Film Kultur

Mannheim – Neurosen zwischen Rhein und Neckar

Ein regnerischer Dienstagabend in Mannheim. Wir haben uns im Cinemaxx in M7 eingefunden, um uns von „dem Mannheim Film“ zu überzeugen. Schon Monate im Voraus hatte man von dem Start der Komödie gehört und in der Presse immer wieder von diesem einzigartigen Projekt gelesen. Ein Film über Mannheim, finanziert durch das Crowdfunding von etwa 200 Personen.
Seit dem 5. Mai 2016 ist er nun endlich im Kino und läuft hier im Cinemaxx fünfmal pro Tag.
Der Kinosaal ist halbgefüllt. Das Publikum ist bunt gemischt, der Anteil an jüngeren Besuchern ist aber deutlich geringer. Es wird dunkel. Der Film fängt an.

Was braucht man alles, um einen Film über unsere liebenswerte (Wahl-)Heimat Mannheim sehenswert zu machen? Richtig: Typische Orte und Plätze, Personen mit Monnemer Dialekt und am besten noch ein bisschen Liebe. Genau das haben sich Produzent Andrew van Scoter und Drehbuchschreiber Daniel Morawek auch gedacht und so entstand ein Film, der uns das Leben dreier Protagonisten in unserer Quadratestadt näherbringen soll. Enzo, Peter und Mike spielen zusammen in einer von Erfolglosigkeit geplagten Blues-Band, die den Stadtdialekt mit alteingesessenen Rhythmen zu kombinieren versucht. Jeder Einzelne hat allerdings mit eigenen Problemen zu kämpfen; sei es Enzo, der als Autor bisher noch kein Buch fertig gestellt hat und dem die Liebe regelmäßig vor der Nase wegläuft, oder Kaffeeliebhaber Peter, der nicht bereit ist, über den Tellerrand zu blicken und zu erkennen, dass es noch eine Welt außerhalb von Mannheim und seiner Musik gibt oder zu guter Letzt Mike, der vergeblich versucht, mit seiner Freundin eine Familie zu gründen. Erst als die fesche Aylin, natürlich ebenso Sängerin mit eigener Band, in ihr Leben tritt, beginnen die Drei, über ihre Neurosen (siehe Titel) nachzudenken. Höhepunkt des Films ist der im Chaos endende Auftritt der Freunde auf einer Vernissage, den Peter jedoch nur durch Schummelei der Band von Aylin abgeluchst hatte. Am Ende klärt sich natürlich alles auf und die einzelnen Charaktere beginnen, ihr Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Enzo, Mike und Peter nach ihrem erfolgreichen Auftritt vor etwa fünf Besuchern im Café der Alten Feuerwache.

Enzo, Mike und Peter nach ihrem erfolgreichen Auftritt vor etwa fünf Besuchern im Café der Alten Feuerwache.

In der ersten Szene des Films hört man Enzo von einer besonderen Stadt sprechen: Mannheim. Er erzeugt ein sehr poetisches Bild, durch das auch fremde Zuschauer zu verstehen beginnen können, warum es sich wohl lohnt eine Geschichte über diese Stadt zu erzählen. Das Konzept geht auf. Bei jedem Bild aus Mannheim geht ein Raunen durch das heimische Publikum: Das kenne man ja und ach, da wohne man ja ganz in der Nähe, wie toll.
Ein starker Anfang, doch dann beginnt die Handlung und dieses besondere Bild von Mannheim tritt immer weiter zurück in den Hintergrund des Films. Die Stadt ist zwar Handlungsort aller Szenen, verliert aber immer mehr ihre besondere Rolle.
Klar, einige auftauchenden Charaktere sprechen den Monnemerischen Dialekt, die Handlung spielt an besonderen Orten in Mannheim – Popakademie, Wasserturm, Alte Feuerwache, usw. -, der multikulturelle Charakter der Stadt und die wichtige Rolle der Musikkultur werden deutlich. Aber reicht das?
Am ehesten gibt die Handlung des Films noch ein Bild von Mannheim wieder, das eine 40+ Generation von der Stadt haben könnte. Es werden Blues-Rocklieder über den Mannheimer Dreck gesungen und die konkurrierende junge, freshe Band von der Popakademie heißt „Deine Mudda steckt den Kop in Top“ – „ach diese jungen Leute und ihre Jungendsprache, hi hi hi“ – und besingt in ihren Liedern, bestehend aus – natürlich – Electro-Sounds, wie geil es ist zu feiern und Spaß zu haben (es gibt ja auch sonst nicht viel mehr im Leben von jungen Menschen).

