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Warum Giulia Beckers nächstes Buch unter dem Pseudonym „Heinz Strunk“ erscheint.

Autorin in der (leider immer noch) Männerdomäne Late-Night-Unterhaltung und nun auch in der Welt der Literatur – das kann schon leicht beängstigend sein; und so beginnt Giulia Becker die Lesung zu ihrem Debütroman „Das Leben ist eins der Härtesten“ in der Alten Feuerwache mit ihren Gedanken kurz vor dem Pitch ihrer Buchidee. Diese Gedanken kreisen vor allem um die Notbremse im Zug auf dem Weg zum Verlag und die Frage, ob es nicht das Beste wäre, diese einfach zu betätigen und zu verschwinden. Darüber, dass sie diese Gedanken erfolgreich zurückdrängen konnte, sollten wir mehr als dankbar sein, denn das Ergebnis ist eine Geschichte, die spielerisch humorvoll die Gattung „Mitte-40iger-Deutsche“ in all ihren – teils zweifelhaften, teils liebenswerten – Facetten dekonstruiert.

Angefangen bei Renate, die ihren Hund „Mandarine-Schatzi“ mehr liebt als alles andere auf der Welt; mehr sogar als ihren Sohn Thorsten, der ja nicht mal in ihre Handtasche passe. Oder Renates Freundin Silke, die – anders als die Autorin – aus lauter Zukunftsangst die Notbremse eines Regionalzuges zieht und deshalb Sozialstunden in einer Bahnhofsmission leisten muss. Eine Bahnhofsmission, die von einem Hardcore-Freichristen namens Herr Marquardt – einem neoliberalen Arschloch, wie Giulia Becker anmerkt – gnadenlos optimiert werden soll; unter Mithilfe von Gadget-Steffan, der immer eine 8-fach-Steckdose für seine technischen Gerätschaften mit sich führt. Die Leser*innen dürfen selbst entscheiden, ob dies für Silke einen besseren Umgang darstellt als Roland, ihr Ex, der, angetrieben durch Jürgen Höllers Motivationsshow, einen Restpostenladen eröffnet hat. Um diese und noch weitere skurrile Figuren entwickelt sich eine Geschichte, die im Erlebnisbad „Tropical Islands“ ihr Finale findet und dabei – trotz mancher Stereotype – nie nur auf plumpe Gags aus ist, sondern eher einer Charakterstudie der Generation gleicht, die durch ihr Zutun zum Niedergang Facebooks beigetragen hat. Dabei sind schmerzhafte Erinnerungen an die eigene Verwandtschaft beim Lesen nicht ausgeschlossen.

Neben den Kapiteln, die einen ersten Einblick in die Figuren liefern, sind es die kurzen Interviewpassagen dazwischen, die die Lesung zu einem Erfolg werden lassen. Darin erklärt Becker, angetrieben von ihrer Hauptinspirationsquelle Dokus (ihr Freund habe ihr „alle Dokus die es gibt“ auf einem USB-Stick zusammengestellt), Elemente wie Rolands neues Berufsfeld („Restposten geht uns alle an“) oder ihre Abneigung gegen die Tauben, die sich auf dem Baum in ihrem Garten versammeln („Tauben sind der Abschaum. Welches Tier wohnt in der Innenstadt?! Selbst Taubenbabys sind hässlich!“). Dabei legt sie wert darauf zu betonen, dass sie die Charaktere bewusst in der Altersklasse Ü-40 angesiedelt habe, um sie möglichst weit weg von sich selbst darzustellen; und die Frage, wie viel von der Autorin selbst in den Figuren stecke, gar nicht erst aufkommen lassen zu können. Männer würden so etwas nicht gefragt werden, merkt sie an; und einmal mehr werden an diesem Abend die feministischen Positionen deutlich, die ihrer Kunst zugrunde liegen. So stellt sie fest, dass 90 Prozent des Feedbacks und auch die meisten Interviewanfragen von Frauen kämen, da es noch immer der Fall sei, dass Männer nie das Buch einer Frau besprechen würden. Wenn sie Männer nach für sie wichtigen Büchern von Autorinnen frage, sei die einzige Antwort – nach langem Überlegen – meistens nur Harry Potter. Und so kommt sie zu der – zwar nicht ernst gemeinten, aber deswegen nicht weniger zynischen – Schlussfolgerung, sie müsse ihr nächstes Buch einfach unter dem Pseudonym „Heinz Strunk“ veröffentlichen, um auch im Feuilleton eine Rolle zu spielen.

Was am Ende bleibt, ist deshalb ihr Appell: Lest mehr Bücher von Frauen! „Das Leben ist eins der Härtesten“ ist dafür ein guter Start. Es sei ja auch kein Buch nur für Frauen. Es habe weder ein pinkes Cover, noch gehe es um Gebärmutterhalskrebs.

Giulia Becker: Das Leben ist eins der Härtesten. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019; S. 224, Preis: 20€

Autor: Fabian Brucker

Foto: Ole Meyer

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