Kultur Theater

Ich empfinde Wohlwollen

Wie gehen wir mit dem geistigen Erbe Helmut Kohls um? Was denken wir als jüngere Generation über einen Kanzler, den wir nur aus den Erzählungen unserer Eltern kennen? Die aktuelle Inszenierung des Mannheimer Nationaltheaters Elefantengeist nimmt sich diesen Fragen an und zeichnet dabei das Porträt eines alten, einsamen, wütenden Elefanten.

Es ist die Zeit nach der großen Einsicht. Einer utopischen Zukunft in der die Menschen ihre persönlichen Differenzen ad Acta gelegt haben. In der es keine Zwietracht mehr gibt und alle Menschen bedingungslos Freunde sind. Negative Gefühle werden ausgeblendet, denn seit der großen Einsicht kennen die Menschen lediglich die Empfindung „Wohlwollen“. Die ehemaligen Zentren der Hochkulturen, deren Städte auf Hochmut, Gier und Verrat aufbauten, liegen in Ruinen. Einer dieser vergessen Orte ist die ehemalige Hauptstadt Bonn, Sitz des sechsten deutschen Kanzlers und Ziel der archäologischen Expeditionsgruppe rund um Dr. Matthias, gespielt von Matthias Breitenbach. Die weiteren Expeditionsmitglieder sind ebenfalls alle Doktoren*innen – bis auf Johanna, die ist einfach nur Johanna.

Bild: Christian Kleiner

Bild: Christian Kleiner

Die Diskussion der Persona Helmut Kohl aus einer scheinbar fernen Zukunft, ist ein interessantes Ideenkonstrukt des Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss, der das Stück anlässlich des Todestages Helmut Kohls speziell für das Nationaltheater Mannheim konzipierte. Tatsächlich funktioniert dieses Gedankenexperiment erstaunlich gut, denn es ermöglicht einen unbefangenen Blick auf die Geschichte des Altkanzlers zu werfen. Eine Geschichte, die der Generation „1990 plus“ kaum geläufig ist; seine Geschichte ist zu jung, als dass sie in den Geschichtsunterrichten gelehrt wird und zu alt, als dass sie von dieser Generation bewusst wahrgenommen werden konnte. Das Stück Elefantengeist setzt genau da ein und beleuchtet die wohl umstrittenste Episode des Einheitskanzlers. Welche Episode damit gemeint ist, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Tatsächlich ist diese abstrakte Erzählweise

stimmig.

Mit dem Kontakt zum Kanzlerbungalow, der die letzte Ruhestätte Kohls symbolisiert, verfallen die ehemals gesitteten Zukunftsmenschen in längst wegsozialisierte Muster und nehmen die negativen Eigenschaften der heutigen Gesellschaft in einer überspitzten Weise an. Dies passiert in einer derart Energie geladenen Konzentration, dass nach der anfänglich langsamen Exposition, kaum Zeit für die Zuschauer*innen bleibt, das Gewitter an Anspielungen, Kontexten und Zitaten nachzuvollziehen. Besonders überzeugend ist dabei Dr. Martin (Martin Weigel) als Usurpator. Wenn die Person des Expeditionsführers Dr. Matthias oft einem wütenden Elefanten gleicht, so lässt sich Dr. Martins Rolle als eloquenter Gorilla beschreiben. Martin Weigels körperlich-physische Überlegenheit den anderen Schauspielern gegenüber, gepaart mit seinen sprachgewaltigen Einschüben ließen das Publikum ein ums andere Mal zusammenzucken.

Abgerundet mit zahlreichen Musikeinlagen der Zwei-Mann-Band, bestehend aus den Brüdern Karsten und Rainer Süssmilch, lässt die erste Hälfte des Stückes dem Zuschauer kaum Verschnaufpausen und überzeugt in seiner dramatischen Dichte. Nach der Pause finden die Schauspieler jedoch schwer in ihre Rollen zurück und allgemein wirken die ersten 20 Minuten nach der Pause völlig losgelöst vom restlichen Stück und irgendwie deplatziert. Schade.

Danach nimmt das Stück aber wieder richtig Fahrt auf. Helmut Kohl macht Tabula Rasa. Die Anspielungen auf ehemalige und aktuelle CDU-Spitzenpolitiker sind nicht mehr zu leugnen. Sie wollen den Expeditionsleiter stürzen. Die anfänglichen Verteidigungen Dr. Matthias, der jetzt voll und ganz in der Rolle Helmut Kohls aufgeht, wechseln dabei in eine wutentbrannte Schmährede, die auch vor persönlichen Beleidigungen keinen Halt macht und die Riege der CDU-Spitzenpolitiker verbal auseinanderpflückt. Mit zunehmenden verbalen Entgleisungen wenden sich alle weiteren Expeditionsmitglieder von der Bühne ab und zurück bleibt ein alter wütender Mann, mit dem man – egal wie unsympathisch er ist – eigentlich nur Mitleid haben kann. Am Ende sitzt er alleingelassen in seinem Rollstuhl auf der Bühne. Was im Gedächtnis verbleibt, ist das Bild eines alten, einsamen, wütenden Elefanten.

Bild: Christian Kleiner

Elefantengeist ist eine emotionale und energiegeladene Inszenierung mit einer harmonischen Mischung aus alten und jungen Darstellern*innen. Besonders überzeugen konnte an diesen Abend jedoch Martin Weigel mit seiner verbal kraftvollen Spielweise, die einen in den Bann zieht. Zudem regt Elefantengeist dazu an, über die jüngere Geschichte Deutschlands nachzudenken und sich mehr mit der Persona Helmut Kohls auseinanderzusetzen. Zwar zeigt das Stück bevorzugt Episoden, die ein düsteres Bild des Kanzlers zeichnen, jedoch steckt es die Finger nie tief genug in die Wunde der treuen CDU-Wähler*Innen, als dass es jemals eine Grenze überschreiten würde. Abgesehen von der doch sehr verwirrenden und auch erlahmenden Phase nach der Pause ist Elefantengeist eine wahre Weiterempfehlung und in Anbetracht der bisher eher mäßig besuchten Vorstellungen ein echter Geheimtipp!

Weitere Aufführungen:

Sa, 16.03.2019, 19.30 – 22.00 Uhr, Schauspielhaus

Text: Joe Brandes

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