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Good Kid, M.A.A.D Siedlung

OG Keemo und Funkvater Frank in der Alten Feuerwache 

Zig halbstündige Interviews mit allen erdenklichen Hip-Hop-Medien, Musik-Blogs und mittlerweile auch Podcast-Formaten haben es klar gemacht: OG Keemo und Funkvater Frank sind angekommen. Zuletzt adelte die Juice OG Keemo, die von ihm als Rap-„Streber“ schreibt, indem sie sein Debütalbum Geist sowohl zum deutschsprachigen Album des Jahres 2019 als auch zu einem der 20 einflussreichsten Alben der letzten zehn Jahre erklärt. Und das bei einem Release im vorletzten Monat der Dekade.

Was der Neckastädter und Zonkeymobb-Member Binho sich dabei dachte, als er irgendwann in der Mitte des letzten Jahrzehnts sein Sparbuch plünderte um seinen Freunden Franky und Karim ein ordentliches Homestudio zu gönnen, ist nicht bekannt. Ziemlich sicher hat er aber das Potential gesehen, das in den Zwei steckt. Ab dann ging es schnell: 2016 kam das erste Video als Juice Exclusive, 2017 der Chimperator-Deal und das mit nicht enden wollenden Reimketten flexende Neptun-Mixtape. 2018 die düstere und vor allem persönlichere Skalp-EP in Albumlänge als konzeptuelle Vorgängerin des jetzt erscheinen Geist-Debütalbums. Dieses Jahr erschien als Appetizer fürs Album noch die boombap-lastige Otello-EP, und so einfach lassen sich vier Veröffentlichungen in drei Jahren runterschreiben, denen allesamt eine in Deutschland so nicht gekannte Unverkrampftheit anhaftet. 

Kein Wunder, dass die Alte Feuerwache ausverkauft und hyped war auf die beiden Jungs, die die Stadt wieder auf die Karte gepackt haben. Und die beiden Söhne der Stadt haben sich – im Gegensatz zu gewissen anderen Söhnen – offensichtlich gut geschlagen und noch besser vernetzt: Dass sich im Rap aus Deutschland nämlich etwas tut, sieht man nicht zuletzt an der fein kuratierten Auswahl an Voracts, die Keemo und Franky mit auf Tour genommen haben: Da sind nicht nur – noch vor allem in Mannheim und Heidelberg –  bekannte Gesichter wie Lukees und Binho, sondern auch Jace aus Hamburg, Lugatti und 9ine aus Köln, die Argonautiks aus Leipzig und Rapkreation aus Berlin. 

Die beiden Mannheimer und Kölner heizten als Vorgruppen in der Alten Feuerwache auch ordentlich ein. Bei Binhos 190er, Keine Zeit und Lugatti und 9ines Slaty und Umbro/Tyskie war die Feuerwache textsicher und bildete sogar kleinere Moshes vor der Bühne. Als Keemo und Franky schließlich auf die Bühne kamen, war der Teer(Prolog) noch mit das Ruhigste, was die nächsten eineinhalb Stunden gespielt wurde. Was direkt danach kam, waren nämlich durch die Bank Brecher. Gaben Songs wie  Nebel und Siedlung noch ein wenig Einblicke in Keemos Innenleben, setzten vor allem Geist, Set und Faust dem Publikum ordentlich zu. Zwischen Moshpits und Wall of Deaths gingen Rufe nach Luft durch die Menge, weswegen zum Glück für alle Anwesenden auch zwischendurch die Türen zum Vorplatz geöffnet wurden. Geschüttelt von Trap-Bangern aus den Skalp- und Neptun-EPs wie Trap, Training Day, PEN und Klepto, kam die Feuerwache aber auch zur Ruhe, wenn gerade Nimbus oder Whitney gespielt wurden. Gerade das bahnbrechende Vorwort, in dem Keemo seinen inneren Kampf inklusive Selbstzweifel und Trauer um die verstorbene Mutter offenlegt, brachte gegen Ende alle nochmal runter. Nach dem auf der Nebel-Tour auf allen Konzerten obligatorischen Head-Shave eines jungen Typen aus dem Publikum, ausgeführt von Barber Binho, bildeten Belly Freestyle und zuletzt Outro den heimeligen Abschluss eines Abrisses. Inklusive Geschwister, Freunden, Voracts und dem Mobb auf der Bühne.

Apropos Mobb: Wenn der Zonkeymobb die Mannheimer Antwort auf den ASAP-Mob ist, wie laut.de einst behauptete, dann ist OG Keemo die politisch wokere Version von Asap Ferg. Detailversessener und ehrlicher als Asap Rocky. Wenn man ihn mit anderen vergleicht, persönlicher als Denzel Curry und destruktiver als Schoolboy Q. Mit Geist hat er es als Erster geschafft Trap auf deutsch in ein düsteres und persönliches Konzeptalbum mit einer eigenen Handschrift zu packen.  Geist – zu einem gewissen Grad auch die Vorgänger EP Skalp – ist realer, aggressiver und vor allem im Fall von 216 vom neuen Album politisch woker Trap. Kendricks Good Kid M.A.A.D City lässt grüßen. Chimperator als Label lügt nicht, wenn im Pressetext steht, dass es so etwas wie OG Keemo bisher im Rap aus Deutschland nicht gab. Mit einer Verspätung von acht Jahren nach Kendrick Lamar, haben Franky und Keemo es als Erstes geschafft ähnlich detailversessen artistisch und konzeptuell an ein Straßenrap-Album ranzugehen.

Vor ein paar Jahren hätte man wahrscheinlich jede Person für verrückt erklärt, die von Trap auf Deutsch gefordert hätte, dermaßen klar institutionalisierten Rassismus, Zukunftsängste und Depressionen anzusprechen wie Schoolboy Q, J Cole oder Kendrick Lamar. Zu beschäftigt waren Rapper damit Triplet Flows, Lean, die vong Sprache und bunte Markenpullis für den Inbegriff von Trap auf Deutsch zu halten.

Was dieses Album besonders macht, ist aber wahrscheinlich – und da entschuldigt bitte die Wortwahl –, dass für OG Keemo und Funkvater Frank „artsy“ keine Beleidigung ist, sondern ein Kompliment. Und dass man sie sich als Typen sowohl in einem Philosophie-Seminar zu postkolonialen Theorien als auch in einer blau-rosa schimmernden Shishabar vorstellen kann. Lächelnd in einem veganen Burgerladen, oder vermummt und mit Brecheisen in der Hand auf Garagendächern in der Oststadt.

Text: Carlos Hanke Barajas

Bild: Chimperator 


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