Campusleben

Flügel verleihen – Vorurteile beseitigen

Mannheim ist seit mehreren Monaten das Zuhause von Richard Muhizi. Der 26-Jährige aus Ruanda ist einer von sechs Freiwilligen in Deutschland denen der Verein „Zugvögel, interkultureller Süd-Nord Austausch e.V.“ Flügel verleiht und damit zu mehr Verständigung beitragen will.

Im Winter gen Süden – viele Zugvögel tauschen in unseren Breitengraden den Winter gegen den Sommer aus. Eine Gemeinsamkeit, die sie mit vielen jungen Deutschen teilen: Seit 2008 sind mehr als 20.000 Deutsche mit „weltwärts“, dem Freiwilligenprogramm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), in Länder wie Nicaragua und Nepal gereist, um sich in Bereichen wie Bildung oder Gesundheit zu engagieren. Umgekehrt ist das nur selten der Fall, aber Richard Muhizi hat seine Chance ergriffen. Er lebt seit Ende August in Mannheim und arbeitet in der Diakonie Werkstatt Neckarau. Muhizi hat in Uganda BWL studiert; statt Unternehmen zu beraten, betreut er jedoch seit sieben Monaten unentgeltlich täglich 12-17 Menschen mit Behinderung. Die Werkstatt arbeitet eng mit mehr als 70 Unternehmen in der Umgebung zusammen. Muhizis Projektgruppe faltet Verpackungen für ein Gesundheits-Unternehmen. „Ich betreue die Gruppenmitglieder, helfe bei Schwierigkeiten und kontrolliere ob alle benötigten Materialien vorhanden sind. Wenn ein Betreuer krank ist, helfe ich aber auch mal in einer anderen Gruppe aus“, so Muhizi. Dafür bekommt er vom BMZ im Rahmen des Bundes-Freiwilligen-Dienst 350€ im Monat und seine Gastfamilie einen Unkostenbeitrag.

2011 beginnt die Vereinsgeschichte der Zugvöögel. Einige weltwärts-Freiwillige in Ecuador gründeten noch vor Ort einen Verein, um jungen Ecuadorianer/-innen die Chance auf einen Freiwilligendienst in Deutschland zu geben. In anderen Ländern gibt es ähnliche Ideen; der Zusammenschluss zum heutigen Zugvögel Verein mit aktuell 300 Mitgliedern die sich in 22 Regionalgruppen engagieren, folgt schnell.

Nach seinem Jahr in Namibia wollte sich Tobias Stäbler, weltwärts-Heimkehrer und Teil der Regionalgruppe Mannheim/Heidelberg, weiter engagieren und die Idee der Zugvögel überzeugte ihn gleich: „Interkultureller Freiwilligenaustausch ist momentan eine Einbahnstraße, das wollen wir ändern“. Gemeinsam organisieren sie Spendenaktionen oder Informationsveranstaltungen zu entwicklungspolitischen Themen. Zusammen mit einem weiteren Mitglied ist Stäbler Muhizis Begleiter während dessen Zeit in Mannheim. Die beiden organisierten im Vorfeld zusammen mit der Regionalgruppe eine passende Projektstelle und eine Gastfamilie, vor Ort helfen sie vor allem mit Hürden wie der Einrichtung eines eigenen Kontos und notwendigen Versicherungen. Der Verein finanziert sich durch seine Mitgliedsbeiträge und Spenden – letztere werden ausschließlich für das Freiwilligenprogramm verwendet.

„Ja, wir haben sogar Internet und ich skype regelmäßig mit meinen Eltern“

Nach seinem Abschluss an der Universität in Uganda wollte Muhizi neue Erfahrungen sammeln, seine Familie war zuerst skeptisch, denn Vorurteile gegenüber Deutschland gibt es auch in Ruanda: „Viele Leute glauben, dass alle Deutschen in Saus und Braus leben und keinerlei Sorgen haben. Das ist naürlich Quatsch. Aber genauso falsch ist die Vorstellung von vielen Europäern, dass alle Afrikaner arm sind“ erzählt Muhizi. „Ja, wir haben sogar Internet und ich skype regelmäßig mit meinen Eltern“ fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Genauso wichtig wie das Freiwilligenprogramm ist es für die Zugvögel Machtungleichgewichte zu thematisieren, die während der Kolonialzeit entstanden sind und bis heute bestehen: „Sich global frei zu bewegen ist für viele Deutsche mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Für den Großteil der Erdbevölkerung ist das aber nicht so einfach“, sagt Stäbler. Der Verein spricht nicht von „Entwicklungs-“ oder „Schwellenländern“ sondern immer vom „Globalen Süden“. Diese Einteilung ist nicht geographisch zu verstehen sondern stellt eine soziopolitische Einordnung dar. Damit wollen die Zugvögel klar machen, dass die ungleiche Verteilung von Machtverhältnissen im täglichen Diskurs aufrechterhalten wird, erklärt Stäbler: Der globale Norden, „die „fortschrittliche“ westliche Welt, definiert, welches Land entwickelt und welches unterentwickelt ist und demonstriert so seine Überlegenheit. Unsere Freiwilligen engagieren sich da, wo sie wirklich gebraucht werden. Das sehen wir als ersten Schritt in Richtung Gleichberechtigung.“ Die Partnerorganisationen im jeweiligen Land wählen die Kandidaten selbstständig aus, so soll ein „westlicher“ Blick vermieden werden.

Muhizi fliegt im August zurück nach Ruanda und möchte zusätzlich soziale Arbeit studieren. Diese Idee kam ihm während seines Engagements in Mannheim. Seine Zeit in Deutschland wird ihm fehlen, da ist er sich sicher: „Ich werde meine Arbeit und die neuen Leute sehr vermissen. Außerdem kann man in Ruanda nicht so einfach und komfortabel reisen aber ich freue mich natürlich auf meine Familie und Freunde. Außerdem freue ich mich, allen von meinen Erfahrungen in Deutschland zu erzählen damit Vorurteile hoffentlich bald kein Thema mehr sind – weder in Deutschland noch in Ruanda.“

Text: Samira Franzén, Illustration: Paul Ramisch

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