Kaleidoskop

Prostitution im Schaufenster

Titelbild ©Giada Galow

Lupinenstraße, 68169 Mannheim. Was zunächst nach einer gewöhnlichen Adresse klingt und tagsüber auch beinahe so aussieht, ist täglich Schauplatz von Dingen, von denen üblicher Weise nur hinter zugezogenen Gardinen gesprochen wird. „Nach West geht man nicht!“„Wo ist denn hier der nächste Puff?“. Sätze wie diese bekam auch Julia Wege einige Male während ihres Studiums zu hören. Sie studierte Soziale Arbeit in Heidelberg und wohnte in Neckarstadt-Ost. Ihr war wie vielen Mannheimern bekannt, dass die Lupinenstraße die „Puffstraße Mannheims“ ist.  Welche Geschichten sich hinter den roten Eisentoren, welche die Straße vor neugierigen Blicken abschirmen, abspielen, wissen aber nur die Wenigsten.

Während ihres Studiums arbeitete Julia Wege in einer Beratungsstelle für Obdachlose in Weinheim. Das Schicksal einer jungen Frau, die jeden Abend bereit war, ihren Körper für wenige Euro an die Obdachlosen zu verkaufen, war für Wege erschreckend und motivierend zu gleich. Sie wollte helfen. Seitdem hat sie das Tabuthema „Prostitution“ nicht mehr losgelassen. 2010 machte sie ihren Abschluss an der SRH Hochschule in Heidelberg mit einer Masterthesis zum Thema Prostitution.

„Als ich fertig war, herrschte erstmal großes Schweigen um meine Arbeit. Für mich war aber klar, dass ich nicht einfach auf meiner Arbeit rumsitzen kann, sondern dass ich etwas gegen das, was ich herausgefunden hatte, tun will. Für mich war das eine große Belastung, da ich so viele neue Erkenntnisse zu dem Thema hatte und sie mit keinem teilen konnte.  Ich habe dann versucht, an die Öffentlichkeit zu gehen, doch auch da herrschte nach anfänglichem Interesse wieder Schweigen.“

Ihr begleitender Professor Martin Albert war es, der mit der Diakonie in Mannheim in Kontakt kam, wo die Idee einer Beratungsstelle sofort rege Begeisterung fand. Heute ist Julia Wege Leiterin der Beratungsstelle.

„Ich dachte während meines Studiums immer, ich kümmere mich um die kleinen Sachen – Leitung, das ist nichts für mich.“

Bereits 2009 fing sie an, im Rahmen ihrer Masterarbeit, über die Prostitution in Mannheim zu recherchieren. Während der Stadtteil Jungbusch einst als Zentrum der Rotlichtszene bekannt war, sind es heute vor allem die  Lupinen- und die Industriestraße in Neckarstadt-West. Alles außerhalb dieser zwei Straßen liegt im Sperrbezirk der Stadt, es ist also verboten, dort sexuelle Dienstleitung gegen Geld anzubieten. Hotels, Massagesalons oder private Wohnungen hält das aber nur selten davon ab.  Deshalb realisierte Wege drei Jahre später auch in der Neckarstadt-West, nur wenige hundert Meter von der Bordellstraße entfernt, einen Ort neuer Hoffnung für die Hilfe suchenden Frauen. Mittlerweile hat sie mit Martin Albert, dem begleitenden Professor ihrer Masterthesis, bereits ein Buch mit dem Titel „Soziale Arbeit und Prostitution“ veröffentlicht. Der Bezug zu Studierenden ist ihr auch nach wie vor unheimlich wichtig.

Bild1; „Wir sind für dich da“ – Das Schaufenster in M1 ©Giada Galow

„Das Logo unserer Beratungsstelle wurde zum Beispiel auch durch eine Masterarbeit einer Grafikdesign-Studentin der Hochschule Mannheim entworfen. Wir haben immer wieder Praktikanten oder Studenten, die ihre Bachelorarbeit über unsere Arbeit schreiben wollen.“

Über 125 Frauen haben die Beratungsstelle bereits besucht. Oft sind sie Opfer von Menschenhandel und können kaum mehr Deutsch als: „Ficken 30 Euro, Blasen 20 Euro, ohne Gummi 20 Euro extra.“

Es gibt aber auch Ausnahmen: Zwei Schwestern aus Bulgarien, die im Rotlichtmilieu arbeiten und Amalie regelmäßig besuchen, haben in ihrer Heimat BWL studiert, in wenigen Wochen Deutsch gelernt und fühlen sich völlig unterfordert. Wege will sich dafür einsetzen, dass die Schwestern die Uni Mannheim als Gasthörer besuchen dürfen, um ihnen eine neue Perspektive aufzuzeigen. Fälle von Studierenden, die sich prostituieren um sich ihr Studium zu finanzieren, seien aktuell zwar nicht bekannt, Julia Wege erzählt jedoch von einer Frau, die sich über die Onlineberatung bei ihr gemeldet hat:

„Die Frau hat als Studentin als Prostituierte gearbeitet, hat es zwar aus dem Milieu geschafft, doch lebt ständig mit der Angst, dass ihr altes Leben sie einholt. Ihr Ehemann weiß nichts von ihrer Vergangenheit und das belastet sie natürlich.“

Für genau solche Fälle ist „Amalie“ da und unterstützt an so vielen Punkten wie möglich, ob durch ausgiebige Beratung und Hilfestellung, oder einfach nur durch das Spenden eines sicheren Umfelds in der Not.

Bild 2; ©Giada GalowIm Oktober 2015 schlossen sich Amalie und die Organisation „Carokissen“, welche sich mit der Betreuung psychisch und physisch beeinträchtigter Menschen befasst, zu einem gemeinsamen Projekt zusammen. Am 20.08.2015 wurde das Ergebnis im Schaufenster im Haus der Evangelischen Kirche in M1 den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit präsentiert. Zum Vorschein kam ein aufwendig dekoriertes Schaufenster, einem Bordellzimmer nachempfunden, in dessen Mitte sich eine in Dessous gekleidete Schaufensterpuppe befand. Um die Figur herum hingen Sprechblasen, gefüllt mit Sätzen, die leider zum Alltag vieler Prostituierter gehören. Sorgen, Beleidigungen, Ängste. Doch dieses in Rotlicht getauchte Kunstwerk sollte nicht nur provozieren. „Carokissen“ warb im selben Schaufenster für eine Spendenaktion, bei der ein Euro vom Erlös eines jeden verkauften Kissens, an „Amalie“ gespendet werden sollte. Nicht nur stehen bleiben und nachdenklich den Kopf schütteln. Die Kooperation der beiden Einrichtungen ermöglichte es den Interessenten direkt zu helfen.

Für viele Studenten ist eine solche Laufbahn, wie die Julia Weges, eine Wunschvor-stellung. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass eine Abschlussarbeit der Grundstein für die gesamte berufliche Karriere sein kann. Mit Leidenschaft und Engagement hat Wege es geschafft, aus ihrer theoretischen Arbeit heraus, in die Praxis zu finden und so vielen Frauen neue Hoffnung zu schenken.

Text: Marissa Wagschal, Giada Galow

Fotos: Giada Galow

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