Allgemein

Retten

Wir haben uns auf die Suche begeben, ob und wie Containern oder „Dumpster Diving“ in Mannheim möglich ist. War das wühlen nach Nahrungsmitteln in Müllcontainern früher noch ein Phänomen unter Bedürftigen, wandelt es sich langsam zu einer Alternative für umweltbewusste Konsumverweigerer*innen.

„Anfangs war ich vorsichtiger, aber mittlerweile gehe ich auch früher am Abend.” Das glaubt man ihm gerne. Wir stehen am Straßenrand einer viel befahrenen Straße in den Mannheimer Quadraten. Autos fahren nur ein paar Meter neben uns vorbei. Es riecht nach Döner, Schokolade und – aus den drei großen Mülltonnen vor uns nach verfaultem Gemüse. Wir containern. Dabei sammelt man weggeworfene Lebensmittel, die noch genießbar sind, aus dem Müll von Supermärkten. Joshua – ein entfernter Bekannter – macht das seit einigen Wochen regelmäßig zusammen mit ein paar Freunden. Ich hatte ihn gebeten ihn einmal begleiten zu dürfen. Ich wollte wissen, was es damit auf sich hat und ob Containern eine wirkliche Alternative zum normalen Gang in den Supermarkt sein kann.

Eine unbekannte Person klettert über einen unbekannten Zaun.

Wir werfen Salatköpfe von einer Mülltonne in die andere auf der Suche nach den guten Auberginen, die sich darunter befinden. Zwischen den matschigen, angefaulten Äpfeln und Tomaten ist es nicht besonders schwer die glatten Schalen der Auberginen zu ertasten. Transportiert wird das gesammelte Essen in großen Plastiktüten und unseren Wanderrucksäcken. Für mich ist es das erste Mal, dass ich mit bloßen Händen in fast verdorbenem Gemüse wühle. Um ehrlich zu sein, hatte ich auch ein bisschen Respekt davor. Joshua dagegen wirkt an diesem Abend tiefenentspannt und hat sich beim Wühlenim Müll noch nicht einmal die Ärmel hochgekrempelt. Dabei ist das,was wir gerade tun, nicht legal: Fürs  Containern kann je nachdem, wie sehr die Mülltonnen gesichert sind, schon mal eine Anklage wegen Hausfriedens-bruch, Diebstahl und Sachbeschädigung anstehen. Laut der Juristin Anne-Christine Herr sind deutsche Staatsanwaltschaften und Gerichte allerdings erleichtert, wenn sie die „Lebensmittelretter” nicht bestrafen müssen: Kommt es überhaupt zur Anklage, würden die meisten Verfahren wegen Geringfügigkeit oder mangelnden Beweisen eingestellt werden. Das Schlimmste, was passieren kann, sind Sozialstunden. Trotzdem ist Containern hierzulande nicht legal, wie beispielsweise in der Schweiz oder Österreich. Daher bat Joshua mich auch, auf die Nennung der Supermärkte zu verzichten und seinen Namen zu ändern.

„Im Zweifel einfach immer dran riechen“

„Irgendwann habe ich gemerkt, dass es einfach nicht wirklich jemanden interessiert, was mit dem Müll hier passiert.” Wahrscheinlich hat er Recht: Es ist elf Uhr an einem Samstagabend und die auf der anderen Straßenseite sitzenden Leute scheinen lediglich ein wenig amüsiert, angesichts der drei im Müll wühlenden Studis. Vorbeikommende Familien, Rentner und Fahrradfahrer zeigen ebenfalls wenig bis gar kein Interesse an unseren Machenschaften. Wir fallen auf, aber angesprochen werden wir nicht. Ein Pfandflaschensammler kommt vorbei und leuchtet in eine Mülltonne neben uns. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, wie einfach alles abläuft.

Ich selbst hatte mir das Ganze viel krimineller vorgestellt. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir zielgerichtet, knapp eine Minute an der belebten Straße verbringen würden. Maximal. Stattdessen macht sich Joshua nach zehn Minuten seelenruhig an die zweite Mülltonne. Angst oder Nervenkitzel werden mit zunehmender Zeit immer mehr zu Fremdwörtern. Stattdessen ist es eher Ernüchterung, die sich nach der zwanzigsten Aubergine, dem zehnten Bündel Gewürze und der fünfzehnten Paprika unter uns breitmacht: All diese vollkommen genießbaren Produkte sind aus irgendeinem Grund nicht mehr Teil der Marktlogik. Joshua bestätigt mir meine Eindrücke: „Es gibt immer mal wieder den Punkt, an dem ich mir beim Containern denke: ‘What the Fuck! Das ist doch viel zu viel!”

Nachdem der dritte Wanderrucksack voll ist, machen wir uns schließlich auf den Weg zu den Tonnen eines anderen Supermarktes. Um an dessen Mülltonnen zu kommen, müssen wir über einen etwa zwei Meter hohen Zaun klettern. Schwer ist das nicht. Aber sicher um einiges weiter entfernt von der Legalität als beim vorherigen Supermarkt. Hier gibt es statt Gemüse vor allem Milchprodukte und Backwaren. Ich lerne, dass man bei den Schinken-Käse-Produkten aufpassen muss. Nach ein, zwei Tagen, die die Waren ungekühlt im Müll liegen, wird Fleisch schnell ungenießbar. Anders ist es bei den kleinen, bunten Joghurts, die wir stapelweise aus der Tonne holen. Sind sie verschlossen, kann man sie noch Tage später genießen. „Im Zweifel einfach immer dran riechen.”

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen im Müll

Später klingt Joshua wie ein richtiger Idealist, wenn er vom Leben im Überfluss spricht. Eine Eigenschaft, die man vielleicht nicht mit Studierenden der Uni Mannheim wie ihm verbindet. Andererseits ist es diese Art von Idealismus, die ihm ermöglicht, kaum noch Geld für Essen auszugeben. „Containern gehe ich mittlerweile zwei bis drei Mal die Woche. Foodsharing ist natürlich auch eine super Sache, aber es wird eben noch so viel weggeworfen, wo noch keine Strukturen zur Lebensmittelrettung da sind. Und zusätzlich funktioniert Containern super spontan!”

Ich kann ihn verstehen. Momentan lebt er zu einem großen Teil von den 18 Millionen Tonnen (!) Lebensmittel, die in Deutschland jährlich im Müll landen. Nach Berechnungen der Umweltorganisation WWF entspricht das etwa einem Drittel der jährlich für Deutschland produzierten Menge. Aufs das ganze Jahr gerechnet, werden alle Lebensmittel weggeworfen, die bis zum zweiten Mai für Deutschland hergestellt werden. Zuhause angekommen frage Ich ihn daher, wie sehr Containern auch in Mannheim Fuß fassen kann. „An anderen Studienorten ist es so, dass Studierende sich Samstagabends zufällig beim Containern treffen, und bis zu zehn Leute an einer Mülltonne stehen. Das könnte ich mir in Mannheim auch vorstellen.” Auf die Frage, was sein bester Fund war, muss er schließlich lachen: „Einmal bin ich nachts heimgefahren und habe mich echt über was Süßes gefreut.” Bleibt also abzuwarten, ob sich Mannheimer Studierende demnächst öfters über Süßes freuen können. Die Mülltonnen dafür stehen jedenfalls bereit.

Text: Carlos Hanke Barajas

Fotos: Ellen Fritzenschaft, Louise Kaufmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.