Allgemein Kaleidoskop

Kill all Normies

Das Internet prägt und bestimmt unseren Alltag so tiefgreifend wie kaum eine andere Technologie in unserer Gesellschaft. Gerade junge Menschen spenden einen Großteil ihrer Freizeit vorzugsweise am Smartphone oder vor dem Computer. Besonders attraktiv bei dieser Art von Freizeitgestaltung ist das sogenannte Web 2.0, also der Teil des Internets, der es uns ermöglicht mit Freunden in Kontakt zu bleiben, die von anderen erstellten Inhalte zu konsumieren, zu kommentieren oder sogar selber aktiv zu werden. So sorgen Youtube, Facebook, Instagram, 9gag und Twitter dafür, dass wir unangenehme Wartezeiten ohne allzu große Langeweile überbrücken oder das Fertigstellen unserer Hausarbeit in nicht absehbare Ferne verschieben. Abseits von diesen den meisten bekannten Plattformen beherbergt das Internet auch noch weitere, weniger bekannte, dafür aber umso aktivere Netzcommunitys.

Sogenannte Imageboards, Websites, auf denen man weitestgehend anonym Bilder und Texte im Kontext unterschiedlichster thematischer Felder teilen und kommentieren kann, rückten, besonders im Zuge der letzten US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen, vermehrt in den medialen Fokus und gelten als Schmieden von Memes und anderen Formen von Internetkultur. Das wohl bekannteste und beliebteste Imagebord weltweit, das durch diese Meldungen einen zweifelhaften Grad an Berühmtheit erlangt hat, ist 4Chan.

4Chan wurde 2003 von dem damals 15 Jahre alten Teenager Christopher Poole, im Internet auch unter dem Pseudonym „moot“ bekannt, gegründet. Der Struktur nach ist es dem japanischen Imageboard Futaba Channel nachempfunden. Im Gegensatz zu diesem ließ es aber durch seine englischsprachige Ausrichtung deutlich größere Gruppen an Nutzern zu. Zuerst als Raum zum Austausch über japanische Otaku-Kultur gedacht, erweiterte das Board recht schnell sein Spektrum an Themen, über die gesprochen werden konnte. Hierfür stellt das Imageboard Unterseiten zur Verfügung, welche alle jeweils ein bestimmtes Thema abdecken. Zurzeit beherbergt 4Chan 56 verschiedene Unterkategorien, welche von japanischer Kultur über Technologie, Outdoor, Do-It-Yourself, Fashion und Politik bis zu Pornografie reichen. Eine Unterkategorie, die sich auf so gut wie jedem Imageboard finden lässt, ist /b/, das Random-Board, welches oft das Herzstück des Imageboards bildet. Dieses ist nicht auf eine bestimmte Thematik begrenzt und auf ihm lässt sich oft ein buntes Potpourri an unterschiedlichen Beiträgen finden. Oft entstehen hier auch neue Memes, Internetphänomene, die in Form eines Bildes, einer Video- oder Textdatei auftreten, sich schnell im Internet verbreiten und mit ihrem Aufkommen eine neue Form von Netzkultur begründeten. Betrachtet man das Imageboard etwas genauer muss man allerdings anmerken, dass sowohl der Umgangston als auch der Inhalt der jeweiligen Beiträge (und das beschränkt sich nicht nur auf das Random-Board) gelinde gesagt etwas derbe ist. Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die Nutzer eines Imageboards allesamt anonym sind und jeder die Möglichkeit hat ohne Anmeldung Beiträge zu erstellen, Fotos und Videos hochzuladen oder andere Beiträge zu kommentieren. Der einzelne Nutzer ist in den jeweiligen Beiträgen nur als „Anonymous“ gekennzeichnet, worauf sich auch der Name des, zu späterer Zeit durch politische Aktionen bekannt gewordenen, Internet-Kollektivs Anonymous bezieht.

