Comedy Kultur

„Monnem, isch lieb disch!“

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Nichts repräsentiert die Individualität Mannheims wohl besser als ein Türke mit langen Haaren und Monnemer Dialekt, der auch noch Humor hat und über sich selbst lachen kann. So vielseitig wie unsere Quadratestadt ist auch er: Bülent Ceylan. Am Wochenende war er mit seinem Programm „KRONK“ in der SAP-Arena zu Gast, in welchem er dem ein oder anderen den Spiegel vor die Nase hielt.

Es ist 19 Uhr, das Licht wird gedimmt, die fast 10 000 Zuschauer blicken gespannt auf die Bühne. Ein junger Mann, schwarz gekleidet, betritt die Bühne. Er beginnt zu rappen, aber nicht den dunklen Deutschrap, den sich die meisten inzwischen unter dem Genre vorstellen, sondern politische, intellektuelle Texte, verbunden mit eingängigen Beats. Cossu ist im Team von Bülent Ceylan und arbeitet eigentlich an seinem Merch-Stand. Der Lehramtsstudent ist Newcomer und darf heute gleichzeitig das Vorprogramm für diesen Comedy-Abend gestalten. In seinem letzten Lied kündigt er den Künstler des Abends an: „den Türk“.

Dieser kommt wenige Minuten wortwörtlich „kronk“ auf die Bühne, gefesselt in einer Zwangsjacke, die ihm ein, als Arzt verkleideter, Mann abnimmt. Funken sprühen, Explosionen zünden, harte E-Gitarrenklänge dröhnen aus den Boxen. Ein gewaltiger Auftritt. Zwischenzeitlich wuseln noch Einweiser in den Reihen herum und suchen nach freien Plätzen für Personen, die es nicht pünktlich geschafft haben.  Ein Blick in die Halle verrät, dass die Show restlos ausverkauft ist und das hört man auch. Laute Schreie und tobender Applaus ertönen, als Bülent Ceylan, der 41-jähriger Mannheimer mit türkischen Wurzeln, die Bühne betritt. Nach einer kurzen Begrüßung stellt er seinen persönlichen Star des Abends vor: seine Mutter. Sie ist zur Feier des Tages zu Besuch und schaut sich heute auch die Show an.

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Dann beginnt das Programm, in dem Ceylan gleich zu Anfang deutlich macht, was viele Comedians nicht können: Witze über anderen Personen machen, aber gleichzeitig auch – und das ist die Königsdisziplin – über sich selbst. So nimmt er jede mögliche Nationalität ins Visier; Griechen, Österreicher, Italiener, Schweizer, Türken, Deutsche, Polen, Franzosen und noch viele mehr. Natürlich dürfen auch die Witze über Heidelberg und Ludwigshafen nicht zu kurz kommen, was wohl jeder waschechte Mannheimer gerne hört. Nicht vergessen werden auch die aktuellen Themen, die er geschickt in lustige Anekdoten aus seinem Leben packt. So wurde er von einem jungen Journalisten gefragt, ob er Türke oder Flüchtling sei. Seine Antwort: „Ich bin Monnemer, du Luftbumb!“. Klare Worte, die er gleich darauf damit ergänzt, dass alle in seinem Programm willkommen sind, egal woher sie kommen. Sein persönliches Zeichen gegen Rassismus.

So vielschichtig, wie das Programm beginnt, verläuft auch der Mittelteil. In diesem schlüpft Bülent in seine altbekannten Rollen: Harald, den etwas zurückgebliebene Jungen; Anneliese, die zickige Dame; Hassan, der selbstverliebte Türke und Mompfred, Hausmeister und Hypochonder. Dabei erzählt er verschiedene Geschichten, die seinen Figuren seit dem letzten Bühnenprogramm erlebt haben. So traf sich Harald mit einer Veganerin, die ihm die Grundlagen des fleischlosen Lebensstils vermittelte. Peinlich nur, dass nicht Bülent, bzw. Harald, bei dieser Geschichte die beste Pointe parat hat. So lautet seine rethorische Frage an das Publikum: „Wisst ihr was ein veganes Verhütungsmittel ist?“ Spontan ertönt die Antwort einer jungen Zuschauerin aus den ersten Reihen: „Runnerschlucken.“ Da verliert selbst Bülent die Fassung, fällt aus der Bühnenfigur und muss eingestehen, dass seine finale Pointe – „Da steckt kein Tier drin“ – nicht so gut ist.

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Während seiner Show zeigt der gebürtige Mannheimer immer wieder, wie sympathisch auch Stars sein können. Neben den herzlichen Interaktionen mit dem Publikum, erzählte er von seinen eigenen Marotten, erklärte sich selbst zum Nutellaliebhaber und berichtete von privaten Einkaufstouren im Supermarkt. Auch das oftmals vorhandene Verbot Fotos zu schießen, setzte er zur Freude seiner Fans an diesem Abend aus, „schließlich habt ihr dafür bezahlt, dann dürft ihr gefälligst auch Fotos machen!“.

Höhepunkt des Abends war jedoch für drei glückliche Personen aus dem Publikum der Schluss. Sie dürfen zu Bülent Ceylan auf die Bühne kommen und in die Rollen Harald, Hassan und Anneliese schlüpfen. Die sechsjährige Jana soll im Haraldkostüm den Satz „Bisch du bled, du Luftbumb?“ nachsprechen, antwortet aber ganz keck stattdessen mit „Ja!“ und bringt damit den erfahrenen Comedian ein weiteres Mal an diesem Abend dazu, die Fassung zu verlieren.

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Soweit, so lustig. Enden soll das Bühnenprogramm von Bülent Ceylan aber nicht mit einer großen Schlusspointe und Feuerwerk-Explosionen, sondern mit einem emotionalen Balladen-Song und Musikantenstadel-Optik. Ganz ohne Ironie erzählt der Humorkünstler über eine Stiftung, die er gegründet hat, um benachteiligten Kindern in Deutschland zu helfen. Es folgt ein persönlicher Song von ihm zu diesem Thema. Auf angehauchte Rockklänge in Unheilig-Manier singt der langhaarige Mannheimer mit tiefer Stimme im Refrain: „Nimm ein Kind an die Hand“. Soziales Engagement hin oder her, man bekommt auf einmal das Gefühl, man sitzt im falschen Film. Der Typ, der gerade eben noch in einer mittelmäßigen Hitler-Parodie in sein Mikrofon geschrien hat, singt auf einmal, mit offenen Haaren und ein Mikrofonstativ streichelnd, emotional darüber, Kinder an die Hand zu nehmen, während sich von oben ein bunter Konfettiregen über das Publikum ergießt. Fehlt nur noch die Windmaschine.

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Das ist ganz nahe an einem Matthias Schweighöfer, der nach jahrelanger Schauspielkarriere plötzlich durch Pop-Songs mit Ikea-Katalog-Texten ernst genommen werden will. Funktioniert nicht so wirklich. Sehnsüchtig wartet man auf den humorvollen Bruch in der Darbietung. Der bleibt aber aus. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Das Publikum in der SAP-Arena scheint das nicht weiter zu stören. Begeistert spendet es Standing-Ovations und klatscht im Takt. Nach langem Applaus verabschiedet sich Bülent Ceylan schließlich mit den Worten: „Monnem, isch lieb disch!“

 

Text: Marie Amberg, Matthias Mohler

Bilder: Matthias Mohler

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