Eine Debatte über den nachhaltigen Wert von Musik im Kontext einer immer schnelllebigeren Musikindustrie.

„Das Problem bei so einer Schnellproduktion ist, dass sie auch genauso schnell vergessen ist“. Diese These stellte der Maler Daniel Richter während einem vom INDIE Magazine arrangierten Treffen mit dem Wiener Musiker Yung Hurn auf und schickte gleich hinterher: „Eine Tütensuppe macht dich satt. Aber eine vernünftig zubereitete Mahlzeit macht dich auch satt und schmeckt komplexer und geiler“. Womöglich war das Statement als provokante Antwort auf Yung Hurns Aussage in einem Arte Tracks-Bericht von 2015 gedacht. Der Österreicher behauptete dort: „Wenn ein Text bei mir mehr als zehn Minuten zum Schreiben braucht, ist er meistens schon viel zu durchdacht und auch gar nicht mehr gut.“ Die Meinungsverschiedenheit entpuppt sich als eine legitime Diskussionsgrundlage über den nachhaltigen Wert musikalischer Werke im Kontext einer immer schnelllebigeren Musikindustrie.

Doch bevor wir uns der unendlichen Diskussion über Wert, Sinn und Qualität von Musik und Kunst widmen, bedarf es zunächst der Betrachtung einer zentralen Frage der Debatte: Welche Entwicklungen machen es überhaupt erst möglich, dass ein Song in so kurzer Zeit geschrieben, produziert und veröffentlicht werden kann?

Digitalisierung = Demokratisierung?

Rein nüchtern betrachtet ist die Musik nichts anderes als ein Teil der Wertschöpfungskette einer riesigen kapitalgenerierenden Maschinerie. Doch eine zentrale Entwicklung unterscheidet die Musikindustrie von ihrer Verwandtschaft. Um es mit den Worten von Karl Marx auszudrücken: Die Produktionsmittel liegen nicht mehr allein in den Händen der Großkapitalisten, sondern sind mittlerweile nahezu frei zugänglich. Ein mittelmäßiger Laptop mit Digital Audio Freeware, Soundcloud, ein bisschen Glück um den sagenumwobenen Nerv der Zeit zu treffen und zack feddich: Eine Musikkarriere. Zwar etwas überspitzt formuliert, aber doch eine relativ treffende Beschreibung der Entwicklung einer ganzen Industrie. Der Weg geht, zumindest abseits des Radiopops, ganz klar weg vom Major Label und hin zum DIY-Konzept. Geschrieben und produziert wird im Kinderzimmer, das Musikvideo mit dem iPhone gedreht, veröffentlicht auf Soundcloud und YouTube, vermarktet in Insta-Stories. Auch wenn das Konstrukt des klassischen Albums vermehrt in Frage gestellt wird, hält es sich hartnäckig als wichtigstes Medium der Publikation.

Kanye West wollte mit The Life of Pablo ein Albumkontinuum schaffen, das immer verändert und niemals fertig wird, Drake veröffentlichte sein Werk More Life 2017 mit der Kennzeichnung als Playlist. Auch wenn es letztendlich beim Versuch blieb, alternative Strategien anzubieten, hat sich doch einiges verändert im Hinblick auf die Veröffentlichung neuer Musik. Während man in früheren Jahrzehnten auf Tour ging um das eigentliche Werk – das kommende Album – zu promoten, kommt im Streaming-Zeitalter nur ein Bruchteil der Einnahmen über den Verkauf der Musik. So machte der physische Verkauf von Musik im Jahr 2017 nur noch 30 Prozent des weltweiten Umsatzes der Musikindustrie aus, der digitale Sektor (Streaming und digitale Verkäufe) ganze 54 Prozent. Die Haupteinnahmequellen stellen mittlerweile Konzerte und der Verkauf von Merchandise dar, Alben werden nunmehr noch als Promo für die kommende Tour veröffentlicht.

Die Digitalisierung macht sich in diversen Entwicklungen im Kreativ- und Produktionsprozess, in der Veröffentlichungsstrategie und letztendlich auch beim Konsum der Musik durch ihre Hörer*innen bemerkbar und zwingt eine ganze Industrie zur Anpassung.

Folgen für die Wertigkeit

Besonders die Veränderungen in den ersten beiden genannten Stufen im Schaffensprozess ermöglichen, dass so gut wie jede*r eigene Songs schreiben und veröffentlichen kann, was zu einem Überangebot an Musik auf dem Markt führt. Können in so einer Zeit überhaupt noch musikalische Meilensteine wie Abby Road von den Beatles und Nevermind von Nirvana entstehen? Oder entwickelt sich die Musikwelt zu einem Konglomerat aus One-Hit-Wondern und schnellvergessenen Eintagsfliegen?

Um das beantworten zu können, ist die Frage nach Qualität und Bedeutung von Musik und Kunst allgemein unumgänglich. Was zeichnet gute Musik mit Nachhaltigkeit in ihrem Wirken aus? Dass instrumentale Virtuosität und komplexe Kompositionen und Arrangements nur noch einen marginalen Teil der Bedeutung für das Publikum ausmachen, lässt sich alleine daran feststellen, dass Klassik und Jazz – die Genres, die diese Kriterien am ehesten erfüllen – nur einen kleinen Marktanteil an der heutigen Industrie darstellen. Kunst generell funktioniert hauptsächlich über ihren emotionalen Wert. Musik soll Gefühle auslösen und begleiten, an Erlebtes erinnern und Jugendkultur definieren. Ein gerne zitiertes Extrembeispiel ist die Punk-Bewegung des letzten Jahrhunderts, deren nonkonformistische Haltung und die Aussichtslosigkeit der jugendlichen Generation durch die musikalische Anarchie von richtungsweisenden Bands wie den Sex Pistols oder The Clash verkörpert wurde. Instrumentales Können und ausgefallenes Songwriting blieben völlige Nebensache, während Stilbrüche und gewollte Unvollkommenheit im Mittelpunkt standen. Und trotzdem – oder auch gerade deshalb – prägte die Musik das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Von diesem Standpunkt aus lässt sich deutlich einfacher eine nachvollziehbare Argumentation formulieren, warum Produktionsaufwand kein Maßstab für die Bewertung von Musik sein kann und lediglich als Mittel zum Zweck dienen sollte. Die Bedeutung von Kunst muss unabhängig von Zeit, Geld und Ausbildung sein, die in ihre Entstehung fließt, da ein kalkulierter Produktionsprozess keinen Einfluss auf die Emotionen hat, die das Werk formen oder durch jenes geformt werden. Dem Publikum kann es egal sein, wie viel Zeit im Studio verbracht wurde, solange es sich in der Musik wiederfinden und sich über diese definieren kann. Die Digitalisierung der Musikbranche lässt also auch in ihrer Schnelllebigkeit noch das Aufkommen von Werken mit nachhaltiger Wirkung zu, lediglich die Filterfunktion der Major Labels für neue Musik hat in ihrer Bedeutung durchaus nachgelassen.

 

Text: Benedikt Broda

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