Kaleidoskop

„Ich habe mir keine Mühe gegeben, mich zu erinnern“

Unbenannte Anlage 00083

Am Samstag, den 8. April, luden Zeitraumexit und Memoire projects zum Zeitzeugengespräch mit Astrid Proll und Gerd Conradt ein – Beide radikalisierten sich in Folge des 2. Juni 1967 und engagierten sich fortan in der RAF (Rote Armee Fraktion) bzw. der APO (Außerparlamentarische Opposition). Doch inwieweit spielte die persönliche Erfahrung der jungen Leute hierbei eine Rolle?

Der kleine Raum ist in schwarz gehalten, lediglich die Bühne wird durch mehrere Scheinwerfer in helles Licht getaucht. Jeweils eine Kamera ist auf die drei Sessel gerichtet, die zentral im Raum stehen. Die beiden geladenen Gäste sitzen bereits genau dort, als das Publikum durch die Tür tritt; sie zusammengesackt und mit fester Mine, er freundlich, mit dem Publikum spielend.

An besagtem 2. Juni 1967, der als Schlüsselmoment in die deutsche Geschichte eingehen sollte, starb im Zuge von Studierendenprotesten der junge Student Benno Ohnesorg in Berlin. Er wurde von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet. In unmittelbarer Folge entstand die APO sowie die RAF. Die Veranstaltung „Der 2. Juni 1967 als biografische Zäsur – Geschichte einer Radikalisierung“ sollte die Frage klären – oder zumindest doch in den Raum werfen – welche kulturellen, politischen und sozialen Komponenten zur Radikalisierung junger Leute geführt haben. Somit setzten die Veranstaltenden den Fokus nicht auf die kollektive, sondern auf die persönliche Erfahrung und Entwicklung ehemaliger Linksterroristen.

Leider konnte diese Frage nicht zufriedenstellend geklärt werden. Das lag weniger an der Veranstaltungskonzeption. Dessen kleiner Rahmen war gut gewählt, die Stimmung war familiär und ungezwungen, lud zum Reden ein. Auch Moderator Alex Assmann (selbst Erziehungswissenschaftler) schien vorbereitet und in die Biografien Prolls und Conradts gut eingelesen. Problematisch waren eher die beiden Interviewten. Sie wunden sich größtenteils um konkrete Aussagen. Astrid Proll wirkte desinteressiert, abweisend und zuweilen etwas genervt – eigentlich konnte sie sich eh an wenig erinnern, was damals geschah; zum Jahreswechsel 1966/67 etwa kommentierte sie: „Daran kann ich mich nicht erinnern und habe mir auch keine Mühe gegeben, mich zu erinnern“. Gerd Conradt spielte regelrecht mit dem Publikum, jeder Lacher brachte ihn nur mehr in Hochform – hier ist fraglich, ob man nicht vielleicht besser ohne Zuschauende interviewt hätte. Nach kurzer Halbzeitpause hatte er zu allem Überfluss noch seine Produktionen, Conradt verdient sein Geld als Filmemacher und Autor, vor seinen Sessel platziert und das Publikum zum Kaufen animiert. Man wurde den Eindruck einfach nicht los, dass es in erster Linie der finanzielle Anreiz ist, weswegen die Beiden solche Interviews überhaupt geben. Das ist völlig legitim, sollte aber nicht so offensichtlich sein.

Moderator Assmann verpasste es leider größtenteils kritische Nachfragen zu stellen, Aussagen der beiden Zeitzeugen konnten in den meisten Fällen unproblematisiert im Raum stehen bleiben. Die erste richtige Diskussion entstand erst, als dem Publikum im zweiten Teil der Veranstaltung Fragen gewährt wurde. Wie Conradt – dessen ehemalige Frau nach Palästina reiste, um sich an der Waffe ausbilden zu lassen – denn dazu stehen würde, dass die linksextremistischen Organisationen mit antisemitischen Milizen sympathisierten? Ein herber Wortwechsel entstand. Proll hielt sich hier völlig heraus, sie wirkte erneut recht abwesend. Irgendwann hörte man sie den Moderator fragen, ob man die Veranstaltung hier nicht abbrechen sollte. Assmann reagierte sehr gut, ignorierte ihre Anfrage, beschwichtigte den Streit und erlaubte eine weitere Nachfrage. Als Proll das Wort erhielt, kommentierte sie genervt: „Ich würde jetzt ehrlich gesagt gerne Schluss machen, ich habe nicht das Aushaltevermögen von Frau Merkel.“ Die Veranstaltung war laut Facebook bis 21 Uhr angesetzt. Das frühe Ende muss der Fairness halber aber Astrid Proll zugeschrieben werden, die letztlich das Gespräch verweigerte.

Das Anliegen von Memoire projects, „das biografische Wissen unserer Zeit zu archivieren und frei zugänglich zu machen“, wie die Organisation es selbst auf ihrer Internetseite beschreibt, ist lobenswert – ZeitzeugInnen leben schließlich nicht ewig und sind ein wichtiges Gut zur Sicherung der Geschichte. Es war vermutlich dem Thema geschuldet, dass die Fülle an zufriedenstellenden Ergebnissen gering blieb. Es ist leicht vorstellbar, dass Proll und Conradt sich nur ungern zu klaren Aussagen über ihre durchaus streitbare Vergangenheit hinreißen lassen.

Zumindest für mich als Geschichtsstudentin bleibt eine Erkenntnis: Nicht jedes Mitglied der RAF schien aus politischer Überzeugung in das linksterroristische Milieu geglitten zu sein. So erzählt Proll, wie sie der Stadt und ihrem Bruder wegen nach Berlin ziehen wollte; dieser lebte bereits dort und engagierte sich in den Studierendenprotesten. Sie dagegen habe nichts gemacht, ihr sei langweilig gewesen und sie habe viele Drogen genommen. Die eigentlichen Pläne hatten Andreas Baader und Gudrun Ensslin (die Führungsmitglieder der ersten Generation der RAF), denen sie sich letztlich anschloss. Doch auch hier bleibt die Frage im Raum stehen, wieviel von dieser Darstellung der Realität entspricht und wieviel letztlich auf eine von der Zeit gezeichnete Verklärung zurückzuführen ist.

Text: Verena Böckle

Foto: Bundesarchiv (BArch), Klaus Schütz

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