Pech, das sich mittlerweile zum Glück weiterentwickelt hat, lässt dann auch einzelne Besucher zu Wort kommen und es entspinnt sich ein Plädoyer für Streit, für Pluralismus, für Akzeptanz als Brücke um die Spaltung zu überwinden.

„Findet uns das Glück?“ geht genau dieser Frage auf ungewöhnliche Art und Weise nach und regt zum Nachdenken über das eigene Leben, eigene Gewohnheiten und eigener Wertvorstellungen an, aber auch zum Leben innerhalb einer Gemeinschaft, und wie dieses gut gestaltet werden kann. Unter Einbeziehung aller Anwesenden wirft es mehr Fragen auf als es beantwortet, inspiriert und gibt den Besuchern des Stückes viel zum Nachdenken – und vielleicht auch zur Umsetzung im Leben außerhalb des Theaters – mit.

 

Text:Rafaela Gehr

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