Kultur Theater

Madame Butterfly – der asiatische Schmetterling umtänzelt die Zuschauer

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In der aktuellen Spielzeit bedient sich das Nationaltheater Mannheim eines wahren Klassikers der Oper: Madame Butterfly von Giacomo Puccini unter der Regie von Wolfgang Blum. Wie wurde die Oper dieses Mal interpretiert und gestaltet? Sehen wir etwas Neues und Modernes oder bleibt der klassische Stil erhalten? Das könnt ihr in folgenden Artikel erfahren.

Die Oper handelt von einer Gegenüberstellung von westlicher und asiatischer Kultur. Dabei kommt ein U.S. Marine in Japan mit seinem Kriegsschiff an und kauft sich eine Geisha als Ehefrau. Für ihn ist das eine lockere Bindung, die er jederzeit wieder abbrechen kann, für sie bedeutet die Ehe alles und sie gibt sich und ihre Kultur vollständig darin auf.

Wie erwartet ist die Eingangshalle vor dem Einlass um 19.30 Uhr prall gefüllt und die Garderobe ausgereizt. Überwiegend sind Menschen der älteren Generation anwesend, doch hier und da blitzt einmal ein türkisfarbener High Heel einer jungen Frau oder ein schickes Jackett eines operninteressierten, jungen Mannes durch. Trotzdem ist die Stimmung keineswegs langweilig. Die Damen und Herren zeigen, was ihre Kleiderschränke zu bieten haben; von Rüschen über alte, große Broschen bis hin zu knalligen Farben und verrückten Musterkombinationen ist alles vorzufinden. Das Aufgebot der Besucher verspricht schon, dass diese Oper etwas Besonderes sein muss. Beim Einlass dann erhält man bereits eine erste Geschmacksprobe des Orchesters, das sich warmspielt. Der musikalische Teil steht dabei unter der Leitung von Alexander Soddy, der die Oper bereits in der Spielzeit 2015/16 in Stockholm begleitete. Nahezu der gesamte Opernsaal ist ausverkauft, sogar die Seitenbalkone sind vollständig besetzt.

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Das Orchester beginnt mit einem stürmischen Auftakt, das Licht wird gedimmt, es findet sich Ruhe bei den Besuchern ein. Der rote, schwere Vorhang öffnet sich langsam und sofort sticht das schlichte und doch auf den Punkt gebrachte Bühnenbild ins Auge. Ein typisches japanisches Haus, wie es sich der der Europäer oder Amerikaner von Innen vorstellt zeigt sich. Durch den Aufstieg im hinteren Teil der Bühne betritt der Darsteller des F.B. Pinkerton – ein Offizier der U.S. Marines – die Bühne. Daneben Goro, der die Geisha zur Hochzeit vermittelt und der amerikanische Konsul, der einem in dem Stück wie das Gewissen des Offiziers erscheint.  Im Hintergrund sieht man in die Weite des Ozeanes und bekommt den Eindruck, man würde selbst am Rande der japanischen Küste zwischen Baumkronen auf diesen hinausblicken. Will Hartmann, der Darsteller der F. B. Pinkerton, vermittelt sofort ein Sinnbild der Männer der westlichen Welt durch seine dunkle Stimme und das extrem selbstbewusste, bestimmende Auftreten des Charakters. Strahlend weiß gekleidet in seiner Marineuniform, mit perfekt liegendem, hellbraunen Haar und Schnauzer macht er ein scheinbar aalglattes, reines und wichtiges Erscheinungsbild daher. Dabei wird er von Goro in sein zukünftiges Zuhause eingewiesen, in dem er mit der Geisha Cio-Cio-San nach der Heirat leben soll. Sie betreten den Vorderteil indem sie Schiebelemente, die den gesamten Bühnenraum von links nach rechts durchziehen, aus dunklen Holzbalken konstruiert, mit milchigem, durchsichtigen Papier bezogen, verschieben und das Bühnenbild dadurch ständig, aber für den Betrachter kaum bewusst, verändern. Ein Bild eines typisch japanischen Hauses entsteht im Kopf des Publikums. Als sie zwei bis drei kleine Stufen von der Erhebung des hinteren Teils nach vorne hinuntersteigen, werden dem Offizier die Diener, die dem Amerikaner demütig und mit gebückter Haltung Respekt zollen, vorgestellt. Sie sind, wie Goro, in traditionelle Gewänder mit gedeckten Farben in dunkelblau und braun gekleidet. Bei dem Vorstellen seiner Dienstleister zeigt Pinkerton kein Feingefühl für die japanische Kultur, geht stattdessen direkt auf diese zu, möchte ihnen gar die Hand geben. Sie weichen erschrocken zurück, was den Zuschauer unvermeidlich in das Mächtegefälle zwischen der westlichen und fernöstlichen Gesellschaft einweist. Die Ansicht des Offiziers wird schnell bei dem gesungenen Gespräch zwischen ihm und dem Konsul klar. Pinkerton ist bloß auf Profit aus ist. „Polygamie“ lautet sein Lebensmotto. Eine Gespielin in Japan, wenn er dort einmal mit der Marine anlegt und andere in den USA, wenn er wieder in die gelobte Heimat zurückkehrt. Denn in Puccinis Japan gilt das Gesetz, dass eine Frau geschieden ist, sobald sie verlassen wird. Für Pinkerton also maximaler Gewinn und minimales Risiko.  Doch nicht nur diese Ansicht ist plump, auch sein Kulturverständnis ist wenig facettenreich. Er empfindet die japanischen Sprichwörter als Geplapper, versteht abgesehen davon die ganze Kultur nicht und bemüht sich auch nicht einmal darum. Er betrachtet Japan als Land, in dem „alles lose ist“ und welches man „ausnutzen und Profit rausschlagen kann“. Zur Überspitzung der Szene spielt das Orchester passend zum Betrinken des unmoralischen Vorhabens durch den Konsul und Pinkerton dann auch noch heroisch die US-amerikanische Nationalhymne, welches der moralisch verwerflichen Situation dann auch erstmal wieder ein lächelndes Schmunzeln verpasst. Nach langem Warten tritt endlich das Objekt der Begierde, das vom Amerikaner bloß unbeholfen „Butterfly“ genannt wird, auf: die Geisha, und somit auch die beabsichtigte Kontrastierung zwischen der westlichen und fernöstlichen Kultur und Gesellschaft. Bereits der Aufgang ist der hundertprozentige Gegensatz zu dem des Marineoffiziers. Langsam, elegant, von ihren Helferinnen im Chor als Backgroundgesang begleitet tritt die in weiß gekleidete und mit Blumen geschmückte Schauspielerin Galina Shesterneva der Cio Cio San oder auch Butterfly auf. Und jetzt beginnt der Tanz und Fall des wunderschönen Schmetterlings.