Dass sich die Aktivitäten der Nutzer von 4Chan nicht nur auf das eigene Internetportal beschränken, lässt sich durch eine Vielzahl sogenannter “Raids” veranschaulichen, einer Art Überfall, zu dem sich die Teilnehmer auf dem Imageboard verabreden. Durch ihre schiere Masse versuchen sie Vorgänge innerhalb und außerhalb des Internets anzustoßen, die politische Ziele verfolgen, zur Belustigung der Community beitragen oder einfach nur Chaos und Anarchie stiften. Die erste in einem größeren Umfeld bekannt gewordene Aktion der 4Chan-Community war das Projekt „Chanology“. 2008 gelangte ein internes Video der Sekte Scientology ins Netz, in dem Tom Cruise offen und unkritisch über seine Beziehung zur Sekte spricht. Scientology setzte fortan alles daran das Video wieder aus dem Netz zu entfernen und versuchte Urheberansprüche geltend zu machen. Jenes Unterfangen, von den Usern 4Chans als Zensur kritisiert, versuchten diese daraufhin zu verhindern, indem sie das Video so oft wie möglich vervielfältigten. In Anschluss daran fanden weiterführend Angriffe auf die Websites Scientologys, Streichanrufe, sowie Demonstrationen statt, auf denen sich bis zu 8000 Menschen einfanden.

Doch längst nicht alle Aktionen der Community des Imageboards wiesen jenen progressiven Charakter auf. So inszenierte die 4Chan-Community beispielsweise auch das Hashtag #BaldForBieber, durch das junge Twitternutzer und -nutzerinnen dazu aufgerufen wurden, sich aus Solidarität zu dem angeblich an Krebs erkrankten Justin Bieber den Schädel zu rasieren. Woraufhin die Haare hunderter Bieber-Fans dem Rasierapparat zum Opfer fielen. Eine weitere Kampagne des Imageboards zielte auf den US-amerikanischen Hersteller des Energydrinks Mountain Dew ab, der im Rahmen der Marketingkampagne „Dewmocracy“ auf seiner Webseite über den Namen eines zukünftigen Produktes abstimmen ließ. Die 4Chan-Community nutzte diese Chance den von ihnen für das Produkt vorgesehenen Namen „Hitler did nothing wrong“ erfolgreich auf dem ersten Platz der Rangliste zu platzieren. Das Unternehmen ruderte daraufhin zurück und aus „Hitler did nothing wrong“ wurde „Mountain Dew-Apple”.

Die letzte größere und wohl auch weitreichendste Aktion, mit der das Imageboard von sich Reden machte, war dessen Einfluss auf die US-amerikanische Präsidentschaftswahl und die Unterstützung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Wurden in den vorherigen Wahljahren eher demokratische Kandidaten durch das Internet unterstützt und sich über ihre republikanischen Widersacher lustig gemacht, so änderte sich diese Ausrichtung im Wahljahr 2016 komplett. Hierfür verantwortlich war vor allem die große Community der Unterkategorie /pol/, eine Kurzform für „Politically Incorrect“, die als eine der Keimzellen der Alt-Right-Bewegung, dem US-amerikanischen Pendant zur neuen Rechten in Deutschland, gilt. Durch das gezielte Erstellen von Memes, die Nachrichten und politische Sachverhalte karikieren und kommentieren, versuchte die Community Aufmerksamkeit und Einfluss für ihre politischen Ziele zu gewinnen. Dass dies tatsächlich gelang, lässt sich besonders gut am memegewordenen Comic-Charakter von „Pepe the Frog“ zeigen. Der anthropomorphe grüne Frosch Pepe entstammt dem 2005 von Matt Furie veröffentlichten Web-Comic „Boy’s Club“ und wurde einige Jahre später von den Usern auf 4Chan aufgegriffen und abgewandelt. Es entstanden einige Formen von „Reaction-Faces“, welche als Reaktionen auf andere Beiträge gedacht sind und die Variationen von Pepe wie „Sad Frog“, „Angry Pepe“ und „Smug Frog“ einschließen. Mit den näher rückenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 tauchten immer mehr Versionen von Pepe auf, die ihn in einem rassistischen oder antisemitischen Kontext zeigten. So wurden fortan Versionen von Pepe, die ihn in einer SS-Uniform, als Ku-Klux-Klan-Mitglied, in SA-Uniform oder mit White-Power-Shirt abbildeten, verbreitet. Auch die Darstellung Donald Trumps als Pepe the Frog mit typischer Trump-Frisur und Anzug stieg stetig in der Beliebtheit. Den Ritterschlag erhielt diese Darstellung von Donald Trump persönlich, als dieser sie in einem seiner zahlreichen Twitter-Posts verwendete. Aber auch die Gegenseite reagierte auf die Memes rund um „Pepe the frog“. Hillary Clintons offizieller Wahlkampf-Kampagnen-Blog publizierte einen Artikel mit dem Namen „Donald Trump, Pepe the frog, and white supremacists: an explainer“ in welchem Pepe als grundlegend rassistisches Symbol gelabelt wurde. Der Blogeintrag stieß in der Netzcommunity auf erheblichen Widerstand, die nicht hinnehmen wollte, dass ihr schon jahrelang in unpolitischen Kontexten verwendetes Meme plötzlich von einer fremdenfeindlichen Minderheit beansprucht werden sollte. Sogar der Erschaffer der Comic-Figur Matt Furie meldete sich zu Wort und gab an zu bedauern, was aus seinem ursprünglich geschaffenen Charakter geworden war.

