Campusleben

Quo vadis, Jungbusch?

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Am 14.01. rief das stadtpolitische Bündnis „Wem gehört die Stadt?“ (WGDS) zu einem Stadtteiltreffen im Jungbusch auf. Aktueller Anlass war die Kündigung des Kardeş Stehcafés in der Beilstraße 8 – die Übergabe der Räume sollte schon am nächsten Tag stattfinden. Der Inhaber legte Widerspruch ein und versuchte, nicht zum ersten Mal, auf diese Weise seine Kneipe zu erhalten. Auf der Versammlung wurde klar: Dies ist kein Einzelfall. Auch dem seit 20 Jahren bestehenden „Café Batia“ an der Ecke Werft-/Beilstraße ist gekündigt worden, ebenso soll die Galerie „Strümpfe“ und das alteingesessene „Blau“ von Kündigung oder Mieterhöhung betroffen sein.

Was ist im Jungbusch los? Wer schon länger dort verkehrt, wird bemerkt haben, dass sich einiges verändert hat. Seit ein paar Jahren wird es in der Jungbuschstraße zunehmend enger bezüglich der Kneipen- und Barbetriebe. Lang- bis mittelfristig eingesessene Betriebe wie das „Rhodos“, die „Kombüse“ oder das „Nelson“ werden mittlerweile von neuen Läden wie der „Maria Bar“, dem „Kiets König“ oder dem „Tap Room“ gesäumt, die durch ihr höherpreisiges (Nischen-)Sortiment ein Klientel anziehen, das weniger alternativ ist als bisher und sich dieses Preisniveau leisten kann.

Die neuen Kneipen und Bars sind Gradmesser dafür, wie sich der Jungbusch mittels stadtpolitischer Maßnahmen und von EU-Geldern gefördert vom Problemviertel zur Keimzelle der Kreativwirtschaft entwickelt. Der Erfolg von C-Hub, Pop Akademie und Musikpark in der Hafenstraße zeigt, dass dieser Plan aufgeht. Es entstehen neue Jobs, mit ihnen zieht ein tatendurstiges Klientel nach Mannheim. Der Traum vom Musik- und Kreativstandort scheint wahr zu werden.

„Ja, geil“, wird sich so manche Mannheimer Studierende denken, „endlich eine Zukunftsperspektive vor Ort!“. Der nächste wird sich über den Verlust des Flairs ärgern, der mit der wachsenden Gentrifizierung einhergeht und die übernächsten werden sich freuen, dass es nun endlich ein richtiges Ausgehviertel in der Stadt gibt.

Für diejenigen, die im Jungbusch wohnen, sind die Konsequenzen oft ernster. Die Stadtpolitik korrespondiert nämlich blendend mit den Interessen großer Immobilienfonds wie der BNP Paribas, die schon mindestens 12 Häuser im Jungbusch gekauft hat. Darunter auch das Haus, in dem das Kardeş angesiedelt ist. Viele langjährige Mieter*innen, darunter auch WGs von Studierenden, werden mit Staffelmieten und Kündigungen konfrontiert, lassen sich unrechtmäßige Mieterhöhungen wegen Sanierungen, die dann nicht erfolgen, gefallen, und schlafen wegen der zunehmenden Ruhestörung immer schlechter. Die Entwicklungen treiben Menschen aus dem Viertel und von der Straße, die nicht mehr ins Bild passen.

Die Gentrifizierung im Jungbusch ist eine komplexe Angelegenheit ohne einfache Antworten. Neben den positiven Folgen, die der Prozess für Mannheim und das Viertel haben mag, kristallisieren sich in letzter Zeit immer deutlicher auch die negativen heraus. Wer von den Veränderungen betroffen ist oder sich engagieren will, dem sei das nächste Stadtteiltreffen der WGDS am 4. Februar 2017 um 16 Uhr im Café Batia in der Beilstr. 29 ans Herz gelegt. Dem Rest empfehlen wir weiterführende Lektüre. Informiert euch. Es ist Zeit, sich eine Meinung zu bilden.

Text: Eva Maria Schmitt, Foto: Louise Kaufmann

Weiterführende Links:

Zum Kreativstandort Mannheim, aus dem Jahr 2014

Zur Gentrifizierung, ihren Ursachen und Perspektiven der Mitgestaltung

Zum stadtpolitischen Bündnis WGDS

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