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„Girls don’t play guitar“ – Wie die Liverbirds den Gegenbeweis lieferten

Bis heute sind Künstlerinnen in der Musikbranche recht unterrepräsentiert. Das verrät schon ein Blick auf die Lineups der eigenen Lieblingsfestivals oder auch aktuell auf die nominierten Künstler*innen für die 1-Live-Krone, die als „Deutschlands größter Radio-Award“ gilt. In den letzten Jahren hat sich in dieser Hinsicht allerdings bereits einiges getan. Das Thema ist längst nicht mehr unbekannt, Förderprogramme wurden ins Leben gerufen und Festivals versuchen mehr Künstlerinnen unterzubringen – wie zum Beispiel das „TRNSMT“ im Jahr 2019, welches auf eine Extra-Bühne setzte um gezielt Newcomerinnen eine Plattform zu bieten. Was heute langsam immer selbstverständlicher wird, war früher eine kleine Sensation. Dass auch Künstlerinnen etwas auf dem Kasten haben, galt als „zu beweisen“ – ein Vorhaben, welches sich die Liverbirds, als eine der ersten All-Girl-Bands überhaupt, nicht nehmen ließen – auch nicht von John Lennon.

Liverpool im Jahr 1962. Mary und Sheila McGlory stehen in der langen Schlange vor dem Cavern, Liverpools beliebtestem Club der Stunde. Reingelassen werden sie nicht – Eintritt ist erst ab 18 und die beiden sind noch nicht volljährig. Bis dahin zu warten kommt für sie jedoch auch nicht in Frage, immerhin würde das in Marys Fall noch ganze zwei Jahre bedeuten. Stattdessen decken sie sich mit Instrumenten ein und erzählen den Türstehern, mit Gitarren unter dem Arm, dass sie zur Band gehören – ihr Plan geht auf. Es hat sich gelohnt. Auf der Bühne des Cavern Clubs stehen an diesem Abend niemand anderes als die Beatles. Noch gelten diese als Geheimtipp, aber schon Ende des Jahres können sie mit „Love me do“ ihren ersten Nummer-eins-Hit feiern.

Die zwei Mädchen sind begeistert und Mary verkündet euphorisch: „We’re gonna be just like them and we’re gonna be the first girls to do this!“ Denn die Merseybeat-Szene, der unter anderem die Beatles angehören, ist stark männerdominiert. Eine Band mit komplett weiblicher Besetzung gibt es bisher nicht.

Doch das Ganze ist einfacher gesagt als getan. Zwar besitzen Mary und Sheila inzwischen Instrumente – wie diese zu spielen sind wissen sie hingegen nicht. Die Neuigkeiten über ihr Vorhaben verbreiten sich jedoch schnell und es dauert nicht lange, da stehen zwei weitere Mädchen vor der Tür: Valerie Gell und Sylvia Saunders. Die beiden sind bereits etwas erfahrener, sie unterstützen die anderen beiden beim Lernen ihrer Instrumente. Kurz darauf tritt Irene Green als weiteres Mitglied und erste Frontfrau der Gruppe bei, die zu diesem Zeitpunkt aus Sheila, Valerie und Sylvia besteht und sich „The Debutones“ nennt. Bevor jedoch die endgültige Formation steht, verlassen Sheila und Irene die Band wieder, stattdessen wird Mary zu einem offiziellen Mitglied und zu guter Letzt tritt Pamela Birch auf den Plan. Dann ist es so weit.

Pamela als Frontfrau spielt Gitarre und singt, Valerie tut es ihr gleich, Mary widmet sich der Bassgitarre und Sylvia übernimmt das Schlagzeug. Die vier üben. Viel. Und es dauert tatsächlich gar nicht lange und sie stehen selbst auf der Bühne des Cavern Clubs. Sie schaffen es die Menge zu überzeugen. Auch Cavern-Manager Bob Wooler findet Gefallen an der Musik der vierköpfigen Band und so bleibt es nicht nur bei einem Auftritt. Die Mädchen machen sich einen Namen. Bald kennt man die „Liverbirds“ – auf diesen Namen taufen die vier ihre Band, angelehnt an eine fiktive Figur, dem Symbol der Stadt Liverpool.

Überall wird über sie gesprochen – und das obwohl John Lennon höchstpersönlich wenig motivierende Worte für die Gruppe übrig hatte. Als die vier ihm zu Beginn ihrer Karriere nämlich von ihrem Vorhaben erzählen, winkt dieser nur mit den Worten „girls don’t play guitar“ ab, was die Mädchen jedoch nicht verunsichert sondern bei ihnen viel mehr zu einer „Jetzt-erst-Recht“- Einstellung führt.

