Kultur Theater

„Primark ist unser Leben“

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Das Capitol in Mannheim, gefüllt mit 99% Frauen. Lediglich eine Hand voll Männer trauten sich am vergangenen Valentinstag in die Löwenhöhle. Der Grund: Senna Gammour zerstört sie alle, laut eigenen Aussagen zumindest.

Es ist 20 Uhr, die Anführerin der hungrigen Meute betritt die Bühne. Kreischende Mädels feuern Senna Gammour an, die direkt zu Beginn ihres Auftritts singend die Bühne betritt. Sie bleibt ihren Wurzeln treu, denn bekannt wurde die Deutsch-Marokkanerin durch die Casting-Show Popstars, die sie 2006 gewann. Seit 2016 ist sie mit ihrem ersten Comedy-Programm auf Tour, dass den zum Valentinstag passenden Name „Liebeskummer ist ein Arschloch“ trägt. Wie der Titel bereits verrät, geht es um die Liebe, Trennungen und Probleme mit Männern, die wohl jede Frau bereits durchlebt hat. Damit trifft sie genau den Nerv der anwesenden Zuschauerinnen, die ihr freches Mundwerk wohl schon aus zahlreichen YouTube-Videos und den diversen Social-Media-Auftritten der Frankfurterin kennen.  Und alle, die „Sister Senna“ erst an diesem Abend kennen lernen, erhalten ein umfassendes und authentisches Bild der 37-Jähringen. Wie sie immer wieder betont, ist sie eine Frau wie jede andere, geht arbeiten, durchlebt Liebe und Liebeskummer. Wahrscheinlich deswegen können sich viele mit ihr identifizieren.

Den roten Faden in ihrem Programm stellen sieben Trennungsphasen dar, die man, laut Senna, durchläuft, wenn der Partner mit einem Schluss gemacht hat. Neben einem anfänglichen Schock und abschließendem Hass spielen vor allem Freundinnen eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Trennungserlebnissen. Diese stellt Senna nacheinander vor, erzählt von eigenen Erfahrungen und den lustigsten Momenten. So charakterisiert sie die „Ich hab’s dir doch gesagt-Freundin“, die im Nachhinein natürlich alles schon vorher wusste. Auch ist die „vernünftige Freundin“ weit verbreitet, die ein perfektes Leben mit einem perfekten Mann und einer perfekten Familie lebt. Nicht zu vergessen ist jedoch die beste Freundin, die die Trennung nur mit „Du bist eh zu schön für ihn!“ kommentiert. Ihre eigene, beste Freundin – Clamsy –  ist an diesem Abend ebenfalls anwesend, dreht Videos und ist gleichzeitig Mittelpunkt einiger Geschichten der Sängerin.

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Der ganze Abend im Capitol lebt von Sennas authentischer Präsenz, die auf der Bühne, mit aufwendigem Styling und Glitzer-Look, genauso wirkt, wie in ihren Videos auf diversen Social-Media-Plattformen, in denen sie ihre Gedanken frei und spontan in die Frontkamera ihres Smartphones erzählt. Die Leidenschaft für das, was sie macht, ist ihr deutlich anzusehen. Zu jedem Thema, das sie auf der Bühne bespricht, hat sie eine passende Anekdote aus dem eigenen Liebesleben parat. Dabei ist sie immer in Bewegung, läuft von einem Bühnenrand zum anderen, springt, gestikuliert wild, zeigt so oft ins Publikum, dass sie mehrmals beschwichtigend erklären muss, dass die Beleidigungen nicht auf die Zuschauer bezogen sind. Gleichzeitig ist die Sängerin aber auch am Kontakt interessiert. Immer wieder stellt sie Fragen ins Publikum – „Wer von euch hat alles ein Fake-Profil auf Facebook?“ – und lässt sich persönliche Liebeskummer-Schicksale erzählen. Dabei betont ihre Haltung auf der Bühne immer wieder, sie will eine von denen da unten sein. „Primark ist unser Leben“ beschreibt sie sich und ihre Fans pointiert, nur um kurz noch – fürs gute Gewissen –  hinzuzufügen, dass dieses Unternehmen ja Kinderarbeit unterstütze.

Warum Männer Arschlöcher sind und Frauen … nicht.

Der Humor von Senna funktioniert in ihrem Programm häufig über ein klares Männer-Klischeebild. So wie der Berliner Humorexperte und Hobby-Medienkritiker Mario Barth in seinen Programmen über die Art Freundinnen berichtet, die verrückt nach Handtaschen-Outlets und Dildo-Partys sind, so erzählt Senna von Männern, die stets auf der Suche nach leicht zu habenden, hübschen Mädchen sind, die sie bei Bedarf auch schnell wieder loswerden können – oder wie sie Senna liebevoll betitelt: „Hurensöhne“. Leider bleibt sie mit ihren stereotypen Männern-Beschreibungen sehr oberflächlich. Vieles, das sie dem anderen Geschlecht vorwirft, ließe sich aber auch kurzerhand auf klischeehafte Frauenbilder umdrehen. So erzählt Senna von verschiedenen Sätzen, die Männer verwenden, wenn sie die Beziehung beenden wollen: „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir“ und: „Du bist wie eine Schwester für mich.“ Spätestens seit jahrelanger ProSieben-Sozialisation durch amerikanische Sitcoms und „Sex and the City“ dürfte bekannt sein, dass diese Sprüche genauso oft von Frauen verwendet werden. Klar, Humor funktioniert häufig über Überspitzung und ist auch selten politischer Korrektheit verschrieben, doch hätte man sich an einigen Stellen ein bisschen mehr Tiefe und Überraschungen gewünscht.

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Gegen Ende wendet sich das Programm der Frankfurterin in eine Richtung, die an kirchliche Befreiungsgottesdienste erinnern, wie sie tagsüber auf Bibel TV gesendet werden. Ging es gerade noch um Scheidenpilz, fordert Senna ihr Publikum nun dazu auf das Mantra zu wiederholen: „Ohne Männer seid ihr: Schöner, Besser, Erfolgreicher.“ Neben all den humorvollen Hasstiraden auf Arschloch-Männer (oder korrekter gesagt: Hurensöhne) scheint für Senna aber vor allem Eins am wichtigsten zu sein: Sie möchte hilfreiche Tipps geben, den Mädchen zeigen, dass sie es wert sind, geliebt und gut behandelt zu werden.

Text: Marie Amberg, Matthias Mohler

Bilder: Matthias Mohler

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