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Parteiarbeit ist nicht immer nur sexy

Was ist unter Generation X, Y und Z zu verstehen und welche Erwartungen stecken hinter diesen Zuweisungen? Um diese Fragen zu beantworten, lud das Mannheim Forum Generationenforscher und Spitzenpolitiker*innen zum gemeinsamen Gespräch ein.

Ein wenig surreal mutete die ganze Szenerie zu Beginn schon an. Security-Personal in adretten Anzügen kontrollierte streng die beiden Eingänge des SO 108 Hörsaals, denn der Andrang war groß. So groß, dass sie Schlange bis zum Campus-Shop reichte. Wann hat man schließlich die Gelegenheit Spitzenpolitikern so nah zu sein? Im Hörsaal selbst tummelten sich schon zahlreiche Fotografen vor der Bühne, während die Diskussionsteilnehmer bereits ihre Plätze eingenommen hatten und sich ungezwungen miteinander unterhielten.

Während die Schaulustigen die letzten freien Plätze zugewiesen bekamen, nutzte Moderator Dirk Emig die Chance, um das Publikum zu fragen, wer denn alles an der Universität Mannheim studiere. Fast alle Hände gingen dabei in die Höhe. Aber Dirk Emig wollte es noch genauer wissen und fragte nach, wer denn alles BWL studiere. Diesmal waren die fast genauso vielen emporsteigenden Hände mit lautem Gelächter begleitet. Das Eis war gebrochen und die Diskussion konnte starten.

Einführend stellte der Generationenforscher Christian Scholz sein Konzept der Genrationen X und Y vor, an denen sich die Diskussion abarbeiten sollte. Genration X, das seien junge Menschen, die zwischen 1980 und 1994 geboren sind und den feuchten Traum jeder Personalabteilung darstellen. Work-Life-Balance ist ein Fremdwort und die Karriere erste Prämisse. Ganz anders sieht es aber bei der Genration Z aus, deren Grenze bei 1995 zu ziehen ist. Sie sind laut Christian Scholz Theorie, der absolute Widerspruch zur Generation davor. Freizeit ist ihnen schlichtweg wichtiger als Arbeit und somit sind sie natürlich erstmal prinzipiell schlecht für die Wirtschaft.

Ähnlich wie bei der Einstellung zur Arbeitswelt verhalte es sich auch mit der Politik. Junge Menschen verfolgten ihre politischen Interessen zwar mit viel Energie, aber eben nicht langfristig. Der Bundesvorsitzende der Jusos Kevin Kühnert erkennt dabei ein Schema. Die Intervalle werden immer stärker, in denen Themen online mit einer großen Intensität diskutiert werden; sich dann aber wieder schnell entladen, da es schon wieder aktuellere und somit wichtigere Themen gibt. Viele Themen werden einfach nicht langfristig zu Ende gedacht, weil sich meist keine Verantwortlichen ausmachen lassen. Gerade Themen wie Umwelt und Digitales seien dieser Genration jedoch wichtig und Kühnert gestand, dass seine Partei den Anschluss an diese Themen verpennt hätte und versprach gleichzeitig diese Aspekte zukünftig mehr in den Vordergrund zu rücken.

Die Bundesvorsitzende der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer betonte, dass sie  sich über die Selbstwirksamkeit von jungen Menschen freue; bemängelte aber ebenfalls, dass Ideen zwar oft positiv aufgenommen werden, aber dann nicht entsprechend zu Ende ausformuliert werden. In diesem Kontext merkte sie an: „Parteiarbeit ist nicht immer nur sexy“. Die Menschen unterschätzten oft den bürokratischen Aufwand, der dahintersteckt.

Die ehemalige Umweltministerin Babara Hendricks bezog sich daraufhin auf ein aktuelles Thema.

Sie hätte sich die momentane Unterstützung der Fridays for Future Bewegung für ihren damaligen innerparteilichen „Kampf“ gegen Sigmar Gabriel gewünscht.

Zwar wird das Thema Umweltschutz schon seit Jahrzehnten von Wissenschaftlern immer wieder in den Vordergrund des gesellschaftlichen Diskurses gerückt; aber gerade Aktionen wie Fridays for Future steigern die Bedeutung der Debatte und zwingen somit die Politik sich intensiver mit dem Thema Umweltschutz zu beschäftigen.

