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Punchen gegen die deutsche Leitkultur!

Max Czollek liest am NTM aus „Gegenwartsbewältigung”

Eine alte jüdische Midrasch erklärt ein Gebot aus dem alten Testament, von dem ein gewisser Jesus sich später als Fanboy outen sollte so: 

Zwei Freunde sitzen unter einem Baum. 
Fragt der eine der anderen: „Mein Bruder, liebst du mich?” 
Darauf sagt der:” Natürlich liebe ich dich!” 
„Weißt du denn warum ich leide?” 
„Nein, das weiß ich nicht.” 
„Dann, mein Bruder, kannst du mich nicht lieben.”

So oder so ähnlich wie diese Erklärung der jüdischen Nächstenliebe, könnte man den Solidaritätsbegriff beschreiben, den die Autoren Max Czollek und Necati Özeti, sowie die Regisseurin Sapir Heller an diesem Samstagabend am Nationaltheater von uns allen einfordern. „Gegenwartsbewältigung” heißt das neueste Buch von Max Czollek. Seit Erscheinen seines ersten Essaybandes „Desintegriert euch” vor zwei Jahren ist er allseits gern gelesener und interviewter Posterboy des politischen Feuilletons. Er ist keine 40, spricht druckreif und polemisch intellektuell und versteht sich selbst als Lyriker und Herausgeber des jüdischen Magazins Jalta. Czollek ist gleichzeitig einer von drei Kurator*innen der „Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur”, eines dezentralen Kongresses, bei dem diesen Oktober deutschlandweit die deutsche – bei Beschwörern des Abendlandes – die christlich-jüdische Leitkultur auch in Mannheim metaphorisch herausgefordert wird.  

Im Umgang mit antisemitischen, völkischen oder rassistischen Elementen dieser sogenannten deutschen Leitkultur, rufen Max Czollek, Sapir Heller und Hausautor Necati Öziri bei der Lesung zum – je nach Situation gar nicht mal so metaphorisch gemeinten – „punchen” auf. In der szenischen Lesung, bei der in einem Boxkampf Gedächtnistheater, Integrationsparadigma und Philipp Amthor in der einen und Adorno, Juden und Muslime sowie Statistik und Bundestagsarchiv in der anderen Ecke des Boxrings gegeneinander kämpfen, wird auf witzig-ernst-brutale Weise klar, dass wir Debatten- und Streitkultur dringend brauchen um mit unserer Vergangenheit und Gegenwart fertig zu werden. Mitunter fliegen Konzepte wie „Gedächtnistheater” und „Integrationsparadigma”, die vor allem in Czolleks Debüt „Desintegriert euch!” erklärt wurden, schnell und kommentarlos durch das Nationaltheater. Diejenigen, die das Vorgängerwerk Czolleks und die Antologie seiner Gang „Eure Heimat ist unser Alptraum” nicht gelesen haben, kamen sich daher vielleicht ein wenig lost vor, wie im zweiten Teil eines Marvel Films. Wer da die ersten Teile nicht gesehen respektive nicht gelesen hat, musste sich nach der Diskussion also noch einige Hauptcharaktere und Konzepte von Freund*innen erklären lassen. 

Das gelesene Kapitel macht deutlich, dass es darum geht, die großen Dramen deutscher Leitkultur zu überschreiben, mit deren Autoren zu streiten, oder wie Öziri sagt die Werke zu „korrigieren”. Im Moment arbeiten Öziri und Heller beispielsweise an der für Februar geplanten Inszenierung von „Gott Vater Einzeltäter”, und steigen dabei gegen niemand geringeren als den „Lieblingsautor der Deutschen” Heinrich von Kleist in den Boxring. Im der als „cancel culture” getauften Diskussion um den Umgang mit problematischen Werken ist sich das Podium also einer Meinung: Statt in den zwei entgegen gesetzten Optionen, große historische Werke entweder in einer schusssicheren Vitrine auf ein museales Podest zu erheben oder sie in einen dunklen Keller zu sperren und die Tür mehrfach abzusperren, nehmen Czollek und Konsort*innen den direkten Kampf mit ihnen und ihren Schöpfern auf. Und begnügen sich dabei auch nicht mit der dritten Option der kleinen Warnhinweise, Infotexte und Plaketten, die auf Menschenfeindlichkeit im historischen Kontext verweisen. Was sie wollen ist die Stücke zu brechen, statt sie immer und immer wieder so zu inszenieren „wie der Autor es gemeint haben könnte”, wie Sapir Heller betont. 

