Kultur Theater

Im Krieg ist keine Zeit für Gespräche mit den Sitznachbarn

Drei Stunden Spielzeit ohne Pause sind immer auch eine Kampfansage. Das zeigte sich spätestens an den ersten überraschten Publikumsreaktionen, bei der Entdeckung der Infotafeln im Foyer des Mannheimer Nationaltheaters. Hätte man sich aber auch denken können, dass ein intensives Historien-Drama über einen Ausschnitt des Dreißigjährigen Kriegs nicht unbedingt einfach zu ertragen ist. Dass drei Stunden Theater ohne Toilettengang dennoch überzeugen können bewies die Inszenierung von „Wallenstein“ der Berliner Schaubühne, unter der Regie von Michael Thalheimer, die im NTM im Rahmen der 19. internationalen Schillertage zu Gast war.

Die Inszenierung von Michael Thalheimer schafft es direkt zu Beginn bildgewaltig und visuell beeindruckend in den Theaterabend zu starten. Ohne Vorwarnung wird die sanft plätschernde Geräuschkulisse im Zuschauerraum vor Beginn des Stücks unterbrochen. Das Saallicht wird nicht gedimmt, sondern erlischt von einer Sekunde auf die nächste, gefolgt von einer lauten Klangwand aus Bassfrequenzen, die über dem Zuschauerraum ertönt. Der Eiserne Vorhang öffnet sich. Dichte Nebelschwaden verhüllen die Bühne und treiben langsam in den Zuschauerraum. Schemenhaft erkennbare Personen wanken im matten Scheinwerferlicht umher. Sie formieren sich um den halben Torso eines Pferdes, der an ein Seil gebunden von der Decke hängt. Dann verschwinden sie wieder in dem undurchsichtigen Dunst im hinteren Teil der Bühne.

Fast schon in einer Geste der Überforderung reagiert das Mannheimer Publikum auf diesen Einstieg. Demonstrativ hält man sich die Ohren zu und die Empörung darüber, dass die entspannten Gespräche mit den Sitznachbarn so abrupt unterbrochen wurden, ist auf einigen Gesichtern abzulesen. Besser hätte der Anfang von „Wallenstein“ nicht klarmachen können: Der Schauplatz von Schillers Drama befindet sich am Rande eines unbarmherzigen und brutalen Krieges. Und Krieg ist nichts für zarte Nerven. Im Krieg ist auch keine Zeit für Gespräche mit dem Sitznachbarn.

Im Zentrum des Gefechts sitzt Wallenstein, der Herzog von Friedland, versunken auf einem Stuhl in der Mitte der Bühne. Den größten Teil des Stücks über kontrolliert er von dort aus die Heeresscharen und lässt engste Vertraute, Truppenführer und Familienmitglieder vortreten und berichten. Ingo Hülsmann verkörpert den ausgebrannten, aber energischen Heeresführer überzeugend und strahlt, obwohl sitzend, eine ungemeine Macht über die komplette Bühne aus.

Wallenstein

 

Seine heldenhaftesten Schlachten hat Wallensteins bereits vor viele Jahren gekämpft. Er und seine Gefolgschaft ist von Wunden und Kriegsverletzungen übersät. Sie sind eine gebrochene Kampftruppe, wanken umher, sprechen mit schmerzverzerrten Gesichtern. Sind die Nebenrollen nicht in der Handlung gefragt, stehen sie im Hintergrund der Bühne mit dem Rücken zum Publikum, in sich versunken oder wechseln ihr Kostüm und trinken Wasser aus dunklen Plastikflaschen.

Wallenstein, der dem Kaiser untergeben und alleinig für dessen Heer verantwortlich ist, spürt den wachsenden Druck von oben und erste Bemühungen ihn von seiner Position zu drängen. Seine Vertrauten raten ihm dazu, eine mögliche Kooperation mit dem verfeindeten Königreich von Schweden einzugehen, um die Seite zu wechseln und den Kaiser damit gleichzeitig zum Frieden zu zwingen. Alle Heeresführer vertrauen auf Wallenstein und verpflichten sich ihm in einem Eid. Letztlich traut Wallenstein blind auf seinen Offizier Octavio Piccolomini, der aber vom Kaiser bereits in geheimer Absicht ein Schriftstück erhalten hat, dass Octavio an die Position des strittigen Heeresführers befördern kann, bei passender Gelegenheit. Die Zeit zu handeln und seine Macht geschickt zu nutzen, verkürzt sich für Wallenstein.

Peter Moltzen legt die Rolle des Octavio zunächst sehr neutral, fast zurückgenommen an und vollführt über die drei Stunden Handlung eine überzeugende Wandlung zum machteifernden Gegenspieler Wallensteins mit diabolischen Lachen. Ebenso überzeugend agiert Regine Zimmermann in der Rolle der Schwägerin Wallensteins – Gräfin Trezky – die mit spitzem Lachen und wirrem Blick den Wahnsinn der Intrigen um Wallenstein zum Ausdruck bringt.

Wallenstein von Friedrich Schiller Schaubühne am Lehniner Platz Premiere: 05.05.16 Regie: Michael Thalheimer Bühne: Olaf Altmann Kostüme: Nehle Balkhausen Musik: Bert Wrede Szene mit: Ensemble

Beeindruckend an der Inszenierung sind vor allem die großen Anfangs- und Schlussbilder, die Thalheimer für seinen „Wallenstein“ findet. Dazwischen herrscht viel Dynamik auf der Bühne, Darsteller sprechen Dialoge über die komplette Fläche der Kulisse hinweg, stehen am Bühnenrand und blicken auf die ersten Zuschauerreihen bei ihren Monologen, jedoch spielen sich die Bilderwelten über fast zwei Stunden hinweg eher im minimalistischen ab. Zeitweise wirkt diese Abfolge von Figurenbewegungen auf der Spielfläche sehr eintönig und redundant. Es entsteht fast ein kleiner Bruch, als gegen Ende die aufgeladene Emotionalität rund um Tod und Verrat nicht, wie zuvor, durch symbolische Gesten zwischen den Darstellern, sondern auf eine sehr blutrünstige, fast schon tarrantinoeske, Art in Szene gesetzt wird. Dabei ist Thalheimer durchaus bekannt für seine minimalistischen Inszenierungen. An der Schaubühne Berlin inszenierte er 2013 beispielsweise Molières Komödie „Tartuffe“ mit einem, am ganzen Körper tätowierten, Lars Eidinger und einer kleinen Kulisse, in deren Fokus lediglich ein Stuhl und ein karges Wandkreuz standen.

Die vielleicht größte Wirkung in der Schaubühnen-Inszenierung von Schillers Drama erzeugen die verschiedenen Lichtsituationen, unter der Beleuchtung von Norman Plathe, die die Bühne immer wieder neu perspektivieren, die Darsteller meist nur von hinten oder seitlich anleuchten und einen dunklen Halbschatten über ihre Gesichter werfen.

Mit erneutem lauten Klanggetöse wird das begeisterte Mannheimer Publikum in die Nacht entlassen. Nach der letzten Verbeugung aller Beteiligten verlassen die Zuschauer ihre Plätze außergewöhnlich schnell. Vermutlich, um dann doch mal die Toilette aufzusuchen.

Text: Matthias Mohler, Bilder: (C) Katrin Ribbe (Schaubühne Berlin)

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