Annegret Kramp-Karrenbauer lobte weiterhin den Mut junger Menschen ihren Mund aufzumachen. Demonstrationen gehören zur Demokratie dazu und sie selbst sei auch schon auf einigen mitgelaufen. Darauf wirft Dirk Emig sofort die Frage ein, welche Demonstrationen, dass denn gewesen wären. Woraufhin sie die Demonstrationen gegen die Sowjetische Intervention in Afghanistan, den BRD-Besuch Erich Honeckers und den Nato-Doppelbeschluss (wobei da natürlich als Gegendemonstrantin) aufzählt. Für sich selbst stellte sie fest, dass sie Mutter von zwei Y-Generation Kindern und eines Z-Generation Kindes sei, diese jedoch überhaupt nicht auf die spezifischen Beschreibungen zutreffen würden. Die Parteivorsitzende der CDU erzählte insgesamt oft aus ihren Privatleben und betonte, dass sie von ihren Kindern auf politische Themen angesprochen wird und das auch nicht immer im positiven Sinne.

Dabei waren sich alle Politiker einig, dass es schwieriger sei, die Genration Z zu erreichen, da sie ein komplett neues Mediennutzungsverhalten entwickelt hätte. Zwei Fragen an das Publikum zeigten dies deutlich. Sowohl auf die Nachfrage, wer eine Tageszeitung lese, als auch bei der Frage nach der ZDF Talk-Show Markus Lanz blieben die Hände im Saal weitestgehend unten. Es müssten neue Kommunikations-Strategien gefunden werden, um die junge Generation zu erreichen und noch viel wichtiger langfristig für Politik zu begeistern. Christian Scholz forderte in diesem Kontext sogar die Abkehr von einer klassisch repräsentativen Demokratie hinzu einer Zivilgesellschaft, die sich den individuellen Interessen der Bürger*innen besser widmen könnte. Wie dies jedoch funktionieren könnte, blieb Christian Scholz schuldig zu erklären und sah sich scharfer Kritik vor allem seitens Babara Hendricks ausgesetzt.

Zum Ende der Diskussion hatten die Redner*innen noch mal Gelegenheit die Politik der letzten Jahre Revue passieren zu lassen und Eingeständnisse zu machen, welche politischen Entscheidungen ihrer Parteien schlichtweg Fehler waren. Kevin Kühnert prangerte gleich zwei Themen an. Zum einen die späte Umwelt-Arbeit der SPD und die Agenda 2010 mit der die Partei mit den Erwartungen ihrer eigentlichen Stammwählerschaft brach. Als Babara Hendricks noch am Überlegen war, was ihr zu dieser Frage einfiel, sprach Christian Scholz sofort die Bologna-Reform an. Worauf Hendricks zwar Fehler eingestand, jedoch gleichzeitig entgegnete, dass die Hochschulen ebenso schuldig wären. Nach diesen Selbsteingeständnissen kamen die berühmten letzten Worte. Hier erhielt Kevin Kühnert einen besonders euphorischen Applaus vom Publikum. Er sprach die BWL-Studierenden direkt an und ermahnte sie als privilegierten Teil der Gesellschaft nicht die sozial Benachteiligten zu vergessen.

Was blieb nach dieser Diskussion übrig. Unterhaltungswert bot sie auf jeden Fall, insbesondere weil Moderator Dirk Emig souverän durch die Diskussion führte und an den richtigen Stellen nachfragte. Die Einsichten in den politischen Alltag der Spitzenpolitiker*innen und auch die interessanten Anekdoten waren durchaus unterhaltsam und füllten die knapp 60-minütige Diskussion wunderbar aus. Dennoch ging die Diskussion ein wenig am Thema vorbei. Die Frage war doch welche realen Erwartungen die Politik an die Generation Z richtet und nicht was gut und schlecht läuft in der Politik. Auch der eigentliche Generationenkonflikt wurde nur am Rande besprochen. Vielleicht aber auch weil die Ausgangsrage falsch gestellt war. Denn die Generation Z sollte vielmehr gefragt werden, welche Erwartungen sie an eine Politik hat. Gerade durch ihre neue Art der Mediennutzung und Informationsbeschaffung, die sich durch eine bessere Vernetzung auszeichnet, ist es gefährlich davon auszugehen, dass sich das politische System nicht anpassen müsste, wie es Wissenschaftler wie Christian Scholz fordern.

Text: Joe Brandes

Foto: Robin Rei

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