Kultur Musik

„Man hört sich die Stücke an und dann passiert etwas“

Das Jetztmusik Festival geht diesen Monat in die 12. Runde. Wir haben uns mit Dennis Borlein und Alex Henninger, zwei der Veranstalter, auf einen Kaffee getroffen und uns mit ihnen unterhalten. Darüber was das Festival besonders macht, welche Idee dahinter steht und wie sie entscheiden, wer ins Line-Up passt.

Unimagazin: Möchtet ihr euch vielleicht kurz vorstellen? Wer macht was?

Dennis: Ja klar. Wir sind zu dritt. Patrick, Alex und ich und wir haben das Jetztmusik Festival 2014 übernommen, sind also nicht von Anfang an dabei. Davor hat das Cosmopop gemacht, die auch die Time Warp machen. Es hat zwar jeder so seine Kernaufgaben, aber es macht auch jeder ein bisschen alles. Patrick und ich machen das Programm, Alex hauptsächlich Presse, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit. Die Finanzen machen Alex und Patrick zusammen. Alles was sonst an kleineren Sachen anliegt wird aufgeteilt.

Alex: Ja, es hat zwar jeder seinen Aufgabenbereich, aber das ist jetzt nicht komplett klar strukturiert. Wir sind alle voll berufstätig und da guckt man dann natürlich, dass man auch mal füreinander einspringt.

U: Das heißt ihr macht das Festival jetzt 5 Jahre lang. Ist da trotzdem noch Spannung da so kurz davor?

D: Ja klar, total! Immer mehr sogar.

U: Steigen die Ansprüche jedes Jahr?

D: Ja, man will es natürlich jedes Mal besser machen und noch einen drauf setzen und auch mehr Leute für sich gewinnen.

U: Welche Idee steht hinter dem Festival?

A: Wir möchten mit dem Festival Acts nach Mannheim bringen, die vielleicht sonst nicht herkommen würden. Wir möchten die Mannheimer Kultur beleben und den Leuten, die hier studieren und leben die Möglichkeit geben Acts zu erleben, die sie beispielsweise sonst nur in Berlin oder Hamburg zu sehen bekommen würden. Natürlich machen wir das Festival auch ein bisschen für uns selbst, aber wir sind überzeugt, dass es Potenzial hat und wollen anderen Leuten einfach ein geiles Festival vor Ort ermöglichen.

D: Die Idee ist ein Schnittstellenfestival. Der Ausgangspunkt ist und war immer die elektronische Musik und dann wird geschaut wo es Überschneidungen zu Tanz, Film, Literatur und Kunst gibt. Es ist ein echt hoher Anspruch an ein Festival das alles abzudecken und überall gut zu sein.

U: Habt ihr ein Highlight der letzten Jahre?

D: Viele!

A: (Überlegt) Was wirklich den Zahn der Zeit getroffen hat und mir auch von der Atmosphäre her in Erinnerung geblieben ist, war in unserem ersten Jahr das Nils Frahm Konzert in der Christuskirche. Nils Frahm ist heute eine richtig große Nummer geworden, spielt dieses Jahr auf dem Maifeld Derby freitags als Hauptact oder auch Dean Blunt. Da weiß man dann, dass man richtig lag und am Zahn der Zeit oder sogar davor lag.

U: Irgendwas das mal total nach hinten losging?

D: Über die Sachen redet man ja nie so gerne und die vergisst man ganz schnell (lacht).

A: So richtig nach hinten los ging bis jetzt eigentlich nichts. Klar, wenn kurz vor dem Konzert die Technik Probleme macht und die Leute schon in der Schlange stehen, dann verschiebt sich alles ein bisschen nach hinten. Oder bei Dean Blunt in der Stadtgalerie mit lauter Anwohnern rundherum. Da sind in der Tiefgarage von den Bässen komplett die Alarmanlagen der Autos angegangen beim Soundcheck, überall sind die Fenster der Wohnungen aufgegangen und der Putz kam von der Decke. Bei zwei Stunden Soundcheck und einem Konzert danach an einem Sonntagabend hofft man schon, dass jetzt niemand die Polizei ruft und das Konzert abgebrochen wird. Aber es hat sich bis jetzt immer alles zum Positiven gewandt.

U: Es gibt unzählige Festivals in Deutschland. Wie ordnet ihr das Jetztmusik Festival in die deutsche Festivallandschaft ein?

D: Schwer zu sagen, wir sind schon sehr speziell was die Inhalte angeht. Wir sehen uns so ein bisschen in die Richtung von so Festivals wie das CTM in Berlin mit Anschluss an die Popkultur.

