Kultur Theater

Kultur für den kleinen Mann

Das Nationaltheater spielt zurzeit ‚Kleiner Mann was nun?` nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada. Ein Stück über die “kleinen Leute” von heute.  Das Unimagazin durfte im Rahmen des KULTival, das derzeit im Zeitraumexit stattfindet, einen Ausflug des Kulturparketts Rhein-Neckar zu diesem Stück begleiten. Ein Bericht über einen Abend, der nicht nur Missstände Anspricht, sondern auch versucht Betroffenen eine Bühne zu bieten.

Die Inszenierung von Regisseur Volker Lösch ist höchst politisch und ruft eine Klasse ohne Klassenbewusstsein zur Revolution auf. Doch wer ist Teil dieser Klasse? Teil dieser Klasse sind die Protagonisten des Stücks Pinneberg und Lämmchen und die circa dreißig Mannheimer*innen, die immer wieder in Videosequenzen auf der Bühne zu Wort kommen. Unter ihnen Akademiker*innen und Ungelernte, Deutsche und Ausländer*innen, Zeitarbeiter*innen, Alleinerziehende und Arbeitslose. Ein diverser Mix an Menschen, vereint durch gemeinsame Ängste und Probleme, die aus einer prekären finanziellen Situation entwachsen. In einer Zeit, in der sich befristete Arbeitsverträge und Zeitarbeitsfirmen auf dem Arbeitsmarkt etabliert haben, gibt es eine neue Schicht an Geringverdiener*innen die unorganisiert und schlecht vernetzt ist. Diesen Menschen zuzurufen: „Organisiert euch! Ihr seid Viele.“ ist die Intention hinter Volker Löschs eindrucksvoller Inszenierung. Das Problem dieses Zurufs ist jedoch, dass ihn die falschen Ohren hören, denn nur wenige im Publikum sind Teil dieser Klasse ohne Klassenbewusstsein.

 

Armut bedeutet Ausgrenzung

Auf der Bühne wünscht sich Lämmchen ein einziges Mal wie die reichen Auszugehen und stellt ernüchtert fest, dass am Ende des Monats, wenn alle Grundbedürfnisse abgedeckt sind gerade mal 50 Pfennige übrig bleiben. In Videosequenzen erzählen Menschen, dass Ausgehen mit Freunden oder ein Kinobesuch mit der Familie für sie einfach nicht erschwinglich sind. Armut bedeutet bei Fallada in der Weimarer Republik, genau wie im Jahr 2018, soziale und kulturelle Ausgrenzung. Eben deshalb erreicht die Message des Stücks nur wenige von denen, die sie erreichen soll.

Diesem Problem entgegenzuwirken hat sich das Kulturparkett zur Aufgabe gemacht. Es bemüht sich daher darum, Menschen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben, am kulturellen Leben teilhaben zu lassen. Dank Kooperationen mit zahlreichen Kulturbetrieben in der Region können dessen Mitglieder ganz umsonst Veranstaltungen besuchen. Ingrid, die schon seit einigen Jahren Teil des Projekts ist, erzählt begeistert von Besuchen bei der Mannheimer Lokallegende Bülent Ceylan, dem Planetarium und ihrer niemals gedachten Vorliebe für Operetten. Das Angebot ist breit und hat neben den kulturellen Aspekt vor allem auch eine soziale Komponente. „Wenn ich ins Theater gehe, sieht keiner, dass ich nichts habe und mein Kühlschrank fast leer ist. Hier bin ich Teil der Gesellschaft“, erzählt Ingrid weiter. Sie und die anderen Nutznießer des Kulturparketts gehören zu denen, die von der Inszenierung angesprochen werden sollen. Und sich auch angesprochen fühlen. Im extra organisierten Nachgespräch mit Silke Eschenhoff, der Leiterin der Bürgerbühne, erzählt ein mittlerweile pensionierter Mann: „Ein Glück bin ich raus aus diesem Arbeitsmarkt, ich habe mich vorhin oft wiedererkannt.“ In dem Gespräch wird deutlich, dass das Stück einen Nerv getroffen hat. Doch wird der Traum des Regisseurs von einer am Nationaltheater beginnenden Revolution, ein Traum bleiben, solange der Zugang zu Kultur ein Privileg bleibt. Ein niedrigschwelliger Ansatz, wie ihn das Kulturparkett noch bis zum 9. Juni im Rahmen des KULTival im Zeitraumexit bietet, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Text: Paul Fuchs

Bild: NTM – Christoph Lepschy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.