Aylin bei ihrem Auftritt mit der Band „Deine Mudda steckt den Kop in Top“ in der Mannheimer Popakademie

Aylin bei ihrem Auftritt mit der Band „Deine Mudda steckt den Kop in Top“ in der Mannheimer Popakademie

Schon in der Mitte des Films hat man dann das Gefühl, man befindet sich in einem dieser Tatorte, über die sich ganz Deutschland am Sonntagabend in Echtzeit auf Twitter belustigt, weil der seltsame Dialekt der Figuren und die platte Handlung überhaupt nicht stimmig ist, nur das es hier keine Krimihandlung gibt.
Eigentlich erzählt „Mannheim – Neurosen zwischen Rhein und Neckar“ allgemein eine Geschichte über das Leben in der Großstadt. Mit nur wenigen Anpassungen im Drehbuch ließe sich die Handlung, vielleicht die Anfangs- und Schlusssequenz noch ausgenommen, getrost auch auf deutsche Städte, wie München, Hamburg, Stuttgart, oder sogar auf – Achtung – Ludwigshafen übertragen. Einfach weil der Film größtenteils von drei Freunden, der Liebe und ihren Erlebnissen in ihrem – im Vergleich zu einer ganzen Stadt – sehr kleinen Umfeld handelt, wird Mannheim lediglich zu einer örtlichen Hülle der Handlung degradiert.

Mannheimer Nachtromantik am Neckar

Mannheimer Nachtromantik am Neckar

Was den Unterhaltungsfaktor angeht, so bleibt der ganze Film auf dem Niveau einer ARD-Mittwochabend-Schmunzel-Komödie. Nichts ist wirklich neu. Alle lustigen Stellen hat man so oder so ähnlich schon in zig anderen Filmen gesehen.
Beispielsweise eine Szene, in der sich Mike bei einem Urologen untersuchen lässt, ob er zeugungsfähig ist. Dazu wird eine Spermaprobe benötigt und eine Angestellte in der Praxis überreicht ihm einen Becher. Er schaut etwas irritiert auf das Behältnis und sie antwortet ihm darauf, dass, nur, weil da ein Strich an dem Becher wäre –ha ha ha -, müsse er ihn nicht bis dorthin auffüllen – hi hi hi.
Die größte – wahrscheinlich unfreiwillige – Pointe in der Handlung aber ist, dass die Band von Enzo, Mike und Peter eigentlich noch ein viertes Mitglied hat. Einen namenlosen Schlagzeuger, der nur bei den Auftritten der Gruppe und in einigen Szenen im Proberaum still hinter seinem Instrument sitzt und spielt. In dem gesamten Film spricht er nicht ein einziges Wort. Er scheint, obwohl er in der gleichen Band spielt, irgendwie nicht zu den dreien dazuzugehören und ist noch nicht mal dabei, als die Band nach einem Auftritt noch gemeinsam ein Bier an der Bar trinkt. Sehr skurril.

Mike präsentiert sein Shirt im Mannheimer Plattenladen „Come Back“

Mike präsentiert sein Shirt im Mannheimer Plattenladen „Come Back“

Wir verlassen das Kino, überlegen, was wir nun von diesem Film halten sollen. Heraus kommt dann dieser Artikel.
Es ist ein bisschen schade über den Mannheim Film so kritisch zu schreiben, weil seine Grundidee, eine Geschichte über eine Stadt zu erzählen, die die Menschen, die in ihr leben prägt und beeinflusst, sehr schön ist. Leider hat sich diese Idee aber nicht auf uns übertragen können.
Für echte Mannheimer ist dieser Film sicher trotzdem gut anzusehen. Ihre Stadt wird optisch schön in Szene gesetzt. Immer wieder sind weltstädtisch anmutende Großstadtbilder zu sehen, die vielleicht sogar an Manhattan erinnern könnten – Zitat Peter: „Monnem ist wie Manhattan, nur flacher.“
Man sieht jedem Bild auf der Leinwand an, dass sich viele Menschen sehr viel Mühe gemacht haben, etwas zu erzeugen, was groß aussieht und mithalten kann mit vielen deutschen Blockbuster Produktionen für das Kino. Und das ist der Mannheimer Produktionsfirma „Van Scoter Film“, der wahrscheinlich ein vergleichsweise sehr geringes Budget zur Verfügung stand, visuell super gelungen. Nur leider schwächelt das Gesamtkonzept an vielen Stellen und die Story überzeugt an vielen Stellen auch nicht. Schade.

Text: Marie Amberg und Matthias Mohler

Bilder: (c) Barnsteiner Film

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