Wie hoch der Einfluss von rechten Netzcommunitys auf die US-amerikanische Präsidentschaftswahl nun wirklich war, lässt sich so gut wie nicht bestimmen. Die irische Kommunikationswissenschaftlerin Angela Nagle veröffentlichte 2017 das Buch „Die digitale Gegenrevolution“ (im englischen Original: Kill all Normies), das sich mit den unterschiedlichen Facetten im Netz existenter politischer Subkulturen beschäftigt, zu denen unter anderem auch die Gruppen auf 4Chan gezählt werden. Das Erfolgsrezept der Alt-Right-Bewegung fasst Nagle in einem Interview so zusammen: „Die Alt-Right-Bewegung erreichte ihren Höhepunkt, als Trump auf die Bildfläche trat. Sie wandte sich wie er gegen political correctness und besaß den gleichen respektlosen Humor – oftmals war er ziemlich clever und lustig. Zur gleichen Zeit war die Linke in humorloser Verzweiflung erstarrt und, genau wie die Alt-Right aktuell, in Grabenkämpfe verstrickt. Die Alt-Right hatte also ideale Bedingungen, um Erfolg zu haben.“ Wirklichem Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen erteilt Angela Nagle trotzdem eine Absage: „Ironischerweise sind es heute die Rechten, die glauben, dass das Internet Trump an die Macht gebracht hat. Sie machen denselben Fehler wie die Linke, und nun müssen sie zusehen, dass ihre politischen Vorstellungen nicht umgesetzt werden. (…) Die Idee, das Internet als Abkürzung zur Macht zu benutzen, hat sich als Trugbild entlarvt.“

Was lässt sich nun abschließend über das Phänomen Imageboard sagen? Zum einen findet man hier ausdrücklich keinen Safespace vor und muss bereit sein sich anderen Einstellungen und Meinungen auszusetzen, die man in seinem persönlichen Umfeld keinesfalls tolerieren würde. Andererseits bietet die Community mit ihrer Freiheit und Freizügigkeit, die sich fast nirgendwo sonst so im Internet finden lässt, eine Vielzahl von Anreizen. Fast an keiner anderen Stelle des Internets ist es möglich gleichzeitig so angeregt zu diskutieren, zu lachen, sich aufzuregen oder zu ekeln. Ob man sich dem aussetzen will, bleibt die Entscheidung jedes Einzelnen.  

Text: Benjamin Belhocine

Illustration: Joe Brandes

 

 

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