Allgemein Kultur Theater

Globale Problematik auf ganz kleiner Ebene

Zwei identische Dörfer, die sich zu Anfang der Geschichte lediglich durch einen kleinen Bach trennen lassen, zeigen wie großes Unglück und soziale Entwicklung innerhalb von kurzer Zeit große Distanzen zwischen Menschen schaffen können. So verdichtet Roland Schimmelpfenning in “Das große Feuer“ die Thematik der Flüchtlingskrise auf eine historische Dorfgeschichte. Das Stück überzeugt unter anderem mit Nicole Heesters in der Rolle der Erzählerin und steht nun im Dezember zum letzten Mal auf der Bühne des Nationaltheaters.

Die Geschichte beschreibt zwei kleine Dörfer, die an den gegenüberliegenden Seiten eines kleinen Bachs liegen und durch eine kleine Holzbrücke miteinander verbunden sind. Jedes Dorf hat eine eigene Schänke und seine eigene Kirche, dennoch besteht ein reger Austausch zwischen beiden. Es werden Freundschaften beschrieben und auch ein Liebespaar spielt eine wiederkehrende Rolle in diesem Stück.
Doch schnell wird das eine Dorf vom Pech heimgesucht: Im Sommer fällt der Regen nur auf der anderen Bachseite, der erste Regen führt direkt zu einer katastrophalen Überschwemmung, ein Fieber bringt viele Dorfbewohner um und nach einem relativ ruhigen Herbst bringt der Winter eine große Hungersnot. Während das eine Dorf also leidet, geht es dem anderen sehr gut und die Bewohner freuen sich über ein gutes Jahr mit reicher Ernte. Es kommt zu Streit. Neid auf der einen Seite und Missgunst auf der anderen. Währenddessen wird der Bach immer größer, erst zu einem reißenden Fluss der eines Tages die Brücke davon trägt und am Ende sind beide Dörfer von einem ganzen Meer getrennt. Als ein riesiges Feuer das letzte Hab und Gut des armen Dorfes zerstört, setzen die Bewohner sich in ein kleines Ruderboot und begeben sich auf die Flucht zur besseren Seite. Doch der Weg ist so weit geworden, dass das Boot verloren auf dem Meer treibt und die Zuschauer werden am Ende somit nur ihrer eigenen Fantasie überlassen.

Die Rolle der Schauspieler geht hier über die Darstellung einzelner Personen hinaus. Sie sprechen für verschiedene Bewohner und sind darüber hinaus auch für die Soundeffekte verantwortlich, bei denen sie unter anderem den großen Regen und einen Pferdeschlitten imitieren. Auch die Rolle von Hasen wird von ihnen übernommen. Die Geschichte wird im gesamten Stück narrativ dargestellt und von Nicole Heesters als Erzählerin geleitet, diese steht meistens über dem Geschehen, greift manchmal aber auch aktiv ein. Besondere Atmosphäre erhält das Stück durch die Unterstützung von Musikern des Nationaltheater-Orchesters, die den Jahresverlauf mit Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ untermalen. Das Bühnenbild besteht indes nur aus Papier und wandelt sich stark über die 90-minütige Aufführung. Während lange Banner anfangs zur Unterteilung der Bühne dienen, so ist nach der Zerstörung durch das große Feuer am Ende nur noch ein riesiger Haufen Papierfetzen übrig.

Im Verlaufe des Abends versucht das Stück die Mechanismen von Globalisierung und sozialen Konflikten auf einen kleinen Rahmen zu reduzieren. In einigen Aspekten gelingt dies gut, andere sind vielleicht doch zu einfach gedacht. Die Geschichte bleibt insgesamt etwas deskriptiv und wird leider zu wenig analytisch, was man sich an manchen Stellen durchaus gewünscht hätte. Vielleicht war das aber auch genau der Ansatz, der hier verfolgt wurde. Doch insbesondere die beinahe achtzigjährige Heesters, das spannende Bühnenbild und gut gesetzte Situationskomik der Schauspieler machen „Das große Feuer“ zu einem sehenswerten Theaterstück. Die vorerst letzte Möglichkeit auf eine Vorstellung bietet sich jetzt am 08.12. und ist sicherlich einen Besuch wert.

Text: Felix Kuhlenkamp

Fotos: Christian Kleiner

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