Musik

Lubomyr Melnyk in der Alten Feuerwache

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Am 26. April hat Lubomyr Melnyk im Rahmen des 10. Jetztmusik Festivals die Alte Feuerwache bespielt. Der kanadisch-ukrainische Komponist und Pianist hat mit der „Continious Music“ ein eigenes Genre geschaffen. Dieses zeichnet sich durch seine unsagbar schnelle Abfolge von Noten aus, die teils höher ist als das menschliche Gehör sie ausdifferenzieren könnte. Die einzelnen Noten fließen ineinander und ergeben eine neue Klangebene. Er lässt dabei seine Finger schneller über die Tasten des Pianos fliegen als jeder Andere.

Das Jetztmusik Festival hat in den letzten Jahren immer wieder damit geglänzt, moderne Klaviermusik nach Mannheim zu bringen. Zuletzt waren das Künstler wie Martin Kohlstedt und Nils Frahm, die ihr Klavierspiel mit Synthesizern komplettieren. Melnyk fällt hier auf den ersten Blick aus der Reihe. Er ist kein junger Wilder der das Pianospiel mithilfe elektronischer Unterstützung in das 21. Jahrhundert bringen möchte. Während erstere eher Klassik und Popmusik verbinden, beziehungsweise deren Grenzen einreißen, geht Melnyk einen anderen Weg: Seine Musik soll spirituell wirken und dieses Ziel erreicht er.

Melnyk teilt seine Vision noch vor dem ersten Tastenschlag mit dem Publikum, er spricht über seine Vorstellung von Musik, die eigentlich viel mehr sogar eine Vorstellung von Ton selbst darstellt. Er erklärt, dass alles dem Ton untergeordnet sei, selbst Gott habe die Erde nicht mit Gedankenkraft, sondern mit dem gesprochenen Wort erschaffen. Seine Nachricht ist klar: Ton ist die ultimative Kraft in unserem Universum. Mit dem Konzert will er den Beweis für die These erbringen.

Melnyks Musik lebt von Wiederholungen, eine Hand spielt meist den Kontext, in dessen Rahmen sich die Melodie, gespielt durch die andere, bewegt. Durch den repetitiven Unterbau erhält seine Musik eine Triebkraft die an Clubmusik erinnert; nicht nur musikalisch, sondern auch physisch. Die Melodien sind oft melancholisch, aber nie kitschig, was auch seiner ernsten Herangehensweise geschuldet ist. Seine Kompositionen nutzen ausgiebig unterschiedliche Tempi und Dynamiken?. So zieht die Geschwindigkeit beim ersten Stück des Abends bis zum Höhepunkt kontinuierlich an. Mit Hilfe des Pedals lässt Melnyk die Töne ineinanderfließen und erzeugt so eine Wand aus Klängen die man sonst nur auf Drone-Konzerten erlebt.

Bei dem zweiten Stück des Abends „Butterfly“ treibt er das Zusammenspiel von repetitiven Thema und Melodie auf die Spitze. Das Stück wurde für zwei Pianos geschrieben, die erste Stimme hat er dazu bereits am Nachmittag aufgenommen, auf der Bühne führte er schließlich beide zueinander. Wie vor jedem Stück wendet er sich aber zunächst an das Publikum und versucht die Ideen hinter der Komposition zu vermitteln. „Butterfly“ entstand spontan in einer Hotellobby in Köln. Keiner der gehätzten Gäste habe sein Spiel beachtet, erst einige Kinder waren es, deren Neugier er wecken konnte und die seine Zuhörer wurden. Er nutzt diese Anekdote für eine Kritik an unserer Art zu leben, er verachtet das Digitale, er ist modern und unmodern zugleich.

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Dass es ihm nicht nur um das erzeugen von schönen Klängen geht, sondern dass er mit seiner Musik auch Geschichten erzählen möchte, wird am deutlichsten im letzten Stück des Abends. Die dreiviertelstündige Monsterkomposition „Windmills“ sprengt den Rahmen eines ordinären Konzertabends und übersteigt die Aufmerksamkeitsspanne mancher Zuhörer. Für den Rest bleibt „Windmills“ der Höhepunkt des Abends und höchst wahrscheinlich des Festivals. Melnyk nimmt die Zuschauer mit auf eine transzendentale Reise. Aus der trivialen Geschichte einer Windmühle, die im Sturm zerstört wird und deren Seele anschließend ins Himmelreich aufsteigt, macht er ein eindrucksvolles Lehrstück, dass uns anhält die Schönheit des Alltäglichen zu sehen. Er spielt noch schneller als zuvor und beweist seine Virtuosität. Wobei die Virtuosität immer Mittel zum Zweck bleibt. Nie tritt sie in den Vordergrund vor der eigentlichen Musik.

Nach knapp zwei Stunden inklusive Pause ist Schluss. Lang anhaltender Applaus und stehende Ovationen, des sehr gemischten Publikums, belohnen den außergewöhnlichen Künstler. Obwohl das Jetztmusik Festival immer wieder Pianisten präsentiert hat, schien die Wahl von Melnyk im ersten Moment eigenartig. Man fragte sich ob ein fast siebzigjähriger Komponist, Musik macht, die am Puls der Zeit ist. Auch wenn Melnyk bereits seit 50 Jahren an seiner „Continuous Music“ feilt, so passt sie doch hervorragend zum Selbstverständnis des Festivals. Melnyk reißt die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur ein, zitiert sowohl Twin Peaks als auch John Cage. Seine Kompositionen sind Jetztmusik, weil sie das Jetzt propagieren. Seine Mission ist es sein Publikum aus einem Schlaf zu erwecken und ins „Jetzt“ zu holen.

Text: Paul Ramisch und Lars Sellien, Bilder: Paul Ramisch

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