Der wachsende Erfolg der Liverbirds gibt ihnen schließlich Recht. Die vier gewinnen sogar Brian Epstein, Manager der Beatles, für sich. Jedoch beenden sie die Kooperation bald, da Epstein ihren Plan in Hamburg im Starclub aufzutreten nicht gut heißt, da er fürchtet, die vier würden danach nicht wieder zurück nach Großbritannien wollen. Also suchen sich die Liverbirds kurzer Hand einen neuen Manager, denn auf der Bühne des Starclubs, dem musikalischen Mekka der Musikszene der 60-er Jahre, zu spielen ist ein Traum, den sie sich erfüllen wollen und schließlich auch werden.

So falsch lag Epstein dann aber nicht. Den Liverbirds gefällt es in Hamburg. Sie bleiben.
Bald bauen sie sich eine Fangemeinde außerhalb von Großbritannien auf. Sie touren mit den Kinks, den Rolling Stones, Chuck Berry und Jimi Hendrix, spielen Konzerte vor bis zu 20.000 Fans und das in ganz Europa. Die Schweiz, Norwegen, Dänemark, Österreich, die Niederlande, Schweden, Deutschland – die Liverbirds haben einen Auftritt nach dem anderen und mit jedem weiteren werden sie nur noch besser. Sie machen Schlagzeilen – Artikel mit Titeln wie „The other Fab Four“ oder „Vier Mädchen machen den Stones Konkurrenz“ werden veröffentlicht. Nicht selten werden die Liverbirds auch als „die weiblichen Beatles“ bezeichnet. Sie produzieren zwei Alben und fünf Singles. Besonders erfolgreich sind Songs wie „Peanut Butter“ oder „Why do you hang around me“. Ihr Cover des Songs „Diddley Daddley“ im Original von Bo Diddley, gelangt sogar bis auf Platz 5 der deutschen Single-Charts.

Doch dann kommt alles anders als geplant. Ungefähr fünf Jahre nach der Geburt der Liverbirds wird Sylvia schwanger und Valeries Freund erleidet einen schweren Autounfall. Etwa zeitgleich erhalten die vier das Angebot einer Japan Tour. Sylvia und Valerie sagen ab. Sie werden gerade an anderer Stelle gebraucht. Schweren Herzens brechen Mary und Pamela dennoch auf – an Gitarre und Schlagzeug werden sie durch Gastmusikerinnen unterstützt. Die Tour ist ein großer Erfolg – dennoch – es fühlt sich anders an, nicht so wie früher. Die Aussichten, dass Sylvia und Valerie in den Bandalltag zurückkehren können stehen schlecht, also beschließen die verbliebenen Liverbirds mit der Musik aufzuhören. Zu diesem Zeitpunkt sind sie gerade einmal 22 und 23 Jahre alt.

Und so wird es still um die Gruppe.
Während die Beatles noch heute weit bekannt sind, sind die Liverbirds inzwischen ziemlich in Vergessenheit geraten. Schade, wenn man bedenkt, dass sie gewissermaßen den Grundstein aller zukünftigen weiblichen Rock’n’Roll-Bands gelegt, sich selbst von Musikgrößen wie John Lennon oder Brian Epstein nicht verunsichert lassen und einfach ihr eigenes Ding durchgezogen haben. Aber die Mitglieder der Liverbirds haben sich nicht aus den Augen verloren. Bis zum Schluss. Inzwischen leben leider nur noch Schlagzeugerin (Sylvia Saunders) und Bassistin (Mary McGlory) – eine weitere, jedoch traurige, Vergleichsmöglichkeit der Liverbirds mit den Beatles, bei denen mit Ringo Starr am Schlagzeug und Paul McCartney am Bass, die gleichen ehemaligen Besetzungen zurück geblieben sind.

Mary wohnt noch immer in Hamburg. Sie hat dort gemeinsam mit ihrem Ehemann die „JA/NEIN Musikverlag GmbH“ gegründet. Sylvia hat es nach Spanien gezogen. Ein kleines Andenken an die Band gibt es seit 2019 allerdings doch – in Form eines Musicals („girls don’t play guitars“), in der Stadt, in der 1962 alles begonnen hat: Liverpool. Obwohl man die Liverbirds heute kaum mehr kennt, schauen die verbliebenen Mitglieder zufrieden auf ihre gemeinsame Zeit zurück. In einem Interview mit der New York Times kommt Sylvia zu einem schönen Resumé ihrer Bandgeschichte: „ We were the Liverbirds. We never ever got as famous as the Beatles, but we started as friends and we ended as friends.“

Text: Antonia Freienstein

Foto: veröffentlicht von ace records https://acerecords.co.uk/the-liverbirds

Quellen:

https://www.youtube.com/watch?v=k1QqLCpXMIw https://missy-magazine.de/blog/2010/10/02/51-jahre-spater-die-liverbirds-sind-zuruck/ https://www.spiegel.de/kultur/musik/valery-gell-ein-nachruf-von-bernadette-hengst-auf-die- liverbirds-musikerin-a-1126951.html https://www.chartsurfer.de/artist/the-liverbirds/biography-grr.html https://www1.wdr.de/radio/1live-krone/index.html https://trnsmtfest.com/news-post/queen-tuts-line-up-announcement

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