Kultur Theater

Schocktherapie für Spießer

Eine Rezension zur Premiere von „Privatleben“ im Theaterhaus G7

Auf den ersten Blick sehen wir Bilder einer Zukunft, die uns als Studis an der Uni Mannheim nicht allzu fern scheint: beruflich äußerst erfolgreiche, weiße Menschen in Deutschland. Akademiker mit kompliziert klingenden Hochschulabschlüssen, festen Verträgen und geregeltem Einkommen, die im Leben stehen und sich nicht schämen, spießig und langweilig zu sein. Und sogar, wie der von Frank Casali gespielte Lutz Ackermann, stolz darauf sind! Selbst wenn er es als Mitarbeiter seines familiären Kunstdüngerherstellers jahrelang versucht hat: Er findet sich mittlerweile damit ab, weder Privat- noch Berufsleben spannender zu machen, als sie sind.

Collagenhaft und mittels Zeitsprüngen seziert dabei Ulrike Syhas als Regisseurin und Autorin den Habitus der gebildeten Mittelschicht in Westdeutschland. Auf einer realistischen weil extrem nervenaufreibenden – Fahrt mit der Deutschen Bahn in ein Provinznest trifft Lutz zu Beginn des Stücks auf Klara (Mirjam Birkl). Sie ist ähnlich frustriert von ihrer drögen – aber immerhin super bezahlten – Arbeit als Archäologin. Dem Doktortitel sei Dank. Allerdings macht sie sich im Gegensatz zu Frank immerhin noch Hoffnungen, dass ihr Privatleben spannender wird. Immerhin könnte ja der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ihr gut zwei Jahrzehnte älterer Chef Rainer doch noch ein Kind von ihr will. Und für sie seine Frau verlässt.

Doch alle Doktortitel, Businessreisen und Kurzurlaube, alle mittäglichen Arbeitsessen in schicken Restaurants zu Weißwein, Dorsch und Dorade hinterlassen noch immer eine Leere in den beiden. Und die zeigt sich ausgerechnet, als sie im selben China-Restaurant in Bahnhofsnähe enden. Und schließlich im selben Hotelbett.

Die darauf folgenden Irrungen rund um das Ende der einen und den Beginn der anderen Affäre zeigen gut, wie verzweifelt und sinnlos es sich in der spätkapitalistischen deutschen Mittelschicht so kreucht und fleucht. Rund um Karla, Lutz und den von Matthias Hecht außerordentlich gespielten eifersüchtigen wie arroganten Chef Rainer wird deutlich, was das Ausbleiben wirklich inniger Beziehungen mit uns anstellt.

Die Bühne ist dabei – passend zu den fehlenden emotionalen Bindungen der Protagonist*innen – mit allerlei Krimskrams versehen. Auf einem ansonsten steril wirkenden weißen Tischblock tummeln sich Essen, Lampen, Geschirr, Handtücher und Sekt: Die meiste Zeit stehen diese Dinge nur dekadent im Weg. Wie ernst Klara es dabei mit ihrem Sicherheitsbedürfnis und dem Hang zum Materiellen meint, zeigt eindrucksvoll die phänomenale Szene, in der sich Klara ohne mit der Wimper zu zucken eine halbe Tube Sonnencreme auf die Arme reibt, während ihr Rainer altklug – oder neudeutsch passender mansplainend – die Weltwirtschaft erklärt. Als würde sie hoffen, dass genügend Creme mit genügend hohem Lichtschutzfaktor sie davor schütze, sich ihre Unzufriedenheit einzugestehen. Oder ihr eine Sicherheit geben könnte, die sie sonst nicht zu bekommen scheint.

Theaterhaus G7 Generalprobe von “Privatleben”, MIT Mirjam Birkl, Frank Casali, Matthias Hecht, Sina Peris, Vincenzo Tatti REGIE Inka Neubert BÜHNE & KOSTÜM Felicitas Wetzel MUSIK Pascal Wieandt Foto Thomas Troester

Die Nebendarsteller*innen Sina Peris und Vincenzo Tatti machen über das ganze Stück hinweg als Bedienungen, Bahnreisende und Kolleg*innen von Lutz und Klara die Alltagsbilder komplett. Skurril wird dabei dargestellt, wie selbst Pablo, der beste Freund von Lutz, und seine spätere Bekanntschaft Silke kaum etwas von seinem Leben erfahren. Und genau da setzt Syha mit „Privatleben“ auch an: Unnahbarkeit lässt uns eingehen, scheinen uns Lutz und Karla gegen Ende zuzurufen. Vor allem Frank Casali erweckt dabei in flammenden Plädoyers das Bedürfnis, sich selbst an den Ohren zu packen. Er prangert gefühlvoll an, was zwischen uns Menschen schief läuft. Dass wir anscheinend verlernt haben, Fassaden abzubauen. Uns einigeln und das dann unser „Privatleben“ nennen. Also knüpft echte Freundschaften, öffnet euch und sucht den Ausgang aus eurer selbstverschuldeten Spießigkeit!

Text: Carlos Hanke Barajas
Fotos: Thomas Tröster

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