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Parallelwelt Uni Mannheim oder Wo sind eigentlich die Emos hin?

Für die meisten Studierenden ist die Uni ihr Lebensmittelpunkt, ein Mikrokosmos, eine Lebenswelt, die sie selbst ausgesucht haben. Eine Lebenswelt, die vielleicht ausgesucht wurde, weil sie mit romantischen Vorstellungen an einen Ort verbunden ist, an dem neugierige Köpfe und unverwechselbare Charaktere aufeinandertreffen, in Diskurs miteinander treten, sich aneinander aufreiben und abarbeiten.

Diese Erwartungshaltung wird auch durch die Homepage der Universität Mannheim verstärkt: „Kluge Köpfe aus aller Welt kommen auf dem Campus rund um das Barockschloss Mannheim zusammen, um gemeinsam zu lernen, zu diskutieren, zu forschen und den Grundstein zu legen, ihre Spuren in der Welt zu hinterlassen.“ Das Schloss als Universitätssitz bietet das passende Ambiente für das märchenhafte Szenario, in dem unterschiedliche Parallelwelten aufeinandertreffen und einen eigenen Kosmos schaffen.

 

Die hoffnungsvolle Erwartung, unaussprechlich aufregenden, kernigen und einzigartigen Charakteren zu begegnen, entpuppt sich jedoch schnell als Illusion und die Beschreibung „aufregend und kernig“ trifft bestenfalls auf den neuen Smoothie in der Kühltheke der Mensa zu. Stattdessen wirkt die Studierendenschaft in ihrer oberflächlichen Erscheinung eher wie genormtes EU-Gemüse, das sich über Altklausuren und mögliche Multiple-Choice-Fragen austauscht und Creditpoints wie Mensafraß in sich hineinschaufelt. Das Bild, das sich ergibt, ist eine uninspirierte graue Einheitsmasse, die von Banalitäten geprägt ist und deren unentschiedene Haltung in letzter Konsequenz Ausdruck in einem geradezu genormten Erscheinungsbild findet. Man sehnt sich nach Subkulturen, nach Parallelwelten, die das Bild mitgestalten, den Rahmen offenkundig sprengen und keinen Mengenrabatt beim Segelschuh-Verkäufer ihres Vertrauens beziehen. In diesem Sinne stellt sich die Frage: Wo sind eigentlich die Emos hin? Und mangelt es der Mannheimer Studierendenschaft tatsächlich an Subkulturen oder ist diese Sehnsucht lediglich Ausdruck einer romantisierten Vorstellung von Bildungsinstitutionen, die jeglicher Realität entbehrt?

 

Die Initiative Uni Spirit beschäftigt sich genau damit, herauszufinden, was die Mannheimer Studierendenschaft ausmacht und welcher „Spirit“ sie vereint. Das Ziel der Initiative ist es, vollkommen ohne normative Leitvorstellung, ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Studierenden zu stiften und gewissermaßen einen „Unistolz“ heraufzubeschwören. Zu diesem Zweck versucht die Initiative durch ihre wöchentlichen Treffen Studis fachbereichsübergreifend in einen Dialog miteinander zu bringen. Denn das Problem sehen die Initiatoren*Innen darin, dass man innerhalb der Studiengänge verharrt, sich gewissermaßen abkapselt und als Folge dessen ein bereicherndes Miteinander ausbleibt. Diese Beobachtung legt nahe, dass es sie gibt: „die Emos“. Sie treten in diesem Fall halt nur als BWLerinnen und MKWler auf. Treffen die Beobachtungen von Uni Spirit zu, mangelt es vielmehr an entsprechenden Plattformen, die einen Austausch und besagten Zusammenprall von Parallelwelten ermöglichen. Zielt dieser Austausch jedoch auf das Konstruieren eines gemeinsamen „Unistolzes“ ab, drängt sich die Frage auf, worauf man denn stolz sein soll als Studierender der Uni Mannheim. Der Versuch Fachschaften durch einen wie auch immer gearteten „Spirit“ zu vereinen, beruht auf dem Vorbild US-amerikanischer Universitäten, die den Studierenden ein an Identitätsverlust grenzendes Gemeinschaftsgefühl in der Ersti-Broschüre gleich zu Beginn mit auf den Weg geben. Die Nachahmung US-amerikanischer Modelle ist eventuell zu überdenken und die Sehnsucht nach „den Emos“ wird nicht befriedigt, sondern vielmehr geschürt.