Das ist es auch, was Czollek konkret mit Gegenwartsbewältigung meint. Ihm geht es um mehr als nur darum, Begriffe der Neuen Rechten zu analysieren und in einen historischen Kontext zu setzen. Er beschränkt sich in seiner Analyse auch nicht wie so viele andere auf die AfD oder das Wiedererstarken rechter Strukturen seit der Wiedervereinigung. Ihm geht es vielmehr darum Kontinuitäten aufzudecken, wo Politik und Kulturinstitutionen in Ost wie West diese unter den Teppich gekehrt haben. Seine Analyse betrifft dabei insbesondere die Rolle von Kunst und Kultur. Diese beantwortete die Frage “Wie kann so etwas wie Deutschland nach dem Holocaust noch existieren?” nach dem zweiten Weltkrieg nämlich mit der einfachen Formel: Die deutsche Politik war bis jetzt sehr schlecht, die deutsche Kultur aber war sehr gut! Dass er dabei unter anderem kulturessenzialistische, fast schon völkische, Argumentationsmuster bei der berühmten Literaturkritikerin Thea Dorn aufdeckt, die so ähnlich auch Richard Wagner in seinem Essay über jüdische Komponisten vertrat, war für viele der anerkennend schnaufenden Zuschauer*innen der gegenwartsbewältigende Coup des Abends.

Man könnte es sich einfach machen, und behaupten das Nationaltheater in Mannheim reitet bei seiner Themensetzung wenig kreativ auf einer trendy, postmodernen, postmateriellen Diversity Welle. Man könnte gemein sein und behaupten, was dieses Jahr in Berlin aufgeführt wird, kommt nächstes Jahr nach Mannheim. Und man könnte das NTM daher als weniger hippe, weniger flexible und etwas biedere Außenstelle des Maxim-Gorki Theaters in Süddeutschland bezeichnen. Einem gewissen shitsorm-erprobten alten weißen Mann einer gewissen lokalen Feuilleton Redaktion würde so eine Kritik auch ähnlich sehen. (Die Kritik an Igor Levit lässt grüßen.) Und dann auch noch Anfang des Jahres die Bühnenfassung von Fatma Aydemirs  “Ellbogen” inklusive 4 Blocks Darstellerin Almila Bagriacik? Die Einladung von Ali Can und Hengameh Yaghoobifarah im März und jetzt ein Diskussionsabend mit Max Czollek? Berlinerischer gehts kaum. 

Und doch: Selbst wenn bei allen drei der letzten Hausautor*innen Enis Maci, Sivan Ben Yishai und jetzt Necati Öziri das Maxim Gorki in Berlin im Lebenslauf stand, als sie nach Mannheim kamen, ist das noch lange kein Zeichen von Einfallslosigkeit. Wer sich die Berichte über die eskalative Uraufführung Schillers „Räuber” vor zweihundertachtunddreißig Jahren durchliest, versteht, warum genau diese Personen, mit genau diesen gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen als Nachfolger*innen Schillers ausgesucht wurden: Das NTM will das Theater politisch dorthin entwickeln, wo es gesellschaftlich mehr denn je gebraucht wird. Und zwar zu einem Ort des Aufbruchs und der gelebten Solidarität.

Autor*innen wie Maci, Ben Yishai und Özeti, aber auch Lyriker und Kolumnist*innen wie Mely Kiyak und Max Czollek sehen das Theater – zum Glück – weniger als Ort, an dem über politische Missstände informiert und belehrt wird, wie das noch vor 300 Jahren der Fall war. Dazu stehen uns mittlerweile ganz andere und bessere Mittel zur Verfügung. Theater wird bei Ihnen vielmehr zu einem Begegnungsort, an dem man aus diesem faktischen Wissen Emotionen formen kann und daraus wiederum Empathie. Kein Wunder also, dass man sich in diesen wilden Zeiten Menschen ins Haus holt, die wissen wie man Empathie mit den Verlierer*innen der Geschichte schafft. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass sie oder Ihre Eltern dazugehör(t)en.

Text: Carlos Hanke Barajas

Foto: Christian Kleiner

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