Kultur Theater

Fremdkörper in den Wirrungen der deutschen Nachkriegszeit

In seiner ersten deutschen Inszenierung adaptiert der russische Regisseur Maxim Didenko den deutschen Klassiker „Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll als berauschende und teils auch überraschende Bilderflut.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf ein gräuliches Wohnzimmer, das leicht diagonal bis in die ersten Zuschauerreihen hineinragt. Es ist die aus den Fugen geratene, farblose Welt Hans Schniers, nachdem seine Marie ihn verlassen hat. Gleich zu Anfang schreitet er die Kante zum Zuschauerraum ab, immer kurz davor, in den Abgrund zu stürzen, fängt er sich stets im letzten Moment. Rückblende: Hans Beziehung zu Marie, auf ihr gemeinsames Bett wird eine farbige Projektion geworfen, ein Hauch von Intimität im sonst grauen Nachkriegsdeutschland. Es sind diese kraftvollen Bilder, die diesen Abend zu einem besonderen Theaterereignis werden lassen.

Gespielt wird Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ (1963). Nachdem Hans Schnier, Clown von Beruf, von Marie verlassen wurde, lassen seine Leistungen als Clown nach, sodass er seine Tournee schließlich abbricht und in seine Wohnung nach Bonn zurückkehrt. Die gegenwärtigen Ereignisse in Bonn werden mit Rückblenden auf Hans Kindheit und seine Zeit mit Marie durchzogen. Hans ist ein Freigeist, der sich nicht in das enge System von Gesellschaft und Kirche einfügen kann und will. Neben Schniers persönlicher Geschichte mit Marie thematisiert das Theaterstück sowohl den opportunen Umgang der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, als auch den starken Einfluss der Kirche(n) auf das Leben der Protagonisten.

Mit den „Ansichten eines Clowns“ präsentiert der russische Regisseur Maxim Didenko das erste Mal eine Regiearbeit in Deutschland. Das scheint zunächst ungewöhnlicher, als es ist, denn obwohl es sich dabei eigentlich um sehr deutsche Themen handelt, ist der Stoff momentan im russischen Raum aufgrund der „Kirche-Staat“-Thematik sehr populär.

Copyright: Christian Kleiner

Didenko schafft es, den Roman in eine unglaublich gelungene Bildsprache zu übersetzen, die man so nicht häufig zu sehen bekommt. Gerade im ersten Teil des Abends beweist der Regisseur ein sehr gutes Gefühl für das richtige Timing, ein eindrucksvolles Bild jagt das nächste. Aber die Szenen sind auch untereinander gut ausbalanciert: Immer wieder wechseln sich bedrückende Szenen mit leichteren ab, in die Didenko immer etwas Clowneskes, ja etwas Komisches und doch Tragisches, einstreut. Hier spielen auch Ausstattung und Technik eine wichtige Rolle. Auf den gesamten Bühnenraum werden immer wieder Videos und Bilder projiziert; manchmal filmen sich die Darsteller auch gegenseitig. Das sorgt zusammen mit der Musik für eine starke Verdichtung der Stimmung. Als Marie aus Hans Leben tritt, weicht die Farbe aus vielen Szenen aus der Projektion. Bilder von grauen Räumen werden auf den farblosen Bühnenraum projiziert. Alle Schauspieler sind oft einheitlich uniformiert, bewegen sich teils mechanisch und in festen Bahnen. Schnell wird klar: Hans ist zum Fremdkörper geworden, in einer Welt, in die er nicht passt.

Im mittleren Teil der Inszenierung geht einiges von diesem Timing verloren. Szenen, in denen Hans im Jetzt Telefonate mit seinen Bekannten in Bonn führt, um Marie zu finden und an Geld zu kommen, wechseln sich mit Rückblenden aus Hans Vergangenheit ab. Die Ideen nutzen sich recht schnell ab und der Teil gerät etwas zu lang, vor allem da sich den Zuschauern, die den Roman nicht kennen, einige Passagen nicht erschließen dürften. Die Szenen aus der NS-Zeit drohen außerdem hin und wieder ins Plakative abzurutschen, wenn etwa zu wummerndem Bass noch Bilder von Gasmasken auf die Bühne projiziert werden. Dabei geht einiges an Vielschichtigkeit des Romans verloren.

Über den letzten Teil der Inszenierung scheiden sich die Geister der Rezensenten. Auf jeden Fall schafft es der Regisseur, die Zuschauer wieder einzufangen. In einer ekstatischen, ja fast schon apokalyptischen Szene spielt das Ensemble hysterisch kreischend auf dem Bühnenspielplatz Ball und zerlegt das Bühnenbild; der Papst ist Schiedsrichter. Während alledem sitzt Hans unbeteiligt auf der Rampe zum Zuschauerraum. Erneut ist er nur der Fremdkörper. Das Stück kehrt nochmal zum Ruhepunkt zurück, als Hans sich schließlich entschließt aus dem bürgerlichen System auszubrechen und Straßenmusik zu machen. Eine Hans-Schnier-Puppe wird in einen Sarg gelegt, Passanten werfen Münzen hinein, wieder so ein schönes Bild. Hans selbst ist über die Kante in den Abgrund des Zuschauerraums gesprungen und spielt dort Gitarre. Später klettert er wieder auf die Bühne zurück und schlägt ein Loch in die Zimmerwand, durch das er dem grauen, strengen Bühnenraum entfliehen kann.

Christoph Bornmüller spielt die Hauptrolle und legt Hans Schnier im Gegensatz zum Roman etwas weniger zynisch an. Sein Hans ist weicher, träumt vor sich hin, wirkt oft etwas losgelöst von der Außenwelt. Dabei legt Bornmüller auch einiges an akrobatischem Talent an den Tag. Insgesamt zeigt sich das Ensemble in guter Form und spielt die zweistündige Vorstellung, die ohne Pause gegeben wird, mit viel Energie durch.

Was bleibt nun von diesem Theaterabend? Didenko gelingt zwar eine äußerst beeindruckende, modern inszenierte Bühnenversion des Romans, kommt darüber jedoch nicht wirklich hinaus. Die Ideen werden nicht weitergedacht und die Frage nach der Aktualität des Stoffes wird nur in Teilen beantwortet/aufgegriffen. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die Inszenierung bis zum Ende offen lässt, welchen der drei Gesichtspunkte des Romans sie in den Fokus rücken will. Nichtsdestotrotz muss man vor dem Bilderzauber dieser Inszenierung den Hut ziehen. Sehr selten bekommt man einen so feinsinnigen und ausgewogenen Abend zu sehen, und in so überzeugender handwerklicher und künstlerischer Manier. Es bleibt zu hoffen, dass man in Zukunft noch mehr von Maxim Didenko auf deutschen Bühnen sehen darf.

Text: Bjarne Horst & David Boukroum

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