 

Die Mitglieder von Uni Spirit verfolgen ein lobenswertes Ziel, wenn sie davon ausgehen, dass sich der Austausch zwischen Fachbereichsmitgliedern aufgrund ihrer individuellen Erfahrungswelten lohnen würde. Demnach existieren nämlich Parallelwelten fernab von Fachbereichszugehörigkeiten, die im Privaten stattfinden und unabhängig vom universitären Kontext ausgelebt werden. Damit läge die Ursache für das Zerplatzen des Uni-Märchens nicht in der Studierendenschaft selbst, sondern in der eingenommenen Perspektive und in der gegebenen Struktur der Universität Mannheim. „Seit Generationen bildet die Universität Mannheim Führungskräfte für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft aus“, lautet es in der Selbstbeschreibung der Uni Mannheim. Bildung wird mit Erfolg und Effizienz gleichgesetzt und das Bestehen in einer solchen Struktur lässt verständlicher Weise keinen Raum für Parallelwelten, die über eine Fachschaftszugehörigkeit hinausgehen.

 

Auf der Suche nach den „Emos“ ist nicht die bloße Existenz von Parallelwelten entscheidend, sondern deren Qualität. Richtet man den Fokus auf die Ebene der sich voneinander abgrenzenden Studiengänge, ist die Qualität der Unterscheidungsmerkmale dürftig und wenig relevant. Verlässt man diese Ebene und geht kleinteiliger vor, findet man jedoch ein Universum verschiedener Parallelwelten, die so fein nuanciert sind in ihrer Individualität und Privatheit, dass sie das Gesamtbild der Studierendenschaft nur unmerklich beeinflussen, wenn überhaupt. Dennoch gibt es sie, diese kleinen privaten Mikrokosmen in die sich jeder Einzelne zurückzieht, in denen man privat zuhause ist. Jedoch bleiben diese privaten Parallelwelten der Allgemeinheit verborgen und werden erst dann sichtbar, wenn man sich intensiv mit ihnen auseinandersetzt. Vielleicht kann man sie mit den tieferen Schichten eines Brauseballs vergleichen, dessen innere Farbvielfalt erst nach intensiver Bearbeitung mit der Zunge zum Vorschein kommt.

 

Auch die nach außen gerichtete Perspektive vermag einem über den Schmerz der verlorenen „Emos“ hinwegzuhelfen. Die Universität in sich ist eine Parallelwelt in der Gesellschaft, ein Mikrokosmos, eine selbst ausgesuchte Lebenswelt, die trotz der Vorbereitung auf künftige Führungspositionen ein Schutzraum ist und bleiben sollte. In diesem Kontext sind die Studierenden selbst „die Emos“ und können ihr Privileg auf Bildung nutzen, um „ihre Spuren in der Welt zu hinterlassen“. Dass innerhalb des Uni-Alltags keine Struktur besteht, welche die Etablierung von Parallelwelten begünstigen würde, ist für die Märchenliebhaber desillusionierend. Aber um jener Ernüchterung entgegen zu wirken, bleibt schließlich immer noch die Flucht in die privaten Parallelwelten. Wer weiter an dem Märchen „Universität“ festhält, sehnt sich vielleicht im Grunde nicht nach den „Emos“, sondern nach dem augenscheinlichen Ausdruck von Diskonformität, der zum Zusammenprall und Diskurs auffordert. Zur Befriedigung dieser Sehnsucht braucht es den richtigen Kontext, den man sich entweder in einer anderen Parallelwelt sucht oder aktiv schaffen muss, sodass die Studierendenschaft ein Bild hervorbringt, dass nicht mehr in den Rahmen universitärer Strukturen passen kann und deshalb entsprechend angepasst werden muss.

 

Text: Laura Lötzner & Paul Fuchs

Illustration: Benjamin Belhocine

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