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Der Amerikaner umgarnt sie mit wunderschönen Worten. Doch mit, für jeden außer ihr, durchschaubar leeren Phrasen. Sie tänzeln zwischen den kleinen Tischchen und Sitzkissen des vorderen Bereichs der Bühne hindurch, wobei Pinkerton immer wieder versucht sie zu berühren und sie es immer wieder schafft, ihn elegant abzuwehren und sich somit rar zu machen. In ihren Gesängen werden auch ihre Beweggründe zur Hochzeit klar. Sie möchte einerseits aus dem Leben der Geisha heraus und redet sich selbst naiv die Liebe zu ihm ein, singt sogar davon „ihre Familie zu vergessen, um ihn glücklich zu machen“. Nach und nach hat sich während der Szene die Bühne mit Familienmitgliedern in bunten Gewändern und Standesbeamten gefüllt. Die zwei Hauptdarsteller werden durch die geschickt eingesetzten Trennwände von der Gesellschaft separiert und stehen jetzt alleine im Vordergrund.  Der Eindruck entsteht, man dürfe die ganz privaten Gespräche der beiden belauschen, während die Gesellschaft schemenhaft sichtbar durch die Wände vor diesen verschlossen bleibt. Schnell folgt dann die Hochzeit, welche sachlich, zweckmäßig kurz und unspektakulär abgehalten wird. Alle scheinen glücklich und zufrieden, bis der dramatische Auftritt des Onkels Bonze folgt. In schwarz gekleidet, mit dramatischer, schicksalsschwerer Musik begleitet, verbannt er seine Nichte aus der Familie, prangert sie als Verräterin an, da sie ihren Glauben verwirft und ihre Kultur im Stich lässt. Dynamik entsteht auf der Bühne, die Hochzeitsgäste fliehen bei dem Auftritt fluchtartig und ängstlich in eine Ecke, verlassen dann die Bühne und wie auf Befehl lassen sie die betroffene Geisha im Stich, welche nun davon singt, verstoßen und doch glücklich zu sein um sich selbst zu trösten. Ein langes Hin und Her zwischen den beiden Figuren entsteht. Pinkerton tröstet und umgarnt sie, um endlich sein Ziel dieser Hochzeit zu erreichen, die Hochzeitsnacht. Dagegen singt sie von Gefühlen, ist scheinbar verletzt und moralisch hin und hergerissen. Doch letzten Endes, wie sollte es anders sein, bekommt der Amerikaner seinen Willen und fängt den Schmetterling ein…