A: Wir sind ein Nischenfestival und bedienen nicht die breite Masse und sind auch nicht radiokompatibel.

U: Das ist auch gar nicht euer Anspruch?

A: Nein, wir wollen diese Nische bedienen und suchen auch nach Künstlern, die unbekannter sind aber mit dem was sie machen erfolgreich und gut. Eben auch experimenteller.

D: Die auch der Zeit voraus sind und Ideen haben, die noch nicht so verbreitet sind.

A: Jetzt quasi.

D: Jetzt!

 

U: Wie lange braucht ihr um das Festival auf die Beine zu stellen? Oder arbeitet ihr tatsächlich kontinuierlich daran?

D: Ja eigentlich arbeitet man wirklich kontinuierlich daran. Es hat sich in den letzten Jahren schon herauskristallisiert, dass man sich schon ständig damit beschäftigen muss. Mit Musik beschäftigt man sich ja eh und da kommen dann schon immer wieder Ideen auf.

U: Also wenn das eine Festival steht denkt man direkt wieder ans nächste Jahr?

D: Ja, zum Beispiel hat man einen Künstler gerade entdeckt, man schafft es aber nicht sie/ihn in das diesjährige Festival einzubauen, muss man ihn/sie also fürs nächste Jahr auf der Kette behalten.

U: So experimentelle Programmpunkte wie das Shackleton-Konzert oder das Eartheater-Konzert bergen ja auch ein gewisses Risiko. Was ist eure Motivation das trotzdem zu wagen?

D: Es sind interessante künstlerische Ansätze und Ideen und wir möchten mit dem Jetztmusik Festival denen eine Plattform bieten. Wie gesagt, es ist ziemlich schwierig in Deutschland außerhalb der Metropolen Platz dafür zu finden.

A: Auch auf die Locations bezogen. Das Eartheater-Konzert war ja in der Bank of America, das ja nicht für so ein Konzert gedacht war und jetzt auch abgerissen wurde. Wir möchten einen Künstler, eine Künstlerin mit einer Location in Verbindung bringen und etwas Besonderes daraus machen. Carla dal Forno, Eartheater und Elysia Crampton, das war weit draußen, parallel dazu das Hafenfestival. Klar geht man da ein Risiko ein, aber wir machen das ja auch für uns und die Künstler und möchten etwas Positives daraus ziehen.

U: Wieso ausgerechnet Mannheim?

D: Wir kommen ja alle aus der Umgebung Mannheim und wir hatten hier die Möglichkeit. Die Connection nach Mannheim gab es schon immer.

A: Man hat hier seine Wuzeln, seine Freunde. Als Heidelberger ist man ja auch oft in Mannheim für Konzerte und so weiter. Kulturell hat Mannheim ja schon einiges zu bieten. Das Festival bestand ja auch schon in Mannheim und wir wollten das auch hier behalten und nicht nach Heidelberg oder Ludwigshafen abwandern, sondern haben gesagt es ist ein Mannheimer Festival und wir bleiben auch in Mannheim.

U: Wie passt jemand wie Yung Hurn in euer Konzept?

D: Das haben wir uns auch gefragt (lacht). Eigentlich passt es schon sehr gut vom künstlerischen Anspruch den wir haben. Da gehen ja die Meinungen schon weit auseinander, ob das jetzt Kunst ist oder was der überhaupt macht. Selbst bei uns im Team. Aber sein Ansatz ist interessant. Er hat eine eigene Art und Sprache entwickelt, was man davor nicht so wahrgenommen hat und mit seiner Musik, Ausdrucksform und dem ganzen Kollektiv Live From Earth einen Nerv der Zeit getroffen. Man hat das Gefühl da passiert irgendwie etwas total Spannendes. Man weiß nicht genau: Was machen die überhaupt? Ist es Rap?- Irgendwie nicht. Ist es elektronische Musik? Und diesen Ansatz und das Phänomen darum herum finden wir interessant, deswegen passt das auch ins Festival.

A: Und wir haben ja nicht nur Yung Hurn an dem Abend, sondern im Nationaltheater ein ganzes Live From Earth Showcase. Da sind dann auch DJs dabei, die wieder etwas ganz anderes machen.

D: Was die alles abdecken spiegelt auch die Idee des Festivals wider. Es geht nicht nur um die Musik, es geht auch um das grafische Auftreten. Man sieht es ja auch am Anklang den diese ganze Gang hat.

