Kultur Theater

Hamlet, bist du‘s?

Jemand sagte einmal über Shakespeares Hamlet: „Reade him, therefore; and againe, and againe: And if then you do not like him, surely you are in some manifest danger, not to understand him.“9004_hamlet_04

Mein Besuch der Theatervorstellung von Hamlet im Nationaltheater war insofern ein Selbstversuch: Ich hatte das Stück bereits einmal in seiner klassischsten Form gesehen – und es als übermäßig anstrengend empfunden. Hatte ich folglich einfach nicht verstanden, was Shakespeare mir sagen wollte? Hatte ich zwischen komplizierten Rollenkonstellationen und literarischen Auswüchsen die Genialität des Stücks übersehen? Beantworten kann ich diese Fragen selbst nach Ende der Vorstellung nicht, denn das, was auf der Bühne dargeboten wird, überrascht in jeder Hinsicht. Hamlet ist kaum wiederzuerkennen. Die Bühnenkulisse bildet eine riesige weiße Halfpipe – halb Welle halb Zewa Rolle – gegen die die Darsteller im Laufe der Vorstellung immer wieder vergeblich anrennen werden. Die dänische Königshauskulisse aus dem Original tauscht der Regisseur Elmar Goerden gegen ein mittelständisches Unternehmen in der Gegenwart. Onkel Claudius möchte sich das Unternehmen unter den Nagel reißen – und tötet deshalb diskret Hamlets Vater mit Hilfe von dessen Ehefrau. Der Onkel nimmt schnell die Rolle des neuen Ehemannes ein und heiratet Hamlets Mutter nur sechs Wochen nach der Beerdigung. Den jungen Hamlet, grandios gespielt von Julius Forster, stürzt das in eine tiefe Krise. Als ihm dann auch noch der Geist seines Vaters, welcher in der Inszenierung als sexistisch patriarchalischer Womanizer dargestellt wird, erscheint und ihn zur Rache an dem Onkel auffordert, ist Hamlets Leben endgültig aus den Fugen geraten. Zwischen seiner kaltherzigen Mutter, die den Großteil ihrer Zeit im Bett mit ihrem neuen Ehemann verbringt, einer psychisch labilen Geliebten und dem penetranten Geist seines Vaters verliert Hamlet endgültig den Verstand. Der Vater kommentiert ungeniert zynisch das Treiben der Familie („Da hat er wohl was richtig gemacht – dein Onkel – in deiner Mutter“) und übt ein perfides Machtspiel aus um Hamlet zu dem Rachemord zu drängen. Die berühmte Frage nach dem Sein wird kurzerhand umgewandelt in: „Was hab ich davon – was hast du davon? Das ist hier die Frage“ und spiegelt damit treffsicher den in der Familie Ton gebenden Egoismus wider.

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Überhaupt ist von der blumigen shakespearschen Sprache wenig bis gar nichts übrig geblieben. Stattdessen rezitiert Hamlet vor versammelter Familie Balu aus dem Dschungelbuch. Rosencrantz und Guildenstern, die von der Mutter eingeladenen alten Jugendfreunde Hamlets, werden als schwules Pärchen mit gescheiterter Bubble Tea Shop Vergangenheit dargestellt. Am Rande der Bühne steht während des gesamten Stücks eine blonde Frau in Alltagsklamotten mit Looping Station und E-Gitarre. Singend und spielend kommentiert sie die Handlung neben ihr und wird manchmal auch aktiv miteinbezogen. Das Ende des Stücks ist jedoch die größte Überraschung: Anstatt des großen Mordens versetzt Elmar Goerden seine Protagonisten in den Futur II, die vollendete Zukunft. Hamlet erfährt, dass alle Figuren außer er selbst gestorben sein werden. Seine geliebte Ophelia wird sich von einer Brücke gestürzt haben, seine Mutter wird von seinem Onkel erschossen worden sein und selbst Rosencrantz und Guildenstern werden den unsinnigen Tod eines Autounfalls gestorben sein. Der Tod des Onkels jedoch liegt in Hamlets Händen.

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Gerade weil Goerdens Inszenierung mit allen Absurditäten dem klassischen Hamlet so wenig ähnelt, konnte ich das Stück für mich neu entdecken. Hauptsächlich handelt es sich doch um ein großartiges Familiendrama voller kaputter Charaktere und Intrigen. Die zentrale Frage des Stücks scheint ein einfaches „Wie geht es dir?“ zu sein, welche keine der Figuren aufrichtig stellen oder beantworten kann. Hamlet ist so letztendlich das Problemkind einer kaputten Familie, das mit seinen Sorgen vollkommen allein gelassen wird.

Text: Louise Kaufman, Bilder: (c) Christian Kleiner

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