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Währen dieses gesamten spannenden, dynamischen Aktes, was auch der umbaubaren, flexiblen Kulisse zu verdanken ist, trägt die Lichtgestaltung unter der Leitung von Alfred Pape einen Großteil zum Effekt der Visualisierung der Geschichte und den Sturz der japanischen Frau bei. Über den gesamten Zeitraum wird das Licht in minimal, für den Zuschauer kaum auffälligen Schritten, immer weiter gedimmt. Es wird dunkler und dunkler, was die Handlung und die moralische Entwicklung im Stück wiederspiegelt. Durch die Schatten der dunklen Balken der Schiebewände und der Tischchen wird das Bühnenbild immer plastischer und komplexer, genauso wie die Charaktere immer greifbarer und das Schicksal von Cio Cio San immer realer für den Zuschauer erscheinen.  Nach einer kurzen Pause dann erscheint die ehemalige Geisha vollständig verändert mit offenen Haaren, in einem helltürkisen, knielangen, westlich angehauchten Kleid und Absatzschuhen. Eine 180°-Drehung der Figur. Sie hat ihre Familie wie versprochen vergessen und ihrer Kultur den Rücken gekehrt. Die einzige, die noch zu ihr hält, ist ihre persönliche Dienerin Suzuki, welche immer noch traditionell gekleidet ist und ab jetzt bis zum Ende ständig als Schatten der Hauptdarstellerin auf der Bühne umherschleicht. Sie entpuppt sich, wenn man nach dem Applaus gehen darf, als wahrer Publikumsliebling, was sie ihrer besonders erfrischenden, hellen Stimme zu verdanken hat. Das zerrüttete Innere von Cio Cio San wird durch einen Streit der beiden Frauen aufgezeigt. Denn seitdem das Schiff des Ehegatten vor drei Jahren wieder von der japanischen Küste ablegte und sie somit verlassen und geschieden wurde, war er nicht mehr bei ihr. Da sie sich selbst aber mittlerweile als Amerikanerin sieht, akzeptiert sie das Recht ihrer nun fernen Kultur nichtmehr und wartet sehnsuchtsvoll auf ihn. Suzuki versucht dabei wiederholt ihr die Augen zu öffnen und wird zu Boden gestoßen, während Cio Cio San immer wieder zusammenbricht und sich erneut aufrichtet; physisch wie auch psychisch. Ein Schockmoment sollte dann das Erscheinen eines Kindes sein, von dem Pinkerton nichts weiß. Zwischen all dem ersthaften und moralischen Schauspiel, erscheint der Auftritt des ein wenig überfordert wirkenden Kindes im Schlafanzug etwas lächerlich und kann nicht mit dem gleichen ernsthaften Auge wie bei dem vorlaufenden Handlungsstrang betrachtet werden. Das Warten auf den Ehemann stellt sich dann leider allerdings auch als Warten für das Publikum heraus. Eine Szene, in der das Orchester die Chance nutzt und ein Solo hinlegt, zeigt nur wie Suzuki, das Kind und Cio Cio San auf das Meer herausstarren und zieht sich gefühlt mindestens zehn Minuten lang hin. Endlich kehrt Pinkerton mit seinem Schiff zurück und man beginnt doch fast an ein Happy End zu glauben. Doch der Konsul war schon vorher da und bereitet Suzuki bereits auf das schwere Schicksal der ehemaligen Geisha vor. Denn keinesfalls möchte F. B. Pinkerton zu seiner japanischen Frau zurückkehren, sondern mit seiner neuen Frau aus den USA sein Kind abholen kommen und es ihr wegnehmen. Als ihm das auch gelingt unter scheinheiliger Beteuerung seiner Reue, geht Cio Cio San zu einem kleinen japanisch verzierten Holzschränkchen, das sich von Anfang an, kaum der Beachtung wert, am rechten Rand der Bühne befindet und als Sinnbild für das von vorneherein bestimmte Schicksal der japanischen Frau steht und nimmt ein Messer heraus. Ein kurzer Schockmoment entsteht, als sie das Kind an sich reißt, der dieses Mal sehr gut gelingt. Wird sie das Kind umbringen, damit seine neue Frau es nicht bekommt? Möchte sie damit Rache an dem Amerikaner verüben? Bis sie letzten Endes das Kind frei lässt und sich selbst in einer kurzen und abrupten Bewegung erdolcht. Zum Ende zeigt das Orchester wieder einmal seine Wandelbarkeit im Stück und begleitet die Abschlussszene durch japanische angehauchte Töne. Dieses Mal klatscht das Publikum berauschter, Standing Ovations gibt es keine. Die Schauspieler treten noch einmal voller Stolz auf die Bühne, verbeugen sich und der Dirigent, der wirklich nur so strotzt vor Stolz und Freude, verzaubert von der Bühne aus durch eine Handbewegung á la Harry Potter mit seinem Taktstock das Orchester und zollt ihm seinen Respekt.

Puccinis Oper wurde im NTM im Vergleich zu anderen Inszenierungen sehr klassisch aufgeführt, was dem Zuschauer die Geschichte der jungen Geisha gut zugänglich machte. Allerdings wurden die Hoffnungen aus dem dynamischen und kontrastreichen ersten Akt im zweiten Akt ein wenig enttäuscht. Ein bisschen mehr Zauber durch die Persönlichkeit der Geisha und ihrer zugehörigen japanischen Welt hätten sich alle sicherlich sehr gewünscht.

Text: Alischa Thomas, Fotos: NTM (c) Hans Jörg Michel

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