A: Man sieht es auch daran, dass das Konzert direkt ausverkauft war im Dezember. Da hat man schon etwas richtig gemacht. Es wäre schön, wenn die Leute dadurch nicht nur auf das Yung Hurn Konzert aufmerksam werden, sondern sehen, dass das im Rahmen des Festivals stattfindet und fragen, was es da noch für Acts gibt. Aber ich glaube, da hat man keinen Einfluss.

D: Stimmt, aber wenn man so jemanden im Line-Up hat ist es natürlich für das ganze Festival eine gute Sache.

Yung Hurn

U: Midori Takada, Lea Bertucci, Yung Hurn, Gabber Eleganza. Das ist ein ziemliches Kontrastprogramm. Wie bringt man das zusammen? Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

 A: Das ist Jetztmusik. Das Jetzt. Nicht nur Klassik, nicht nur elektronisch, Rap oder Techno, sondern eine Mischung aus allem und, so wie wir mit der Grafik auch jedes Jahr neu voranschreiten, wollen wir jedes Jahr neue musikalische Ansätze finden. Ein Kontrast in der Musik heißt ja nichts Negatives. Wir wollen auch nicht nur eine Linie verfolgen, wir sind ja ein Schnittstellenfestival. Gerade in der Musik gibt es so viele verschiedene Stile, dass wir sagen, wir sind nicht rein elektronisch oder auf Techno ausgelegt, sondern suchen Gemeinsamkeiten nicht nur mit Hoch- oder Popkultur. Wir möchten im Booking ein breites Spektrum anbieten und Schnittstellen finden.

U: Das Festival ist ja, wie ihr selbst sagt, sehr interdisziplinär. Es geht nicht nur um Musik sondern eben auch um Grafik, Tanz, Kunst. Wie schafft ihr es da die Balance zu finden?

D: Wir sehen uns schon in erster Linie als Musikfestival. Da wo es Schnittpunkte gibt und an andere Kunstformen angeknüpft wird, soll es schon zu uns passen. Wir wollen keine random Kunstaustellung, nur um eine zu haben. Wir achten da schon darauf, dass wir nicht zu sehr von der Grundidee abweichen. Zum Beispiel die 01- Katalog-Ausstellung der Public Possession Jungs dieses Jahr. Die kennen wir schon ganz lange und die haben schon früh bei uns aufgelegt.

U: Was findet ihr an solchen Künstlern wir Midori Takada und Masayoshi Fujita so faszinierend? Die arbeiten ja auch viel mit traditionellen Klängen.

D: (Überlegt) Ich glaube man hört sich die Stücke an und dann passiert etwas und wenn was passiert ist es gut, funktioniert und es passt ins Festival und es muss den anderen Leuten doch auch auffallen. Als ich die Aufnahmen von Lea Bertucci angehört habe, war das sehr spannend für mich. Ich fragte mich: Wie entstehen diese Klänge und wie setzt sie das so zusammen? Dann beschäftigt man sich damit und merkt: Sie spielt zwar Saxophon, aber das ist ja kein klassisches Saxophon spielen. Man erkennt teilweise in manchen Stücken überhaupt nicht mehr, wie die Klänge entstehen.

A: Das wird verzerrt.

D: Genau, das wird verzerrt und daraus entsteht wieder etwas Neues.  Das will man versuchen mehr Leuten zugänglich zu machen. Das ist das Spannende daran.

Midori Takada

 

U: Was ist eure Zukunftsvision fürs Festival? Was wünscht ihr euch?

A: Naja wir haben erst einmal einen Umbruch für die Festivalorganisation. Wir werden nur noch alle 2 Jahre am Start sein und wechseln uns mit der B-Seite Jetztkultur ab.

Wir wünschen uns aber trotzdem immer noch, wahrgenommen zu werden hier in Mannheim. Vielleicht auch von einem bisschen jüngeren Zielpublikum. Dass die realisieren, dass es coole Konzerte und coole Acts hier in Mannheim gibt und dass wir international und national weiterkommen und noch mehr Anerkennung gewinnen. Das gelingt uns zwar schon in den letzten 5 Jahren, aber es braucht eben Zeit sich zu etablieren. Da wollen wir anknüpfen.

D: Ja genau. Wir machen auf alle Fälle weiter und hoffen, dass Mannheim das auch realisiert und sich wünscht, dass solche Musik hier in Mannheim stattfinden kann.

 

 

Text: Ellen Fritzenschaft

Fotos zu Verfügung gestellt von Henninger, Forgacs & Borlein GbR

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