Kaleidoskop

Schon vor dem Abschluss ausgebrannt

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Während ein Studium früher einmal die wohl ungezwungenste Zeit des Lebens bedeutete, ist es heute mit weitaus mehr als wilden Studipartys verbunden. Der Diplom-Psychologe Dr. Christoph Abel erklärt, welche Folgen zu hoher Leistungsdruck haben kann und zeigt, wie man stressige Prüfungsphasen auch ohne Burnout erfolgreich meistert.

Der einstige Klischeestudent, der guten Gewissens nach der letzten Party erstmal einige Tage schläft und Universitätsgebäude grundsätzlich meidet, scheint heute nur noch selten auffindbar. Der Mythos fleißiger Studierender entspricht stattdessen immer mehr der Realität, was spätestens einige Wochen vor den Prüfungen unschwer aus den müden Gesichtern in überfüllten Bibliotheken abzulesen ist. Verantwortlich dafür könnten die inzwischen stark durchstrukturierten Studienpläne sein, die deutlich mehr Arbeitsaufwand abverlangen und für Nebenjobs und Freizeitaktivitäten nicht mehr viel Zeit lassen. Doch nicht alleine die Umstellung auf die neuen Studiengänge schafft erschwerte Umgebungsbedingungen, auch auf dem Arbeitsmarkt werden Flexibilität und Zusatzqualifikationen, wie ehrenamtliche Tätigkeiten, immer öfter vorausgesetzt. Dass schon einigen Studierenden der hohe Leistungsdruck zum Verhängnis wurde, zeigt eine vom HIS 2010 veröffentlichte Befragung deutscher Exmatrikulierter zu den Motiven ihres vorzeitigen Studienabbruchs. Dabei gaben 20% der Befragten an, das Studium beendet zu haben, weil sie sich den hohen Anforderungen nicht gewachsen fühlten. Der direkte Vergleich belegt außerdem, dass es in Bachelorstudiengängen häufiger zu einem Abbruch kommt als in herkömmlichen Studiengängen.

Studierende der Universität Mannheim suchen immer häufiger psychologische Beratung auf

Ratsuchenden bietet das Studierendenwerk Mannheim mit der psychologischen Beratungsstelle (PBS) einen Anlaufpunkt. 2013 nahmen bereits 733 Studierende die Hilfe in Anspruch; die Anfragen sind seit den Vorjahren deutlich gestiegen. Am häufigsten werden Lern- und Leistungsprobleme angesprochen, dazu werden zunehmend Prüfungsangst, Selbstwertprobleme und Depressionen genannt. 16,9% der Personen äußerten sogar Suizidgedanken, die vermutlich das Resultat dieser Ängste sind.

Auch Dr. Christoph Abel schließt psychische Erkrankungen als Folge des hohen externen Drucks nicht aus. Der Diplom-Psychologe ist selbst Absolvent der Uni Mannheim und arbeitet aktuell in einer Psychotherapeutischen Praxis in Köln. Das Hauptproblem der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge sieht er in dem Autonomieverlust, der aus der stärkeren „Verschulung“ des Studiums resultiert: „Studierende haben weniger das Gefühl, Herr ihres Schicksals zu sein, sondern sie werden fremdbestimmt und Fremdbestimmung schafft viel Stress.“ Eine Diagnose des Erschöpfungssyndroms, das vielen auch als Burnout bekannt ist, ist daher heute, sogar vor Eintritt in den Arbeitsmarkt, gar nicht so abwegig. Bei der Vorbereitung auf Prüfungen wird schließlich eine Stresssituation geschaffen, deren psychischer Druck unter anderem von Schlaflosigkeit und Interessenlosigkeit begleitet werden kann. Doch nicht jede Stresssituation hat direkt ein Burnout zur Folge. Das zentrale Problem sieht Dr. Abel in dem Zustand der Belohnungsarmut, der speziell durch das Zurückstellen sozialer Bedürfnisse, wie Beziehungen oder Freundschaften, kreiert wird. Verbietet man sich solche Belohnungen über einen längeren Zeitraum, kann daraus schnell eine Depression resultieren, zu der Burnout nur eine Zusatzdiagnose ist. Irgendwann ist dann eine Erholung trotz Pausen nicht mehr möglich, der Prozess nimmt weiter seinen Lauf und kann letztlich bis hin zur totalen Erschöpfung führen.

„Man sollte darüber nachdenken, wie sehr man seine Grundbedürfnisse noch erfüllt.“

Durch das frühe Erkennen von Anzeichen kann oft noch rechtzeitig eingeschritten werden, da Burnout vielmehr ein schleichender Prozess als ein plötzlicher Zustand ist. Oft betrachtet man sich anfangs nicht als gefährdet, weshalb ehrliche Rückmeldungen von Freunden und Bekannten über eigene Verhaltensänderungen für eine realistische Selbsteinschätzung hilfreich sind.  Eindeutige Warnsignale sind laut Dr. Abel die langfristige Vernachlässigung sozialer Beziehungen, ein geringes Gefühl der Selbstbestimmung und ein abnehmender Selbstwert. Auch wenn ein Studium mit Stress verbunden ist, dürfen zusätzlich der Spaß am Lernen und Phasen der Erholung nicht zu kurz kommen. Um in Belastungssituationen einem Burnout direkt vorzubeugen, betont er, dass ausreichend guter Schlaf und gesunde Ernährung unerlässlich sind. „Es ist sehr wichtig, dass das parasympathische Nervensystem, das für Erholung und auch die Konsolidierung von Lernprozessen zuständig ist, aktiviert wird.“ Trotz engem Zeitplan, sollten deshalb zweimal 20 Minuten pro Tag zur Regenerierung, beispielsweise durch moderate sportliche Aktivitäten oder Meditation, aufgebracht werden.

Obwohl das Befolgen dieser Ratschläge effizientes Lernen deutlich erleichtert, sind für die Vermeidung eines Burnout-Syndroms auch das eigene Leistungsverhalten und der individuelle Umgang mit Misserfolgen entscheidend. Wer sehr perfektionistisch ist und damit zu hohe Ansprüche an sich selbst stellt, setzt sich nur noch zusätzlich unter Druck und ist stärker gefährdet. Es kann ja nicht jede Klausur mit Bravour bestanden werden und vielleicht wird sich der ein oder andere sogar eingestehen müssen, dass das falsche Studienfach gewählt wurde, ohne es direkt als persönliches Scheitern zu empfinden. So lautet der abschließende Rat des Experten: „Ball flach halten, Ansprüche senken und realistisch sein. Alle wollen immer so toll sein und man vergisst darüber, zufrieden zu sein.“

Text & Bild: Nadine Reuter

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